7. November 1975: Interview von Bruno Kreisky mit Karl-Ulrich Majer über Konrad Adenauer 

Frage: Sie haben - seit dreißig Jahren aktiv in der internationalen Politik - fast alle führenden Staatsmänner der Welt kennengelernt, so auch Konrad Adenauer. Wie würden Sie seine historische Leistung in wenigen Worten umreißen?

Antwort: Die Begegnungen mit Konrad Adenauer zählen zu den faszinierendsten Erlebnissen, die ich im Bereich der Politik gehabt habe. In der Galerie der haute politique des 20. Jahrhunderts nimmt er einen hervorragenden Platz ein. Er war eine faszinierende Persönlichkeit, eine noble Erscheinung und von großer Freundlichkeit.

In mancherlei Hinsicht war er nicht nur konservativ, sondern geradezu reaktionär, was aber seiner historischen Größe keinen Abbruch tut. In die Reihe der deutschen Kanzler, die für die Welt bis dahin eigentlich niemals die reine Freude waren, kam mit ihm erstmals ein großer Mann, der die unumschränkte Anerkennung der freien Welt fand.

Frage: Sie haben mit Konrad Adenauer vielfach verhandelt, als Vertreter Österreichs, aber auch als Vermittler zwischen Ost und West. Wie würden Sie diese Erfahrungen mit Konrad Adenauer charakterisieren?

Antwort: Ich will mich auf drei Beispiele beschränken: 1958 machte ich - von Berlin kommend - den Vorschlag, der Regierende Bürgermeister von Berlin solle direkte Kontakte mit der Sowjetregierung aufnehmen, also jene Sache, die man später den Kreisky-Plan nannte. In Moskau wurde die Initiative positiv aufgenommen und Chruschtschow erklärte sich bereit, Willy Brandt zu treffen. Auch in Bonn wurde dies als Anzeichen der gewünschten Entspannung um Berlin begrüßt. Dann kam plötzlich das Berlin-Ultimatum Moskaus und die aussichtsreiche Vereinbarung scheiterte. Ich war darüber sehr betroffen, fand aber Adenauer in einem Gespräch eher erleichtert.

Adenauer, der eine Österreich-Lösung für Deutschland immer ablehnte, muß in solchem Zusammenhang auch von seiner rheinisch-katholischen Herkunft aus gesehen werden. Er empfand die deutsche Teilung nicht nur als Nachteil, da ein wiedervereinigtes Deutschland eine sozialdemokratische und protestantische Mehrheit gebracht hätte - und um dies zu erreichen, hat er bestimmt keine schlaflosen Nächte verbracht. Außerdem war er viel zu realistisch, um nicht zu sehen, daß die Sowjetunion in keinem Fall bereit war, eine Position in Deutschland aufzugeben.

Eine kleine Episode dazu kann das erhärten. Während des Treffens Chruschtschows mit Kennedy im Jahre 1961 hatten wir Gelegenheit, Chruschtschow nach der Wiedervereinigung zu fragen. Er sagte Gorbach und mir: „Was glauben Sie denn, wie lange ich im Kreml bliebe, wäre ich bereit, einen kommunistischen deutschen Staat preiszugeben. Man schlage sich dies doch endlich aus dem Kopf ...“ Er wollte von dem „Gerede über die Wiedervereinigung“ nichts wissen. Auf unseren Einwand, das Regime in der DDR sei doch ungeliebt und ununterbrochen flüchteten die Menschen vor ihm, meinte er: „Jetzt gehen sie hinüber, aber wenn die große Krise kommt und sie drüben arbeitslos werden, dann kommen sie zurück, denn wir werden nie zulassen, daß es in der DDR Arbeitslose gibt ...“

Als ich dies Adenauer erzählte, antwortete er in der für ihn ganz typischen Weise: „Sollte Herr Chruschtschow damit gemeint haben, daß man die Deutschen vor die Alternative Arbeit oder Freiheit stellen könne, so verbietet mir die Höflichkeit eine Antwort auf eine solch rhetorische Frage.“

Übrigens erfreute sich Adenauer durchaus der Wertschätzung der sowjetischen Führung, der nichts so zuwider ist, wie die ewig bedrohten Regierungen westlicher Demokratien. Adenauer, der schon viele Jahre an der Regierung war und eine Konstante in der internationalen Politik darstellte, war von ihnen als Partner akzeptiert. Und Adenauer hatte seinerseits begriffen, wie nützlich ihm der Kalte Krieg zur Stärkung seiner Position im Westen war (oft genug hat er eine Politik der Annäherung an den Osten als Appeasement-Politik bezeichnet).

Um auf das dritte Beispiel zu kommen: Mir wurde in verschiedenen Gesprächen immer deutlicher, daß er Österreich eigentlich nicht mochte. Während unserer ersten Begegnung nach dem Staatsvertrag 1955 zum Beispiel sagte er: „Wenn Sie Ansprüche an die Bundesrepublik haben sollten, ich wünschte, ich fände die Gebeine Hitlers, ich würde sie Ihnen vollständig zurückgeben.“ Er hat bei keiner Gelegenheit verzichtet, darauf hinzuweisen, daß Hitler Österreicher war. Auch unsere Freude über die wiedergewonnene Unabhängigkeit fand nur seinen Spott.

Frage: Wurde in Ihren Gesprächen mit Konrad Adenauer deutlich, welches ihm die wichtigsten politischen Anliegen waren?

Antwort: Da kann ich vor allem zwei Dinge nennen: Einmal die Wiedergutmachung des an den Juden begangenen Unrechts und die Aussöhnung und Freundschaft mit Frankreich. Hier konnten nie die geringsten Zweifel über seine politischen Absichten aufkommen.

Frage: Aber seine Leistung beschränkt sich keineswegs auf diese beiden Aspekte?

Antwort: Nein. Die große historische Leistung Konrad Adenauers bleibt, daß er nach dem furchtbaren Intermezzo der Geschichte, das die Nationalsozialisten anrichteten, das deutsche Volk - das heißt, einen Teil davon - in den Kreis der westlichen Völker zurückführte. Dies war eine Sisyphusarbeit, eine schier hoffnungslose Aufgabe. Wenn man damals von Deutschland sprach, so war noch die Erinnerung an die Opfer der Nazis allzu lebendig. Und es grenzt an ein Wunder, daß er - nach innen wirkend - den Deutschen dieses Trauma nahm. Es war überhaupt sehr gescheit von ihm, die Wiederherstellung des deutschen Ansehens gleich im Bereich der Hohen Politik zu versuchen, weil man dort für das Rationale mehr Sinn hat und er seine Ziele leichter durchsetzen konnte. Mit großem Geschick setzte Adenauer auch das wirtschaftliche Potential des wiedererstehenden Staates ein. Dabei hatte er große Lasten zu übernehmen, und ich weiß nicht, inwieweit er sich im Klaren war, ob das überhaupt gut gehen konnte. Aber es ging gut. Auch glaube ich, daß der wirtschaftliche Erfolg die rasche Rückkehr der Deutschen in die Gemeinschaft der freien Völker entscheidend mit ermöglicht hat.

Das Ansehen, das die Deutschen heute in der Welt haben, ist im Wesentlichen der politischen Leistung Konrad Adenauers zu danken. Er hat die unerschütterliche Überzeugung des Westens geschaffen, daß die Bundesrepublik den gemeinsamen Bündnissen treu bleibt. Auf dieser Position erst konnte Willy Brandt die Ostpolitik erfolgreich aufbauen, ohne das Vertrauen des Westens zu riskieren.

Ich empfinde zwischen der Politik Adenauers und der Willy Brandts einen echten Bruch, aber wie oft in der Politik zeigt sich, daß das scheinbar Gegensätzliche sich sinnvoll ergänzt. 

Quelle: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 101f.