Treffen von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen Premierminister David Ben Gurion am 14.03.1960 im Hotel Waldorf Astoria in New York. (Quelle: Bundesregierung / Benno Wundshammer / B124-Bild00009354)

Das erste persönliche Zusammentreffen von Bundeskanzler Konrad Adenauer mit dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion am 14. März 1960 im Hotel Waldorf Astoria in New York war die Begegnung erfahrener Staatsmänner, die beide jungen Demokratien vorstanden, wobei der Staat Israel schon damals um seine Existenz kämpfte und auf Deutschland die historische Schuld des Holocaust lastete.

Im Grunde eine unüberwindliche Aufgabe

Als 1945 mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes das volle Ausmaß seiner Verbrechen deutlich wurde, insbesondere die versuchte Vernichtung aller europäischen Juden, schien es, als wäre für mehrere Generationen keine Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden möglich. Zu tief war der Graben zwischen dem „Volk der Täter“ und den Angehörigen der Opfer.

Auch die Gründung des Staates Israel 1948 als Heimstatt für die verfolgten Juden änderte daran zunächst nichts. Die deutsch-israelische Wiederannäherung stellte im Grunde eine übermenschliche Aufgabe dar. Es waren vollkommen unterschiedliche Erwartungen, die mit der Wiederaufnahme der Kontakte verbunden wurden. Israel ging es um die Feststellung der Schuld, und es wurde materielle Hilfe zum Aufbau des Staates und der Integration der Einwanderer benötigt. Auf deutscher Seite führte die doppelte Staatsgründung 1949 zu einem sehr unterschiedlichen Umgang mit der deutschen Schuld. Die DDR sah sich über einen angeblichen „Antifaschismus“ exkulpiert und negierte jegliche Verantwortung für die deutsche Vergangenheit. Auf Seiten der Bundesrepublik Deutschland bestand zwischen den die Demokratie bejahenden Parteien Konsens, dass die Opfer der NS-Rassenpolitik entschädigt werden müssten. Für Konrad Adenauer und David Ben Gurion gehörten Moral, Staatsräson und Realismus zusammen

Das Luxemburger Abkommen 1952

Bundeskanzler Konrad Adenauer war sich der Verantwortung bewusst: „Wir mussten das Unrecht, das den Juden angetan worden ist von den Nationalsozialisten soweit gut machen, wie das irgend möglich war“, erinnerte er sich später. Es war für ihn zugleich der entscheidende Maßstab, ob die Deutschen „wieder aufgenommen werden würden in den Kreis der anderen Völker“.

Schon wenige Wochen nach seinem Regierungsantritt bemühte sich Adenauer um Kontakte zu jüdischen Vertretern, weil er die moralische und finanzielle Wiedergutmachung, die letztlich nur symbolischen Charakter haben konnte, als Verpflichtung der Deutschen und als Teil des rechtsstaatlichen Wiederaufbaus in Deutschland ansah. Sein Interview mit Karl Marx, dem Herausgeber der "Allgemeinen - Wochenzeitung der Juden in Deutschland", im November 1949 war der Beginn einer nur allmählich und mühsam zustande kommenden Fühlungnahme zwischen der Bundesregierung und Vertretern des Staates Israel. Sie mündete in offizielle Verhandlungen. Hier war es Konrad Adenauer persönlich, der das Entschädigungsabkommen durchsetzte. Im Vorfeld hatte der mit der Führung der Londoner Schuldenverhandlungen beauftragte Bankier Hermann Josef Abs starke Bedenken hinsichtlich der finanziellen Belastungen angemeldet. Adenauer aber hatte sich nach kurzem Zögern vom deutschen Verhandlungsführer, dem Frankfurter Professor und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Franz Böhm, überzeugen lassen, auf die israelischen Vorstellungen einzugehen und damit die Basis für eine Versöhnung zu legen. Am 10. September 1952 unterzeichneten der Bundeskanzler und der israelische Außenminister Moshe Sharett das „Luxemburger Abkommen“ zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel über Wiedergutmachungsleistungen. Darin verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, innerhalb von 12 bis 14 Jahren dem Staate Israel einen Betrag von 3 Milliarden DM zu zahlen. Darüber hinaus sollten 450 Millionen DM zugunsten der Jewish Claims Conference zur Unterstützung, Eingliederung und Ansiedlung außerhalb Israels lebender jüdischer Flüchtlinge dienen.

In Israel gab es um die Wiedergutmachungsleistungen erheblichen politischen Streit. Ben Gurion war Pragmatiker und beharrte auf dem Standpunkt, der junge Staat Israel brauche jede Art der Hilfe, auch aus Deutschland sei diese Hilfe willkommen.

Das Treffen von New York 1960

Schon 1952 wollte die Bundesregierung diplomatische Beziehungen aufnehmen, was der israelischen Seite viel zu früh erschien. 1956 drängte Jerusalem, doch nun äußerte das Bonner Auswärtige Amt Bedenken, da es die Unterwanderung der Hallstein-Doktrin befürchtete. Während die Regierung Adenauer informell schon sehr eng mit Israel zusammenarbeitete – es gab schon damals Waffenlieferungen – waren volle diplomatische Beziehungen seitens der Bundesrepublik noch nicht erwünscht, da für diesen Fall die arabischen Staaten mit einer Anerkennung der DDR drohten. So dauerte es, bis am 14. März 1960 die erste persönliche Begegnung im Hotel Waldorf Astoria in New York zustande kam. Erwogen worden war das Treffen schon seit geraumer Zeit. Adenauer hatte angeboten, zu einem Besuch nach Israel zu kommen, Ben Gurion aber bevorzugte eine Begegnung an einem neutralen Ort. Ihrer beider Aufenthalt in New York bot sich an, um den protokollarischen Aufwand so gering wie möglich zu halten. Adenauer befand sich auf einer ausführlichen Amerika- und Japanreise, die nicht zuletzt das internationale Renommée der Bundesrepublik Deutschland aufbessern sollte. Denn um die Jahreswende 1959/60 hatten antisemitische Ausfälle, darunter Hakenkreuzschmierereien an der neuerrichteten Kölner Synagoge, die Konrad Adenauer drei Monate zuvor mit eingeweiht hatte, sowie eine Reihe von Friedhofsschändungen für Empörung gesorgt. Heute ist bekannt, dass sie von der DDR-Staatssicherheit in Auftrag gegeben worden waren. Adenauer wollte hier mäßigend wirken und ein Bild des neuen Deutschland zeigen und der israelischen Seite signalisieren: Wir lassen Israel auch nach Auslaufen der Wiedergutmachungsleistungen nicht im Stich. Ben Gurion hatte vor der Knesset erklärt: „Es ist klar, dass es in Deutschland einen Antisemitismus gibt und dass dort noch Nazis leben, aber das deutsche Volk von heute ist keine Nation von Mördern und seine Jugend von heute ist keine Hitler-Jugend.“

Die Ergebnisse

Konkret ging es in den Gesprächen um die deutsche Unterstützung für Israel, vor allem um Wirtschaftshilfe und Rüstungslieferungen. DiskuItiert wurde über die deutsche Beteiligung an Anleihen zur weiteren Entwicklung Israels. Eine Reihe von Krediten wurde unter dem Decknamen „Aktion Geschäftsfreund“ als Entwicklungshilfe deklariert abgewickelt. Die Summe von 500 Millionen wurde in den Raum gestellt, ohne Konkretisierung, ob es D-Mark oder US-Dollar sein sollten. Die Bundesrepublik verpflichtete sich ferner, militärische Ausrüstung im Wert von 240 Millionen Mark zu liefern.

Für Adenauer war die “Sühne an den Juden” einerseits moralisch geboten, andererseits auch unentbehrlich für das Ansehen der Bundesrepublik in der Welt. Für Israel wiederum waren die finanziellen Leistungen ebenso notwendig wie die technische Unterstützung und die streng geheime Militärhilfe. So äußerte Ben Gurion dann auch konkrete Wünsche bezüglich deutscher U-Boote und Fernlenkwaffen. Adenauer stimmte dem grundsätzlich zu und bekam ebenfalls, was er wünschte: Eine – von der Presse dokumentierte – freundliche und offene Atmosphäre. Obwohl schon länger entsprechende Vorstöße aus Israel zu vernehmen waren, wurde über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen nicht gesprochen. Sie erfolgte erst im März 1965. Wichtiger aber als diese konkreten Absprachen war die Tatsache, dass mit dem Treffen eine Verständigung und später Versöhnung zwischen Deutschen und Juden wieder möglich wurde.

Zweite Begegnung

Sechs Jahre nach diesem Treffen reiste Adenauer im Mai 1966 nach Israel. Im Haus von Ben Gurion im Kibbuz Sde Boker in der Wüste Negev fand die zweite Begegnung statt. Knapp ein Jahr später starb Konrad Adenauer. David Ben Gurion machte sich im April 1967 erstmals seit Oktober 1945 auf die Reise nach Deutschland, um dem toten Gründungskanzler der Bundesrepublik Deutschland die letzte Ehre zu erweisen.

Literaturhinweis

Niels Hansen: Aus dem Schatten der Katastrophe. Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad-Adenauer und David Ben Gurion. Düsseldorf 2002. (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte Bd.38)

Hanns Jürgen Küsters, Wolfgang Tischner