1973: Golo Mann über seine Begegnung mit Konrad Adenauer

Seit die große Konzeption von Adenauers Außenpolitik deutlich wurde, und das geschah sehr früh, empfand ich Bewunderung für den Schöpfer der Bundesrepublik. Noch heute, in schon wieder tief veränderten Zeiten, existieren wir auf der Grundlage, die er schuf, leben wir von dem Kapital, das er sammelte. Freilich war mir auch, wie jedem, der sehen wollte, der Widerspruch in seiner Politik von Anfang an deutlich. Sie war konstruktiv im höchsten Grade, aber sie war nach Osten hin defensiv. Und sie gab sich als offensiv aus, wollte die Teilung Deutschlands überwinden, das „Reich“ erneuern, den Kommunismus zurückdrängen. Das Versprechen war an sich irreal, so wie es mit den Machtverhältnissen nun einmal stand und für alle irgend absehbare Zeit stehen würde. Besonders aber vertrug es sich nicht mit Adenauers westeuropäischer Integrationspolitik. Die Frage, ob der Bundeskanzler das wußte, wird mir immer ein psychologisches Rätsel bleiben. Er wollte es nicht wissen. Seine Verneinung des gesamteuropäischen Status quo war ihm zu einem Tragpfeiler eben dieses Status quo geworden, den er im freien Westeuropa defensiv zu festigen und schöpferisch zu gestalten strebte. Vielleicht mußte dieser Widerspruch sein, eine Zeitlang. Vielleicht mußte man die Bürger der neuen Bundesrepublik erst allmählich daran gewöhnen, daß ihr Staat nicht das Provisorium sei, als welches er ausgegeben wurde, sondern so endgültig, wie in irdischen Dingen etwas ist. Es gibt Wahrheiten so bitterer Art, daß es gut ist, sie nicht mit einem Schlag zu enthüllen. Trotzdem glaube ich rückblickend, glaubte ich auch damals, daß, nachdem die Bundesrepublik schon ein Jahrzehnt lang überaus erfolgreich bestanden hatte, die Zeit reif war für die Verwandlung stummer, blinder, darum explosiver Nachbarschaft in eine rechtlich geregelte. Auch hätte Adenauer, der harte Skeptiker, das Unvermeidliche wohl anders vollzogen, als sein dritter Amtsnachfolger es tat; der eine melancholische Abschreibung längst verlorener Werte zu einem Triumph und Durchbruch in hoffnungsvolles Neuland ausschmückte. Aber Konrad Adenauer wollte nicht. Wenn ich gelegentlich von Fehlern sprach, die er gemacht habe, so meinte ich diesen, und eigentlich nur diesen; ohne ihn übrigens allzu tragisch zu nehmen.

Während seiner vierzehnjährigen Regierungszeit habe ich den großen Staatsmann nie gesehen. Erst während seines erzwungenen, schwer ertragenen Ruhestandes besuchte ich ihn am Comer See, den 18. und 19. April 1966. Die Gespräche, die da geführt wurden, brachte ich, nach Hause zurückgekehrt, sofort zu Papier, so wortgetreu, wie ich irgend konnte. Mit einigen Kürzungen sind meine Notizen hier wiedergegeben.

Telegraphisch avisiert, kam ich um halb vier in Lugano an; das versprochene Auto war aber nicht da, und nach längerem Warten mußte ich mich zu einem Taxi entschließen. Fahrt nach Cadenabbia eine knappe Stunde, verlängert durch einen Unfall, dessen Folgen die Straße versperrten. Am Tor der Villa stand ein Herr, der wohl mehr ein Leibwächter als ein Sekretär war, wartend. Die Villa Collina liegt hoch über der Einfahrt. Adenauer saß wartend in einer kleinen Loggia neben der Haustür. Im ersten Moment wirkte er, wie man ihn vom Fernsehen her kennt; die Begrüßung war höflich-freundlich, aber formell. Er war in dunkelblau, sehr unländlich gekleidet, abends wie auch am nächsten Morgen. Mein Telegramm war wegen Post-Streiks nicht angekommen, wie sich herausstellte; es kam am nächsten Tag. Dem Taxi-Chauffeur sagte ich, er möchte etwa anderthalb Stunden warten; Adenauers Assistentin meinte aber, es wäre besser, ihn wegzuschicken, so wäre man freier, welchem Adenauer beipflichtete. Wir blieben dann fast drei Stunden allein in einem Raum im Parterre, der als Eßzimmer und in einem anderen Teil als Wohnzimmer diente. Es gab Tee. Er dankte mir zuerst für das Interesse, mit welchem ich mich in sein Buch vertieft habe, meine Besprechung in der „Zeit“ lag auf dem Tisch, er hatte sie offenbar kurz vorher noch einmal gelesen. Um gleich in medias res zu gehen, sagte er dann, wäre es das Beste, wenn ich Fragen an ihn richtete. Auf Fragen im Interview-Stil war ich nun gar nicht vorbereitet und mußte wohl oder übel improvisieren: Vielleicht dürfte ich mit dem Allgemeinen anfangen und von da zu Speziellerem kommen. Was seien wohl die Talente, Gaben, Fähigkeiten, die ein Staatsmann vor allem haben müsse, wie erkläre er sich die große Autorität über die Nation, die er sich erworben und so lange bewahrt habe? - Ille: Das sei nun allerdings gleich die schwierigste Frage. - Er ging nicht eigentlich auf sie ein, sondern fing an, von seinen politischen Aufgaben und Zielsetzungen seit 1949 zu sprechen. Von da ab war Assoziieren, gelegentlich durch Fragen von mir ermuntert. Wo ich seine Beurteilung von Vergangenem und Gegenwärtigem nicht teilte, sagte ich es meistens gar nicht oder deutete es vorsichtig an; darauf ließ er sich aber eigentlich nie ein. Für Fragen war er zugänglich. Da er meistens selber sprach, so konnte ich ihn genau beobachten. Die Farbe des Gesichts wächsern, der Mund eingefallen. Die Augen über und hinter schwer hängenden Säcken; eher klein, blaß und in die Ferne blickend. Eine ganz leichte Ähnlichkeit mit der letzten Photographie Metternichs: das Porzellanen-Zarte des höchsten Alters, der ferne Blick. Das Lachen oder Lächeln sehr liebenswürdig, verschmitzt, das Gesicht in wohlige Falten zerknitternd, besonders wenn, später beim Abendessen, seine angenehme und intelligente Assistentin, Fräulein P., dazu anregte.

Über die Ursprünge der Bundesrepublik. 1945 habe er noch nicht im Traum an eine spätere Teilung Deutschlands gedacht, an die Bundesrepublik, oder gar an sich selber als Regierungschef. „Ehrgeiz! Ich wollte Köln wieder aufbauen! Ich hätte es besser gemacht, als es dann gemacht wurde.“ Wenn er von seinen Kölner Leistungen in den zwanziger Jahren sprach, wurde er so freudig stolz wie sonst nie während der sechs bis sieben Gesprächsstunden: die Universität, aus nationalpolitischen wie aus regionalen Gründen, das Stadion, der Grüngürtel etc. Als er die Kanzlerschaft übernahm, dachte er, es werde dem natürlichen Lauf der Dinge nach ein bis zwei Jahre dauern.

Da er vor allem von seiner Politik sprechen wollte, so war über alte Zeiten wenig aus ihm herauszubringen. Der Obrigkeitsstaat sei menschlich oder moralisch nicht besser gewesen als der demokratische. Über Bethmann Hollweg sagte ihm einer, der ihn kannte: „Wenn Bethmann einen gewissen Ort aufsucht, so kann er sich nicht entschließen, welches von beiden zu tun; Katastrophe ist unvermeidliche Folge.“ - Aber von allen Parlamenten, in denen er saß, imponierte das preußische Herrenhaus ihm am meisten. „Wir hatten bald nach meinem Eintritt eine Motion gegen irgendeinen deutschen Diplomaten, ich glaube, er war Botschafter in London gewesen, gegen den etwas Gravierendes vorlag. Ich kann Ihnen sagen, anderthalb Tage lang haben wir auf das gründlichste untersucht und diskutiert, und schließlich wurde die Motion abgelehnt.“ Mit dem Namen des Diplomaten konnte ich aufwarten, insistierte aber wohlweislich nicht; überhaupt nie, wenn Adenauer sachliche Irrtümer zum Besten gab. Sein Gedächtnis mag für seine Jahre noch immer stupend sein, ist aber nichts weniger als unfehlbar; ebenso sein Wissen. Zum Beispiel sagte er mehrfach „Afghanistan“, wo er Pakistan meinte, weil er sich an diese neuen Namen wohl nie hatte gewöhnen können. Auch fiel mir das Sporadische seiner Kenntnisse der nicht-deutschen Welt auf. Zum Beispiel macht er sich aus den und den Gründen große Sorgen über die Zukunft der USA. Eine schwere Krise werde der Tod des Gewerkschaftsführers Meany bringen. Der allein halte die Gewerkschaften halbwegs loyal etc.

Im Kern wiederholte er, seine Politik betreffend, was in den Erinnerungen steht: Die Russen wollten ihre Hand auf ganz Deutschland und ganz Westeuropa legen, Rettung war nur im Anschluß der Bundesrepublik an den Westen und so fort. Auf meine Frage: „Nehmen wir aber einmal an, ein vereinigtes neutrales Deutschland wäre möglich gewesen, hatten Sie es dann gewünscht?“ war seine Antwort: „Nein, niemals.“

Die Gefahr, daß Deutschland und Frankreich irgendwie in den Bann der russischen Macht geraten könnten, sei auch heute noch nicht vorüber. Hier fürchtet er als erstes eine „Neutralisierung“ Europas, die Washington und Moskau beide wünschten und wahrscheinlich zusammen beschlossen hätten. De Gaulles Reise nach Moskau habe den Hauptzweck, eben dies zu verhindern. De Gaulle sei ein Feind des Kommunismus, werde nie eine Kommunisierung Frankreichs dulden und wünsche aufrichtig die deutsche Wiedervereinigung. Auf meine Frage, ob ein Staat von 75 Millionen Deutschen denn wirklich im Interesse Frankreichs sei: „Wenn Frankreich Nuklearwaffen hat und Deutschland nicht, so gleicht sich das schon aus.“ Sehr ausführlich sprach er von der Entstehung seiner Freundschaft mit de Gaulle; wie er zuerst den Besuch verweigert hatte, weil er dem Regierungschef eines besiegten Staates nicht zustehe, wie dann Colombey-les-deux-Eglises gewählt worden sei. „Die Gegend, in der de Gaulle wohnt, ist überaus karg und arm. De Gaulle führte mich auf einen erhöhten Aussichtspunkt und zeigte mir das Land: Sehen Sie, keinerlei menschliche Siedlung irgendwo sichtbar. - De Gaulle liebt die Einsamkeit, vielleicht zu sehr für einen Politiker, das habe ich ihm auch gesagt. Es hat mit seinem ganzen Charakter zu tun. Um ihn besser kennenzulernen, bat ich, eine Stunde alleine in seiner Bibliothek herumschnüffeln zu dürfen. Denn wissen Sie, was für Bücher einer hat, das ist doch sehr bezeichnend. Da entdeckte ich nun eine Menge sehr ernster, gelehrter Schriften, historischer, staatsphilosophischer usw., das hat meinen Respekt für de Gaulle gewaltig erhöht. Irgendwie ist de Gaulle auch ein Romantiker. Er kann ganz gut deutsch, z. B. hat er mir die "Grenadiere" von Heine hergesagt, die er sehr liebt.“ - Ego: „Nun, das beste Gedicht von Heine hat er sich da nicht ausgewählt." - Ille: „Allerdings, da gäbe es bessere. De Gaulle kann ganz gut deutsch. Aber wissen Sie, was er jetzt macht? Er lernt alle die Namen russischer Städte richtig aussprechen, die er besuchen wird. So einer ist er. Er wird auch Stalingrad besuchen, es heißt jetzt ja wohl anders. Das wird man ihm in Deutschland übelnehmen, aber übelnehmen kann ich es ihm eigentlich nicht.“ - Vom Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland sprechend, meinte er, die Konfessionen spielten da immer noch eine ungeheure Rolle. Die Minister, die seinen Vertrag mit Frankreich sabotierten, seien die protestantischen: Erhard, Schröder, Hassel. „Schleswig-Holstein liegt eben sehr weit von Frankreich, da neigt man England zu.“

Ich bemerkte, es sei schade, daß die Bayern, die zu Frankreich und de Gaulle doch das positivste Verhältnis hätten, also Strauß, Guttenberg etc., auf die deutsche Außenpolitik momentan keinen rechten Einfluß hätten. Ille: „Um den Strauß zu ermutigen, habe ich ihm neulich gesagt, er könnte doch jederzeit die Koalition sprengen, wenn er wollte. Aber die Stellung von Strauß ist in Bayern keine sichere.“

Von Dulles und der Epoche Dulles sprach er beinahe mit Zärtlichkeit; damit bestätigend, was ich immer wußte, daß die fünfziger Jahre die ihm eigene, liebste Zeit, seine große Epoche gewesen waren, von der er sich nie hatte trennen wollen. Besonders hob er den ethisch oder religiös bestimmten Charakter der Dulles'schen Politik hervor; beide Brüder Dulles seien in ihrer Jugend Missionare gewesen. Ergreifend sei Dulles' letzter Besuch in Bonn gewesen, als er wegen seiner Krebskrankheit schon gar nichts mehr essen konnte. Adenauer habe ihm eine Hafersuppe kochen lassen, die er dann doch aß und um deren Rezept er bat. Ich fragte ihn nach Kennedy. „Der war kein Freund der Deutschen. Der war kein Politiker.“ Was mir wieder bestätigte, was ich schon wußte: Adenauer war immer gegen die „Entspannung“ gewesen, für die Kennedy sich gegen Ende so sehr einsetzte. Dem widersprach, was er über Rußland sagte, wie er sich überhaupt öfters selber widersprach. Die Russen, sagte er zum Beispiel, hätten einen Inferioritätskomplex, von dem man sie heilen müßte. „Noch vor ein paar Wochen war der Smirnow (russischer Botschafter in Bonn) bei mir gewesen, um mir sein Herz auszuschütten; nun sei er schon sieben oder acht Jahre in Bonn und habe sich die allergrößte Mühe gegeben und überhaupt gar nichts erreicht. Die Leute sind auch oft so taktlos.“ Nun kam die Geschichte einer haarsträubenden Taktlosigkeit, die das Auswärtige Amt sich den Russen gegenüber herausgenommen hatte. Das war nach seinem Rücktritt; aus seinen Erzählungen ging hervor, daß er auch während seiner Kanzlerzeit seiner Mitarbeiter, besonders im Auswärtigen Amt, nie ganz Herr gewesen war. Von Chruschtschow sprach er mit einer gewissen Sympathie, die, so betonte er, gegenseitig gewesen sei. Während der Moskauer Verhandlungen 1955 hätten sie manchmal beide mit gehobener Faust einander gegenübergestanden und sich angebrüllt, aber im Grunde hätten sie sich geschätzt. Er sei entschlossen gewesen, diplomatische Beziehungen anzuknüpfen, sobald die Kriegsgefangenenfrage geregelt sei, gegen seine Begleiter, besonders Brentano.

Über den deutschen Charakter sprach er mehrmals mit Skepsis. „Ich möchte die Deutschen nicht zu Nachbarn haben.“ Sie seien noch nicht zur Ruhe gekommen. „Die Deutschen sind eine sonderbare Gesellschaft.“ Auf meine Frage, wie er zum Wiedererstarken einer Nation, der er so wenig traute, so entscheidend habe beitragen können, ging er aber nicht ein.

Bemerkungen über seine Mitarbeiter: Daß er Erhard geringschätzte und zutiefst nicht leiden konnte, wußte ich und fand es bestätigt. Seit Erhard Kanzler sei, habe er ihn überhaupt niemals um Rat gefragt, höchstens zwei oder drei Mal beim Hinausgehen in völlig gleichgültiger und wegwerfender Art. Früher habe er Erhard einmal gefragt, ob dieser wohl gekränkt wäre, wenn er nicht sein Nachfolger würde? Erhard: „Gekränkt? Es ist mein Recht, Ihr Nachfolger zu werden!“ Der italienische Minister Scelba sei eigens zu ihm nach Cadenabbia gefahren, um ihn zu beschwören, dieser Mann, Erhard, dürfe niemals Bundeskanzler werden. „Ich habe vieles auf dem Gewissen, zum Beispiel diesen Schröder. [...] Und dann den von Hassel. Sehen Sie, der Strauß hatte sich als Verteidigungsminister wie ein junges Füllen benommen und die Generale beständig vor den Kopf gestoßen. Ich mußte immer einen Eclat fürchten. Wie ich nun einen Nachfolger für Strauß brauchte, war da der von Hassel. Er hat unleugbar gute Manieren, ein sehr urbaner Mann, und sein Schleswig-Holstein hat er ja auch recht gut verwaltet. Na und nun ist er in die Hände von McNamara gefallen. Und Sie wissen, McNamara ist heute der mächtigste Mann in Amerika.“ „Halten Sie das für ein Glück?“ „Nein, das halte ich keineswegs für ein Glück. Aber der von Hassel ist völlig in den Händen von McNamara. Unlängst hat er den letzten Groschen seines Budgets für Waffenkäufe in Amerika gebunden. Und de Gaulle war so viel daran gelegen, daß Deutschland und Frankreich zusammen Waffen fabrizieren und Waffen gegeneinander austauschten.“ Ego: „Wenn in Bonn solche Politik gemacht wird, dann kann aus der deutsch-französischen Freundschaft ja wirklich nichts werden.“ Ille: „Natürlich nicht.“

Über die sozialdemokratischen Führer: Erler, der sei so sehr langweilig und trocken; Wehner ein furchtbarer Dickkopf und viel zu grob mit seinen eigenen Leuten. Ich meinte, es sei doch zu bedauern, daß so fähige und ernste Patrioten, wie mancher Sozialdemokrat sei, dazu verurteilt seien, ihr ganzes politisches Leben lang in der Opposition zu sein. Ille: „Na, da können wir nichts dafür, freiwillig abdanken konnten wir doch nicht. Aber ich sehe, was Sie meinen, und habe auch immer versucht, die Opposition zu positiver Mitarbeit heranzuziehen.“ (Was ich hier dachte, mag man erraten.) Er kam, ich glaube in diesem Zusammenhang, dann auch noch einmal auf die Vergangenheit zu sprechen, auf Otto Braun und Severing. Sie seien feige gewesen. Mit ihrer Polizei hätten sie den Staatsstreich von Papens im Sommer 1932 doch niederschlagen können und müssen. „Ich bin kein Revolutionär. Aber es gibt Momente, da kommt es auf den Mut an, und da muß man zuschlagen.“

Ich fragte ihn nach Brüning, nach dessen mörderischer Deflationspolitik, und erinnerte ihn daran daß er auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise den Versuch gemacht hatte, Brüning zu einem gewaltigen Arbeitsbeschaffungsprogramm zu überreden. Ille: „Die Lage war ja damals furchtbar. Das heißt, in Köln war sie nicht gar so schlimm. Aber wenn ich mit dem Auto durch Deutschland fuhr, so war es entsetzlich, die Arbeitslosen überall auf der Straße zu sehen. In diesem Sinn habe ich Brüning beschworen. Aber Brüning war so sehr theoretisch! Ein grundanständiger, integerer Mann, aber kein Politiker, durchaus theoretisch.“ - Über seinen eigenen Rücktritt: „Wenn man so hoch steht, wie ich stand, so ist man sehr einsam und erfährt vieles nicht. Ich habe einfach nicht gewußt, daß die Brigade Erhard mich abhalftern wollte.“ Ego: Bismarck habe auch über seine Einsamkeit geklagt. Allerdings habe der auch nur Jasager und Kreaturen um sich geduldet. - Diese Bemerkung schien er auf sich zu beziehen, wie es wohl auch ein wenig gemeint war, und sein Gesicht verdüsterte sich für einen Moment. Er ging nicht recht darauf ein, meinte aber, ins Humoristische ablenkend: „Politik ist ein schmutziges Geschäft. Sie verdirbt den Charakter, meinen hat sie auch verdorben.“ „In Grenzen, Herr Bundeskanzler, in Grenzen.“ „Sehr liebenswürdig, daß Sie mir wenigstens das konzedieren.“ In einem anderen Zusammenhang: Seine Minister und die Abgeordneten hätten immer nur an materielle Interessen gedacht. - An ihre eigenen oder an Gruppeninteressen? - An materielle Gruppeninteressen.

Häufig kam er auf Amerika zu sprechen, dessen Zukunft ihm schwere Sorgen machte. Die Verfassung sei völlig veraltet, Johnson sei eine Macht in den Schoß gefallen, durch die Ermordung Kennedys, der niemand und der er nicht gewachsen sei, die Gewerkschaften, die Neger etc. etc. Ebenso übel, oder noch übler sei England daran, eine gebrochene Weltmacht, deren Bürger sich mit den neuen Realitäten nicht abfinden könnten und nicht genügend arbeiten wollten, besonders die Jugend.

Um etwa halb sieben sah ich auf die Uhr und bemerkte, ich müsse nun bald wieder weg, mein Zug in Lugano gehe um acht, auch möchte ich ihn nicht zu lange aufhalten und ermüden. Ille: Ich sollte doch noch bleiben, ich könnte auch zum Abendessen bleiben. „Mit wem kann ich sonst schon sprechen? Mit den Herren von der Fraktion, das ist doch nichts.“ (Der Gedanke ging mir durch den Kopf, jetzt, da er auch das letzte Amt abgegeben hatte, möchten sich auch die Herren von der Fraktion nicht mehr viel um ihn kümmern.) Die Assistentin kam herein, und allmählich entstand die Verabredung, ich sollte zum Abendessen bleiben, dann in Cadenabbia übernachten, dann, warum nicht, in der Villa übernachten, es sei ja ein Gastzimmer zur Verfügung. Die Angebote kamen allmählich, nicht alle auf einmal. Kurz nach sieben führte er mich auf mein Zimmer, wobei er sich als überaus höflicher, rücksichtsvoller Wirt erwies, mir einen Rasierapparat anbot, mir das Badezimmer zeigte und so weiter. Etwas später trafen wir uns wieder im Garten oder kleinen Park, in dem er mich herumführte. Die Villa, ziemlich hoch über dem See, gegenüber der Halbinsel, die hier den See in zwei Arme teilt, und gegenüber einem pittoresken Städtchen auf der Halbinsel, könnte schöner nicht liegen. Der Park ist steil, mit Bäumen und blühenden Büschen dicht bewachsen. Daß er diese sehr liebte, wurde deutlich. Wieder und wieder zeigte er auf ein paar hohe Zypressen: „Welche Kraft in diesen Bäumen, wenn man bedenkt, wie der Saft von tief in der Erde in diese Höhen schießt.“ Besonders eine Gruppe von vier Zypressen liebte er, aber auch Ölbaume und anderes, und genoß den Duft der blühenden Büsche. Als die Rede auf die Gärtnerei kam: „Gärtner, das ist ein schöner Beruf. Die Bäume und Blumen danken es einem doch wenigstens, was man für sie tut.“ Worin wohl lag, daß gewisse andere Lebewesen weniger dankbar seien. - Die Villa gehöre einem französischen Grafen, der in Paris Margarine produziere oder vertrete, seine Mutter habe sie gebaut. Vorher, aber in einem alten abgerissenen Haus, das am selben Platz stand, habe Stendhal lange dort gewohnt. Was mir gewisse Landschaftsbeschreibungen in der „Chartreuse“ erklärte. In Como habe Galilei gewohnt, auch Volta. An der Geschichte von „Und sie bewegt sich doch“, sei übrigens kein wahres Wort. Er lese da eben ein amüsantes Buch „Lügen der Weltgeschichte“. Zum Beispiel sei auch keineswegs wahr, daß Tiberius ein solches Ungeheuer gewesen sei; was ich ihm bestätigen konnte. Auf den teilweise schwierigen und steilen Wegen des Parkes schritt er eilig, rüstig, in tadellos aufrechter Haltung.

Wir gingen zum Abendessen im selben Zimmer, wo für Fünf gedeckt war. Zu meiner Erleichterung standen auch Weingläser da. Er ließ mich zwischen Rhein und Mosel wählen und entschied sich dann nach einer Liste, die ihm gereicht wurde, für einen Mosel, der in der Tat vorzüglich war. Es gab aber für die vier Trinkenden nur eine Flasche, für die anderen ein Glas, für mich zwei. Es war das einzige alkoholische Getränk während des ganzen Abends, was diesen für mich entschieden erschwerte. Drei Damen waren bei Tisch, die Assistentin und zwei Untersekretärinnen, welch letztere nicht ein einziges Wort redeten. Fräulein P. nahm die Gelegenheit meiner Präsenz wahr, um ihren Sorgen, betreffend den zweiten Band der „Erinnerungen“, Luft zu machen und mir allerlei zu sagen, was natürlich für ihn bestimmt war: Man müsse doch auch auf die Leser Rücksicht nehmen, nicht zuviel langweilige Dokumente bringen, etc. Ich versuchte den goldenen Mittelweg zu gehen, wie gewöhnlich: „Ein Werk wie dieses muß werden, was es werden will, und muß dem Charakter des Autors entsprechen. Aber freilich, hin und wieder ein Portrait, eine Anekdote, ein wenig Spott und dergleichen könnte wohl nicht schaden. Jedoch Memoiren im Stil des Reichskanzlers Bülow kann der Herr Bundeskanzler nun einmal nicht schreiben und soll es auch nicht. Bülows Memoiren sind das eine Extrem; auf dem anderen gibt es Erinnerungen wie die des Prinzen Max von Baden, sehr asketische, überaus sachliche, ernste, die dafür aber von einer ganzen Epoche ein umfassendes Bild geben.“ Ille: „Hört, hört!“ Er schien sich über die freimütige Kritik der Assistentin zu amüsieren und lachte das stille, runzelige Lachen, das ich schon beschrieben habe. Später sagte er aber zu mir: „Fräulein P. hat sich bei mir entschuldigt“; er legte also doch Wert auf die Erhaltung seiner Würde. - Das Essen war sehr leicht und gut gekocht: ein schaumiger, cremiger Gemüseauflauf und danach eine leichte Creme, hauptsächlich wohl aus Eierschaum. Insgesamt hatte ich den Eindruck, daß wenigstens für seinen Komfort bestens gesorgt war.

Nach dem Essen war man wieder im Garten, dann wieder im Wohnzimmer an einem anderen Tisch. Es wurden mir die Inhaltsverzeichnisse des zweiten Bandes gezeigt, ein knappes und ein sehr ausführliches, welche ich zu begutachten hatte; ich fand aber nichts an ihnen auszusetzen. Er zeigte mir auch eine Stelle, die er sich zu streichen entschlossen hatte, weil sie zu prahlerisch sei. Etwa im Jahre 53 hatte Dulles ihm erzählt, Eisenhower halte ihn für den größten Staatsmann Europas, frage stets, was denkt der Bundeskanzler dazu etc. „Das muß raus. Ich kann doch nicht strunzen.“ Nach einigem Hin und Her gab ich ihm recht. Im dunklen Garten kam die Rede auf Gedichte. Er hatte sich eine Gedicht-Anthologie mitgebracht, die „Der Wundergarten“ oder so ähnlich hieß, also wohl eine ziemlich altmodische sein mußte; auch Heines „Buch der Lieder“ und anderes. Ich bemerkte, wie sehr wichtig mir in der Schule das Auswendiglernen von Gedichten erscheine, eine Sache, die leider heute völlig vernachlässigt werde. Ille: „Sie lernen überhaupt nichts mehr auswendig, weil sie nicht können, weil sie dazu die Konzentration nicht mehr haben.“ Er liebte Geibel und fing an, den „Tod des Tiberius“ zu rezitieren. Auf meine Bemerkung, meine Lieblingsballade sei die „Lenore“, gab er auch daraus ein paar Fragmente zum Besten. Ille: „Wir scheinen beide altmodische Leute zu sein.“ Wieder im Zimmer, versuchte ich die Unterhaltung möglichst leicht zu machen, damit man sich nicht unter zu ernsten Gesprächen trennte. Als die Rede auf Eitelkeit kam, gab ich ein paar Lion-Feuchtwanger-Anekdoten zum Besten. Ille: „Ja, so Leute sind glücklich. Ihnen kann nichts passieren.“ Um dreiviertel zehn entschuldigte ich mich, weil ich wirklich todmüde war (aber mit wem hätte ich besser durchgehalten); er schien das zu bedauern und keineswegs müde zu sein. Gefragt wann ich frühstücken wollte, antwortete ich: Gegen acht. Ille: „Sagen wir gegen neun.“ Woraus ich schloß, daß er mit mir zu frühstücken wünschte. Er führte mich dann auf mein Zimmer oder erst noch in sein bescheidenes Arbeitszimmer, das er mir zeigte, die große Aktensammlung, die dort stand und die er für seine Arbeit brauchte, und bot mir ein Buch zur Bettlektüre an. Ich wählte ein paar große Bücher über Israel, die er sich angeschafft hatte, zur Vorbereitung für die im Mai geplante Israel-Reise.

Die Nacht verlief leidlich; das Bett war unbequem, das Zimmer karg und stilecht eingerichtet, mit Kamin und Blick auf den See. Am Morgen ging ich allein im Garten spazieren, sah durch das Fenster die beiden Untersekretärinnen alleine frühstücken, dann Fräulein P., mit der ich mich etwas unterhielt. Sie teilte mir wieder ihre Sorgen mit: Der Herr Bundeskanzler wolle sein Manuskript überhaupt niemandem zeigen, was doch ganz gegen die Gewohnheit ernster oder gar gelehrter Schriftstellerei sei, er sehe sich nichts wieder an, er wolle es nur fort und aus dem Weg haben. „Wahrhaft erschütternd ist ja auch, daß er offenbar fürchtet, nicht mehr fertig zu werden. Sie wissen, er ist gerade neunzig geworden.“ Früher, mit den Regierungserklärungen, sei es aber ähnlich gegangen. „Abends fing er an, sie mir zu diktieren, dann diktierte er am frühen Morgen weiter, und oft mußten ihm die getippten Blätter der Reihe nach überreicht werden, während er schon im Bundestag sprach.“

Gegen neun, wie verabredet, erschien er zum Frühstück, etwas feierlicher und steifer als am Abend zuvor, da war er gegen Ende gemütlich aufgetaut. Er wolle mir noch ein paar ihm wichtige Dinge sagen. Was herauskam, waren einige der Argumente, die ich schon erwähnt habe, zumal die Gefahr einer Neutralisierung Europas. Schließlich: „Ich will Ihnen noch etwas sagen, damit Sie mich nicht falsch beurteilen. Ich will Ihnen erklären, warum ich nicht Bundespräsident wurde.“ Nun kam die mir im Wesentlichen ja bekannte Geschichte: Er hatte beansprucht, seinen Nachfolger bestimmen zu dürfen. Die Fraktion hatte das aber abgelehnt und ihn wissen lassen, sie würde Erhard wählen. Als er das begriff, sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als sein Angebot zurückzunehmen, seinen Entschluß zu revidieren. Denn Erhards Kanzlerschaft habe er um jeden Preis verhindern müssen. - Da er ununterbrochen sprach und Gewichtiges sprach oder sprechen wollte, kam ich zum Essen fast gar nicht, obwohl er gelegentlich ein „Greifen Sie doch zu“ hören ließ. Er aß einigen Toast mit Honig und trank Tee. Gegen elf deutete ich an, daß ich nun wirklich gehn müsse, was ich so formulierte: „Herr Bundeskanzler, gestatten Sie mir eine letzte Frage.“ Ich fragte ihn nun, warum er, da er doch noch immer große Autorität besitze, nicht mehr tue, um die deutsche Politik in die von ihm gewünschte Bahn zu führen. Ille: „Wenn man vierzehn Jahre lang Bundeskanzler war, dann darf man seine Nachfolger nicht hindern, dann darf man ihnen keine Knüppel zwischen die Beine werfen.“ Ego: „Aber Bismarck hat das im Ruhestand doch getan.“ Ille: „Ja, aber darüber hat man ja dann auch nicht sehr freundlich geredet.“ Ego: „Ich meine ja auch nicht, daß Sie etwa beständig Interviews geben oder in Kleinigkeiten eingreifen sollten. Aber wenn Sie Ihr Werk sehr ernsthaft gefährdet sehen, dann sollten Sie in aller Öffentlichkeit und mit aller Feierlichkeit warnen.“ Dies schien ihm zu gefallen und das, meinte er, werde er auch tun müssen. Ich ging dann hinauf, um mein Köfferchen zu holen. Das Exemplar der „Erinnerungen“, das ich mitgebracht hatte, hatte er mir schon beim Frühstück inskribiert überreicht. Beim Abschied erzählte ich, ich würde an einem der nächsten Tage nach der Tschechoslowakei reisen. In diesem Zusammenhang kam er auf Benesch zu sprechen, der ihn einmal in Köln in der Oberbürgermeisterzeit besucht habe. „Benesch schwor mir und nahm seine Frau, die auch dabei war, zum Zeugen, er habe für Böhmen nie etwas anderes erstrebt als den Status von Ungarn.“ Ich wollte unterbrechen, Benesch sei ein Lügner gewesen, aber er sagte das selber. Kokoschka, der ihn gerade malte, habe es ihm erzählt. Masaryk sei ein ehrlicher, integerer Mann gewesen, aber Benesch ein großer Lügner vor dem Herrn. Wir tauschten dann noch Bemerkungen über die Habsburger Monarchie aus, deren Verschwinden wir beide in gleicher Weise bedauerten. Es regnete etwas, und er ließ mir einen Schirm reichen, um die wenigen Schritte zu dem Auto zu machen. Er dankte mir für meinen Besuch; von jetzt ab sei ich ihm jederzeit willkommen. Als ich schon im Auto saß, kam er mir noch einmal nach, gleichfalls einen Schirm tragend, um sich noch einmal zu verabschieden. Der Wagen war der, in dem er in den Zeiten seiner Macht von Rhöndorf nach Bonn zu fahren pflegte, der Chauffeur war auch derselbe, ein Chauffeur von ältestem Schrot und Korn, und seinem Chef offenbar leidenschaftlich ergeben. Auch redete der zu ihm mit einer Herzenshöflichkeit, die noch aus voremanzipatorischen Zeiten stammte.

Ich kann nicht leugnen, daß ich während der langen Gespräche eine wachsende Sympathie für ihn empfand. Aus vielerlei Gründen: das hohe Alter, die Einsamkeit, die verhaltene Trauer; aber auch die Erfahrung, die schlichte Weisheit, das Fehlen jeder Prätention bei natürlichster Würde; der Ernst und der Humor; der Charme, der von ihm ausgeht. Von ein paar amüsanten Bemerkungen über Persönlichkeiten abgesehen hatte er wenig eigentlich Originelles gesagt, manches schlecht Unterrichtete, manches Vereinfachende; und doch hatte ich ihm mit dem allergrößten Interesse zugehört, weil der Reiz der Persönlichkeit immer da war. Ein paar nachzutragende Bemerkungen fallen mir noch ein. Das Problem des Trinkens beschäftigte ihn offenbar. Zu Strauß habe er einmal gesagt: „Herr Strauß, versprechen Sie mir, nach ein Uhr nachts nichts mehr zu trinken. Wenn man nach ein Uhr nachts trinkt, so sagt man Dinge, die sich herumsprechen und die man später bereut.“ Strauß habe ihm dann versprochen, nach Mitternacht nichts mehr zu trinken. - Die Sozialdemokraten hält er noch immer für eine linke und den Kommunisten zuneigende Partei. Sehr scharf sprach er sich gegen die geplanten Besprechungen zwischen SPD und SED aus. Da komme doch alles ins Wanken. Die Sozialdemokraten täten das wahrscheinlich, um den linken Flügel ihrer eigenen Partei zu beschwichtigen; oder täten es wohl auch, um den wachsenden deutschen Nationalismus von rechts her zu überholen. - Rührend war das Folgende. Im Garten vor dem Abendessen sagte er plötzlich: „Geschichte schreiben, das muß schwer sein.“ Ego: „Geschichte machen ist aber sicher viel schwerer.“ Ille: „Tja, sie recht zu machen, mag schwerer sein.“ Ego: Historische, vor allem aber politische Schriftsteller hätten im allgemeinen sehr wenig Wirkung, besonders in Deutschland, sie würden gar nicht ernst genommen. Er bestritt das. Beim Abschied am nächsten Vormittag mit einer gewissen Feierlichkeit: „Etwas möchte ich Ihnen noch sagen. Schriftsteller haben gerade in Deutschland eine sehr wichtige Aufgabe.“ Er wollte mir etwas Ermutigendes auf den Weg geben. 

Quelle: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 114-122. Aus: Golo Mann, Zwölf Versuche. Frankfurt/Main 1973.