1976: Kurt Birrenbach: In politischer Mission für Konrad Adenauer in den USA

Im Oktober 1961 rief mich Bundeskanzler Adenauer aus einem Urlaub im Schwarzwald zu einer Unterredung nach Bonn. Im Verlaufe einer längeren Aussprache über die Lage in den Vereinigten Staaten nach dem Bau der Mauer fragte er mich, ob ich bereit sei, in seinem Auftrag nach Washington und New York zu reisen. Er sei interessiert an einem objektiven Bericht über die Einstellung der Vereinigten Staaten zum Bau der Mauer in Berlin. West-Berlin sei nun hermetisch von Ost-Berlin abgeschlossen. Berlin sei die wichtigste Kontaktstelle zwischen Ostdeutschland und der Bundesrepublik Deutschland gewesen, jetzt bestehe die Gefahr, daß die Teilung Deutschlands permanenten Charakter annehme. Die Reaktion der Vereinigten Staaten, im Übrigen aber auch der beiden anderen Westmächte, habe sich auf diplomatische Proteste vier Tage nach Beginn des Mauerbaues beschränkt, obwohl ein flagranter Bruch des Viermächte-Status von Berlin vorgelegen habe. Es sei zuzugeben, daß der amerikanische Vizepräsident Johnson eine Reihe von Tagen später nach Berlin geflogen sei und dort im Namen der amerikanischen Regierung noch einmal die Sicherheitsgarantie der Vereinigten Staaten für West-Berlin bekräftigt habe. Richtig sei auch, daß der amerikanische Präsident eine sowjetische Protestnote wegen des Mißbrauchs der Luftkorridore zurückgewiesen und jeden Eingriff in den freien Zugang als einen „Akt der Aggression“ dargestellt habe. Das ändere aber nichts an der jetzt entstandenen Situation. Er lege Wert darauf, daß ich bei meinem Besuch auch mit führenden politischen Persönlichkeiten der Vereinigten Staaten spräche, die unabhängig von der Regierung seien und nicht unbedingt die offizielle Auffassung der Regierung verträten. Er denke dabei an Männer wie Acheson, Herter, McCloy u. a. Gleichzeitig aber sei er an Sondierungen meinerseits im State Department und Pentagon, bei der Presse und bei prominenten jüdischen Persönlichkeiten interessiert.

Ich erwiderte darauf dem Bundeskanzler, ich sei bereit, diese Mission zu übernehmen, und erklärte, auf Grund der Erfahrungen 1953 in der damaligen SBZ und 1956 in Ungarn hätte mich die Zurückhaltung der amerikanischen Regierung und der übrigen NATO-Staaten nicht überrascht. Der Bundeskanzler antwortete mir, dies sei richtig; man müsse sich aber fragen, auf welchem Wege die Lösung der deutschen Frage jetzt noch möglich sei, da die Verbindung von Abrüstungsvereinbarungen mit der deutschen Frage seit Ende der fünfziger Jahre praktisch von alliierter Seite aufgegeben worden sei. Er sei auf das äußerste beunruhigt, da die Wiedervereinigung doch ein zentrales Ziel der deutschen Politik sei.

Nach einem vorbereitenden Gespräch mit Botschafter Wilhelm Grewe in Gegenwart von Konrad Adenauer und einer Rücksprache mit dem europäischen Vertreter des Weizmann-Instituts, Joseph Cohn, der die Verbindungen zu den prominenten jüdischen Persönlichkeiten in den Vereinigten Staaten herstellen sollte, trat ich wenige Tage später meine Reise in die Vereinigten Staaten an. Der Kongreß tagte in den zehn Tagen meines Aufenthaltes in Washington nicht, so daß ich namhafte Mitglieder des Kongresses nicht sehen konnte. Meine wichtigsten Gesprächspartner waren die beiden früheren Außenminister Dean Acheson und Christian Herter, John J. McCloy, Douglas Dillon, der damalige Finanzminister, der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Nitze und führende Persönlichkeiten im State Department. Außerdem sprach ich prominente Vertreter von Presse und Rundfunk sowie der Jewish Community, darunter Nahum Goldmann, den Präsidenten der zionistischen Weltorganisation.

Nach meiner Rückkehr am 1. November erstattete ich dem Bundeskanzler einen schriftlichen Bericht, den ich dann wenige Tage später mündlich erläuterte. Ich trug dem Bundeskanzler vor, ich sei, wie er aus meinem Bericht ersehe, zu folgenden Schlußfolgerungen gekommen: Der amerikanische Präsident sei entschlossen, die Rechte der Alliierten in West-Berlin auch unter Einsatz von Waffengewalt zu verteidigen. Das gelte aber nur, wenn alle Verhandlungsmöglichkeiten vorher restlos ausgeschöpft seien. Präsident Kennedy stände nach wie vor zu seiner Erklärung der drei Essentials vom 25. Juli 1961. Diese würden durch die letzten Ereignisse nicht berührt. Der Bau der Mauer sei für die Vereinigten Staaten völlig überraschend gekommen. Die Geheimdienste aller NATO-Staaten hätten versagt. Das erkläre die Verzögerung der amerikanischen Reaktion. Selbst wenn amerikanische Panzer die Stacheldrahtverhaue und die in Entstehung begriffene Mauer niedergewalzt hätten, hätte die DDR diese in gewisser Entfernung von der Demarkationslinie neu aufbauen können. Eine Zerstörung der Mauer hätte dann einen militärischen Einsatz innerhalb der sowjetischen Einflußzone bedeutet. Das hätten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, insbesondere auch Frankreich, im Übrigen schon 1953 und 1956 eindeutig abgelehnt. Die Teilung Europas de facto in eine westliche und östliche Einflußsphäre sei nun einmal nach amerikanischer Auffassung das Ergebnis des zweiten Weltkrieges. Wenn man also keinen neuen Weltkrieg wolle - und das sei mir mit großer Eindringlichkeit immer wieder erklärt worden -, dann müsse man eben den Verhandlungsweg beschreiten. Man verstünde nicht, daß Frankreich und die Bundesrepublik diese unabweisbare Konsequenz nicht einsähen. Man habe mir in den Vereinigten Staaten darüber hinaus erklärt - insbesondere seien dies die führenden politischen Persönlichkeiten gewesen -, man bedaure, daß die Bundesrepublik sich mit Berlin nicht ausreichend identifiziert hätte, keine Vorschläge für Verhandlungen mit der Sowjetunion gemacht und nicht ihre militärische Bereitschaft durch die Verabschiedung einer militärischen Eventualplanung unter Beweis gestellt hätte. Die Bundesregierung habe in der kritischen Periode zu viel Zeit für die Regierungsbildung verloren und sei damit vielleicht nicht ganz aktionsfähig gewesen. Schließlich sei die Bundesrepublik ein Partner der NATO und Berlin stehe unter deren Schutz. Eine Verhandlung habe nur dann Sinn, wenn man der östlichen Seite etwas biete.

Der Bundeskanzler hatte mich mit großem Ernst angehört und erwiderte auf meine Darstellung, die amerikanischen Argumente seien ihm bekannt. Aber, so fragte Konrad Adenauer mich, was sollte die Bundesrepublik angesichts eines so eindeutigen Rechtsbruchs der Sowjetunion nach allem, was nach Potsdam geschehen sei, dieser noch zusätzlich bieten? Ein neues Angebot liefe doch praktisch darauf hinaus, der Sowjetunion einen Anreiz zu geben, neue Machtansprüche zu stellen und über diese neue Konzessionen zu erzwingen.

Ich erwiderte dem Bundeskanzler, die Vereinigten Staaten hielten die Verhandlungsposition der Sowjetunion in der Frage der Mauer für besonders stark. Die Mauer sei da. Ein militärischer Einsatz des Westens käme nicht in Frage. Welche dritte Möglichkeit bliebe dann, das sei die amerikanische Auffassung, wenn man eine Verhandlung ausschlösse? Die Drohung der Sowjetunion, einen Separatfriedensvertrag mit der DDR abzuschließen und die Kontrolle der Zufahrtswege an diese abzutreten, bestehe fort.

Konrad Adenauer erklärte, er leugne nicht, daß die Position der Sowjetunion stark sei, aber die Nachgiebigkeit des Westens in der Vergangenheit habe ihr eben die Chance geboten, eine solche Stärke in Berlin zu entfalten. Was bliebe dann eigentlich jetzt noch vom Viermächte-Status für beide Teile Berlins? Was, so fragte der Bundeskanzler weiter, erwarte man dann von deutscher Seite?

Ich antwortete dem Bundeskanzler und nannte ihm die verschiedenen Verhandlungsvorschläge, wie die Bildung von Ost-West-Kommissionen, welche die Zufahrtswege nach Berlin kontrollieren könnten, die Verlegung der UNO oder eines Teils der UNO von New York nach West-Berlin, die Umwandlung Berlins in eine freie entmilitarisierte Stadt unter der Kontrolle der Vereinigten Nationen, die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, ein Gewaltverzicht oder Konzessionen auf dem Gebiet der Abrüstung. An die de-jure-Anerkennung der DDR dächte man aber nicht.

Der Bundeskanzler betonte darauf mit großer Eindeutigkeit, alle diese Konzessionen seien doch nicht zumutbar. Im Übrigen würde die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie die Sowjets sicherlich nicht zu Konzessionen veranlassen.

Ich erwiderte daraufhin, ich teilte seine Auffassung. In diesem Punkt seien viele meiner amerikanischen Gesprächspartner der gleichen Meinung. Ich sei aber ebenso der Auffassung, daß die Umwandlung Berlins in eine freie Stadt, wie sie von Senator Mansfield schon früher vorgeschlagen wurde, ganz unrealistisch sei.

Der Bundeskanzler fragte, was dann an Verhandlungsobjekten überhaupt noch übrigbliebe. Dann wäre es doch besser, jede Verhandlung mit der Sowjetunion über die Berlin-Frage abzulehnen. Das sei auch die Auffassung Frankreichs.

In meiner Antwort bedauerte ich, ihm mitteilen zu müssen, daß niemand in den Vereinigten Staaten eine rein negative Haltung der Bundesrepublik in diesem Sinne angesichts der bedrohlichen Situation in Berlin akzeptiert hätte. Ich hätte eindeutig den Eindruck gewonnen, daß die deutsche Einheit kein Ziel sei, für welches die Vereinigten Staaten wie auch die anderen NATO-Verbündeten bereit seien, vitale Opfer zu bringen oder sogar einen militärischen Einsatz zu wagen. Das gelte aber, so betonte ich, nicht für die Sicherung der Zufahrtswege nach West-Berlin und für den Schutz der Hoheitsrechte, welche die drei Westmächte in West-Berlin ausübten.

Was meinen Kontakt mit den jüdischen Persönlichkeiten anbelangte, so sei bemerkenswert, wie großes Verständnis eine Reihe der prominenten Mitglieder der Jewish Community für die Konsequenzen des 13. August für die ganze deutsche Entwicklung haben würde. Niemand habe sich aber für einen militärischen Einsatz der Vereinigten Staaten ausgesprochen. Das gelte natürlich in noch höherem Maße für die Intellektuellen, mit denen ich Kontakt gehabt hätte, die zum Teil für das deutsche Drängen auf eine Beseitigung der Mauer wenig Verständnis gehabt hätten.

Der Bundeskanzler erklärte mir, mein Bericht bestätige den Eindruck, den er in den letzten Wochen gewonnen hätte und den ihm auch der deutsche Botschafter in Washington vermittelt hätte. Die Chancen für eine Wiedervereinigung Deutschlands seien damit weiter verringert.

Dennoch gewann ich am Ende des Gesprächs den Eindruck, daß der Bundeskanzler inzwischen der amerikanischen Einstellung größeres Verständnis entgegenbrachte. Er erklärte mir abschließend, meine Darlegungen seien für sein unmittelbar bevorstehendes Gespräch mit Präsident Kennedy von erheblicher Bedeutung. Er werde die amerikanische Argumentation nochmals überdenken und bei seinem Besuch in Washington auf die wichtigsten Probleme zu sprechen kommen. 

Quelle: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 53-56.