2014: Erinnerung des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil an Konrad Adenauer

Im Frühjahr 1964 fuhr Hanns-Josef Ortheil, geb. am 5. November 1951, mit seinem Vater nach Berlin, um den ehemaligen Wohnort der Familie aufzusuchen. Aus den Tagebuchnotizen des 12-jährigen entstand ein "Reisetagebuch", das der Schriftsteller Ortheil erst im Erwachsenenalter wiederentdeckte und 2014 veröffentlichte. Hierin erinnert er sich auch an eine Begegnung seiner Mutter mit Konrad Adenauer.

Als wir aus dem Bus gestiegen waren, war ich ein paar Schritte mit Reinhold allein unterwegs, weil Papa seine Schuhriemen neu schnürte. Reinhold sagte, dass ich mich freuen könne, gleich am Anfang unseres Berlin-Aufenthaltes so etwas Besonderes zu erleben wie eine Rede des Bundeskanzlers, ich sagte dazu lieber nichts. Dann fragte er, ob ich wisse, wie der Bundeskanzler heiße, und ich antwortete, dass der Bundeskanzler Ludwig Erhard heiße. „Bravo“, sagte Reinhold, „Du weißt ja Bescheid“. Als er das gesagt hatte, wurde es mir dann doch etwas zuviel, und ich sagte: „Der frühere Bundeskanzler hieß Konrad Adenauer. Ich habe ihn einmal in Rhöndorf gesehen, in einer kleinen Kirche, beim Gottesdienst. Mama hat sich nach dem Gottesdienst mit ihm unterhalten, und sie sind von der Kirche bis zu seinem Wohnhaus zusammen spazieren gegangen.“ Da blieb Reinhold stehen und sagte nichts mehr, bis Papa zu uns kam, und dann fragte er Papa, ob Mama in Rhöndorf wirklich einmal mit Adenauer nach einem Gottesdienst spazieren gegangen sei. „Sie sind nach einem Sonntagsgottesdienst ein paar Schritte zusammen gegangen, das stimmt“, sagte Papa. „Und worüber haben sie gesprochen?“ fragte Reinhold. „Das wüsste ich auch gern“, sagte Papa. „Du weißt es nicht, Josef?“ fragte Reinhold noch einmal. „Nein“, sagte Papa, „ich habe wirklich keine Ahnung, unsere Mia hat das bis heute für sich behalten.“

Familiengeheimnisse

Es gibt in unserer Familie viele Familiengeheimnisse. Von manchen Geheimnissen wissen nur Papa und Mama, von manchen aber auch nur Mama und ich oder Papa und ich. Das größte Familiengeheimnis ist das von meinen vier Brüdern. Ich weiß, dass sie vor meiner Geburt einmal gelebt haben, aber ich weiß nicht genau, warum jetzt keiner von ihnen mehr lebt. Mamas kleiner Spaziergang mit Adenauer in Rhöndorf ist dagegen nur ein kleines Familiengeheimnis, von dem ich vielleicht sogar mehr weiß als Papa. Denn Mama hat mir einmal erzählt, dass sie unbedingt einmal mit Adenauer habe sprechen wollen, um ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen. Deshalb sind wir extra nach Rhöndorf gefahren, und nach dem Sonntagsgottesdienst, in dem auch Adenauer war, hat Mama Bundeskanzler Adenauer vor der Kirche von Rhöndorf angesprochen. Adenauer hat gesagt, sie solle ihn einige Schritte bis zu seinem Wohnhaus begleiten, und Mama hat ihn dann auch wirklich begleitet. Papa und ich aber sind nur hinterher gegangen. Am Anfang ist Adenauer rechts von Mama gegangen, dann sind sie plötzlich stehen geblieben, und Adenauer hat Mama, die ganz allein gesprochen hat, länger zugehört, und danach sind sie viel langsamer weiter gegangen, und Adenauer ist links gegangen, weil er Mama nach rechts, auf seine rechte Seite, gebeten hat. Vor seinem Wohnhaus hat Mama sich verabschiedet, und zum Abschied haben sich Adenauer und Mama kurz umarmt, als würden sie sich längst kennen und hätten sich gerade wiedergesehen. Mehr weiß ich auch nicht, denn Mama hat auch mir nicht erzählt, worüber genau sie mit Bundeskanzler Adenauer gesprochen hat.

Quelle: Hanns-Josef Ortheil, Die Berlinreise. Roman eines Nachgeborenen. München 2014, S. 42f.