1976: George A. Meany: Konrad Adenauer - Erinnerung und Würdigung

Mein erstes Zusammentreffen mit Konrad Adenauer fand im Frühjahr 1953 in Washington statt. Ich war tief beeindruckt von seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, von seinem klaren Denken und seiner Offenheit. Er war ein überzeugender Mensch, ein großer Patriot, ein Staatsmann von imponierender Größe!

Es gab keinerlei Distanz zwischen uns, selbst nicht bei unserem ersten Treffen. Unsere späteren Unterredungen, während meiner Besuche in Deutschland und seiner Besuche in Washington, waren immer frei von Zweideutigkeiten der Diplomatie. Ich fühlte mich entspannt, zu Hause, wenn ich mit ihm sprach; vor allem, weil wir beide Klärung unserer Gedanken und Ideen suchten und nicht bloße Übereinstimmung aus Höflichkeit.

Ungefähr 10 Jahre später, als Konrad Adenauer schon nicht mehr Kanzler war, hatte ich das angenehme Vergnügen eines Essens mit den Führern der Deutschen Sozialdemokratie. Wir sprachen über die Rolle, die die amerikanische Arbeitnehmerschaft gespielt hatte, als es darum ging, dem deutschen Volk und besonders den deutschen Arbeitern zu helfen, in den dunklen und schwierigen Tagen nach dem Ende des Krieges, ihre freien Gewerkschaften wiederherzustellen. Bedrängt von der wachsenden Gefahr einer anderen totalitären Bedrohung der menschlichen Freiheit und des Friedens - dem aggressiven kommunistischen Imperialismus, der Deutschlands Einheit zerschlug -, berieten wir damals über die Dringlichkeit, ein demokratisches, vereintes und starkes Deutschland zu errichten, welches befähigt sei, eine wichtige Rolle in der Nachkriegszeit zu spielen.

Wir sprachen von dem großen Fortschritt, den die Bundesrepublik beim Aufbau einer gesunden, demokratischen Gesellschaft erreicht hatte. Erich Ollenhauer, Fritz Erler, Willy Brandt und anderen SPD-Führern, die an dem Essen teilnahmen, erläuterte ich, daß nach meinem Dafürhalten Konrad Adenauer der große Baumeister der deutschen Demokratie sei - einer Demokratie, die viel fester begründet sei als die Weimarer Republik. Die sozialdemokratischen Führer zögerten keinen Augenblick, die hervorragende Rolle Konrad Adenauers beim Wiederaufbau Deutschlands und der deutschen Demokratie anzuerkennen.

Von den entfernten Küsten Amerikas aus gesehen, kann ich feststellen, daß sich die innere und äußere Lage der Bundesrepublik in den zurückliegenden Jahren gefestigt hat und daß es Konrad Adenauer in erster Linie war, dem dies zu danken ist. Ich muß hinzufügen, daß ich immer Adenauers Überzeugung bewundert und geteilt habe, daß Demokratie, soll sie erfolgreich und sinnvoll sein, mehr bedeuten müsse als nur ein Festhalten an formalen Regeln politischen Verhaltens durch die Regierung und mehr als nur der Genuß von Rechten durch die einzelnen.

In diesem Sinne war Konrad Adenauer ein dynamischer und wahrhaftiger Demokrat. Er begriff und förderte aktiv soziale Gerechtigkeit. Dabei ist bemerkenswert, daß Adenauers Leistung bei der Erstellung von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit in der Bundesrepublik ein unschätzbarer Beitrag auf dem Weg zum internationalen Erfolg dieser beiden großen Ziele bedeutet.

Heute, da die Luft von den Illusionen über eine sogenannte Entspannung vernebelt ist, kann es höchst lohnend sein, sich der Rolle Adenauers in der internationalen Arena zu erinnern und sie zu würdigen. Er glaubte und kämpfte für eine Detente, für die Verminderung internationaler Spannung. Er verstand sehr gut, daß echte Entspannung nur erreicht werden kann, wenn man die Ursachen der Spannung beseitigt. Er verstand sehr gut, daß „Gipfeltrefferei“, Jet-Diplomatie von Hauptstadt zu Hauptstadt, Abmachungen um der Abmachungen willen und andere diplomatische Trickübungen niemals zu einem gerechten und dauerhaften Weltfrieden führen kann.

In diesem Geist und Verständnis diente Adenauer dem Frieden in Europa und damit in der Welt. Seine Anstrengungen, eine echte Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich zustande zu bringen, waren ebenso unermüdlich wie fruchtbar. Die Geschichte Europas, im Frieden genauso wie im Krieg, hat gezeigt, daß die Verständigung zwischen den Deutschen und den Franzosen eines der Fundamente für ein friedliches Zusammenleben der europäischen Völker ist.

Aber Adenauer sah auch über Europa hinaus. Seine Vorstellung von der Welt war realistisch, nicht visionär. Er war der Kopf des Nachkriegsdeutschland, der klar und zusammenhängend erkannte, daß Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Friede für das deutsche Volk - für das deutsche Volk in nationaler Einheit und Freiheit - keine Zukunft haben würden, wenn nicht die Bundesrepublik fest im Lager der westlichen Demokratien verankert ist. Adenauer erkannte in vollem Maße, wie fruchtbar es für das deutsche Volk sein müsse, eine Außenpolitik zu betreiben, die in enger Verbindung mit den Vereinigten Staaten und unverbrüchlicher Freundschaft mit dem amerikanischen Volk wurzelt.

So gesehen muß man Konrad Adenauer würdigen und ihm in diesem Zusammenhang für seinen immensen Beitrag beim Aufbau der NATO als dem Hauptschild der Sicherheit für das deutsche Volk und als einer Festung des Weltfriedens danken.

Ein großer Patriot, ein unermüdlicher Kämpfer für einen dauerhaften Weltfrieden, ein Förderer sozialer Gerechtigkeit und des demokratischen Gedankens, ein wahrhaftiger Weltbürger - dies war Konrad Adenauer, den ich zu kennen das große Glück hatte. 

Quelle: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 123f.