1976: Rudolf Augstein über seine Begegnungen mit Konrad Adenauer

Konrad Adenauer bin ich unter vier Augen insgesamt nur dreimal begegnet, während seiner Kanzlerschaft dann noch einmal, und das von seiner Seite aus nicht freiwillig. Alle viermal hatte ich das Gefühl, einem bedeutenden Mann gegenüberzusitzen. Logisch, er konnte sich nicht ausdrücken. Aber da habe ich ihn unterschätzt. Mündlich konnte er nicht. Aber seine Memoiren haben einen unverwechselbaren Ton, den ihm kein Geister-Schreiber und keine Anneliese Poppinga (Adenauer: „Poppinga heißt dat Mädchen.“) eingeflüstert haben kann.

Als er Präsident des Parlamentarischen Rates geworden war, mit 72 Jahren, auf der Schwelle dessen, was man Geschichte nennt, schrieb ich im Spiegel das, man darf wohl sagen, erste Portrait dieses, wie ich damals noch meinte, ersten Staatspräsidenten „des neuen amerikanisch inspirierten westdeutschen Staates“. Ich habe keine spezielle Erinnerung an die dreistündige Unterhaltung. Immerhin, daß Adenauer die seltene Fähigkeit besaß, heranfliegende Granaten mit eigenen Augen zu sehen und sich vor ihnen in Sicherheit zu bringen, hatte er mir damals schon anvertraut. Den gedruckten Artikel mochte er nicht beurteilen, „dazu fehlt mir der Abstand“. Nur eine Tatsache wollte er berichtigen: „Es stimmt nicht, daß ich als Kölner Oberbürgermeister mehr verdient habe als der Reichspräsident von Hindenburg.“

Blankenhorn hörte der ersten Unterhaltung zeitweise mit zu. Das zweite Mal besuchte ich Adenauer ohne Anmeldung abends in Rhöndorf, Zennigsweg. Das muß im Oktober/November 1948 gewesen sein. Lotte Adenauer war ungehalten, er aber nicht. Ich sagte ihm, auf einer Rundreise bei früheren Generälen hätte ich die übereinstimmende Meinung vorgefunden, zur Verteidigung der Bundesrepublik seien dreißig Divisionen nötig. „Das ist auch meine Schätzung“, sagte Adenauer, der von solchen Fragen etwa so viel verstand wie ich.

Wir unterhielten uns des längeren über die Leute, die als deutsche Oberbefehlshaber in Frage kämen. Dann sagte Adenauer: „Sie als Journalist können vieles sagen, was ich als Politiker nicht sagen darf. Nehmen Sie diese Frage deutscher Divisionen. Wir müssen sie erst einmal ins Gespräch bringen und dann das Weitere abwarten.“ Zum Abschied versicherte er mir: „Sie können jederzeit, bei Tag und bei Nacht, unangemeldet zu mir in mein Haus kommen, wenn Sie etwas so Wichtiges haben.“

Daraus wurde nichts. Ich war 1948 noch keine 25 Jahre alt, und meine Einschätzung der politischen Lage änderte sich während der nächsten beiden Jahre gründlich. Adenauer, der Kanzler, gab mir im Bundeshaus kaum noch die Hand (wie auch Schumacher, beide hatten für Büchsenspanner viel und für selbständige Journalisten nicht so arg viel übrig).

Während seiner Kanzlerzeit sah ich ihn in kleinem Kreise nur, als er während des Schmeisser-Prozesses vom Untersuchungsrichter an seinem Dienstsitz vernommen wurde, außer den beiden noch anwesend mein Rechtsbeistand Josef Augstein und ich, der wegen Verleumdung Strafverfolgte (später haben wir uns verglichen). Das war 1954. Er hatte ein dickes Aktenstück, streckte die Beine lang von sich und sagte bestrickend liebenswürdig: „Der Herr Globke hat mir hier sowas zusammengestellt, zu meiner Gedächtnisstütze. Aber ich habe das gar nicht gelesen“ (natürlich hatte er). „Sicher wollen Sie doch wissen, was ich im Gedächtnis habe, und nicht, was andere mir da aufgeschrieben haben (wir nickten heftig, hätten aber lieber das Aktenstück gehabt). Er verabschiedete sich, ließ uns in seinem Amtszimmer alleine sitzen („aber bitte, wenn Sie noch was zu besprechen haben“), steckte dann aber nach fünf Minuten noch einmal den Kopf zur Tür herein und sagte: „Entschuldigen Sie, ich muß nämlich nach Straßburg.“ Ein generöser Zeuge. Ich hatte ihn gefragt, ob er sich etwa durch die (Schmeissers) Behauptung beleidigt fühle, daß er im Falle des Einmarsches der Roten Armee Deutschland verlassen würde. Der Untersuchungsrichter wies die Frage als unzulässig zurück. Adenauer aber sagte: „Ich will Ihnen eine Antwort geben. Wenn der Russe kommt, dann fliehe ich nicht, dann vergifte ich mich.“ Erstaunlich für einen praktizierenden Katholiken.

Während der Spiegel-Affäre saß ich als Gefangener der Staatsgewalt in meinem eigenen Büro und wohnte der Durchsuchung der Spiegel-Räume bei, die vier Wochen dauerte. Die berühmte Bundestagsszene mit dem Abgrund von Landesverrat und dem Herrn Augstein, der viel Geld verdient hat auf seine Weise, hörte ich aus meinem Transistorradio. Aber natürlich beschäftigte die Figur mich auch weiterhin. Ich besprach den zweiten Band seiner Memoiren, er dankte mir für die „große Arbeit“, handschriftlich, unter dem 9. November 1966. Grund genug, ihn zu besuchen. Am 9. Dezember 1966 sah ich ihn anderthalb Stunden und sagte ihm, ich wolle von der Unterhaltung aus dem Gedächtnis eine Niederschrift machen. Dies der Anfang der Niederschrift:

Augstein: (murmelt etwas von einer gewissen Rührung, den Doktor Adenauer nach langen Jahren, in denen viel passiert sei, wiederzusehen).

Adenauer: Ich erinnere mich noch gut, daß Sie mit Ihrem Bruder aus Neuwied kamen, um mir zu sagen, daß Sie eine deutsche „Times“ gründen wollten. Sie sind dann eine Zeitlang im trüben Gewässer gefahren, aber das haben Sie mir damals ja gleich gesagt, daß Sie eine Zeitlang durch trübe Gewässer würden fahren müssen. Inzwischen sind Sie da ja durch.

Augstein: Ich kam nicht von Neuwied, sondern von Neuss, und auch nicht mit meinem Bruder, sondern allein. Als mein Bruder mit mir bei Ihnen war, das war 1954, als wir Sie wegen des Schmeisser-Prozesses vernehmen mußten. Es war auch nicht die „Times“, sondern die „Time“.

Adenauer: Ach, richtig, man vergißt ja soviel.

Augstein: Im Gegenteil. Mich hat Ihr Gedächtnis für wichtige Fragen immer verwundert.

Adenauer: Sie haben einen Artikel über den zweiten Band meiner Memoiren geschrieben, mit dem Sie sich große Mühe gemacht haben. Das hat mich sehr gefreut. Aber in meinem dritten Band, da werden Sie noch sehen, daß Sie Unrecht haben mit Ihrer Kritik.

Augstein: Mir ist beim Lesen dieses Buches aufgegangen, worin nach 1945 Ihre Stärke lag. Sie als einziger von den handelnden Politikern wollten etwas, das Sie erreichen konnten, jedenfalls vorläufig erreichen konnten. Das machte Sie allen überlegen.

Adenauer: Wichtiger war noch, daß ich immer so einfach gedacht habe.

Ich fragte den 90jährigen: „Wie sind Sie mit der neuen Regierung zufrieden?“

Adenauer: Ja und nein. Sehen Sie mal, da müssen doch einige Grundgesetzänderungen durchgebracht werden, dazu brauchen wir die Sozialdemokraten. Ich mache mir aber große Sorgen, sehen Sie mal, Wehner, der ist sehr herzkrank. Wenn der ausfällt, dann ... (er hebt die Arme).

Augstein: Das hätten Sie 1957 auch noch nicht gedacht, daß wir beide einmal hier sitzen würden und uns ...

(Adenauer hebt in lachender Resignation die Arme und legt sich zurück. Das ein wenig drachenhaft geschnittene Gesicht besteht nur noch aus tausend Pergamentfältchen.)

Adenauer: ... über die Gesundheit des Herrn Wehner Gedanken machen! Ausgerechnet Sie und ich! Sagen Sie, wie sich die Welt dreht! (Er wird wieder ernst.) Brandt hätte nicht Außenminister werden dürfen und Schröder - Schröder ... (Er hebt abwehrend die Hände.)

Gespräch über Helmut Schmidt („der ist noch am sich entwickeln“), über die Lage außerhalb Europas („Ja nicht wahr, da war ja der Karl Marx ein joldener Junge gegen das, was jetzt ist“), über den Bäcker Profittlich (er, befriedigt und vergnügt: „der ist nun tot“), über Zeitungen und Anzeigen. Abrupt kam er wieder auf die Regierungsbildung:

Adenauer: Daß der Herr Erhard kein politischer Mensch ist, das habe ich ja schon immer gesagt.

Augstein: Das kann Ihnen Ihr ärgster Feind nicht vorwerfen, daß Sie das nicht früh und nicht ausgiebig unter die Leute gebracht hätten.

Adenauer (fährt mit der rechten Hand nach vorn, Triumphfältchen im Gesicht): Das hab ich ihm sogar schriftlich gegeben! Der (tausend Fältchen im Gesicht) hat den Johnson ja für seinen lieben Freund gehalten, nur weil er ihm schöngetan hat. Nun sagen Sie mal!

Die Rede kam auf die englische Misere.

Adenauer: Da habe ich hier ein ähnliches Beispiel. Sehen Sie, ich hab' da hinten eine kleine Toilette, und da hat ein Vögelchen was Menschliches an die Scheibe gemacht. Ich habe gedacht, wollen mal sehen, was nun passiert. Es passierte aber nichts. Da hab' ich das Fräulein Poppinga gefragt, warum die Putzfrau das nicht wegmacht. Das ist keine Sache für die Putzfrau, hat sie gesagt, sondern für den Fensterputzer, und der kommt alle vierzehn Tage. Die Putzfrau macht so was nicht weg. Da hab ich es selbst weggemacht.

Demnächst will er nach Portugal. Ich nach Mexiko. Adenauer zum Abschied: „Dann grüßen Sie mir man die Inkas.“

Adenauer hat die Niederschrift im Druck nicht mehr lesen können. Er starb wenige Tage danach, am 19. April 1967. 

Quelle: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 37-39.