Die sowjetische Armee schlug am 17. Juni 1953 gewaltsam den Aufstand der Bevölkerung in der DDR nieder. Dieser Tag war Höhe- und Wendepunkt eines bewegenden Vorgangs: Eine spontane Erhebung - waffenlos gegenüber polizeistaatlicher und militärischer Gewalt - offenbarte im sowjetischen Machtbereich erstmalig und eindeutig und vor aller Welt das deutsche Verlangen nach Menschenwürde, freier Selbstbestimmung und nationaler Einheit.

Vorgeschichte

Die Ursachen und Bedingungen des Aufstandes waren vielschichtig und widerspruchsvoll; letztlich wurzelten sie in der deutschen Spaltung und in den tiefgreifenden Strukturveränderungen, denen Herrschaft und Gesellschaft in der sowjetischen Besatzungszone nach 1945 unterworfen waren. Innerhalb kürzester Zeit war die Wirtschaftsordnung umgestülpt worden: Bodenreform und Enteignung, Kollektivierung und "sozialistische Umgestaltung des Dorfes" führten zu wachsender Entfremdung der Landbevölkerung vom "Arbeiter- und Bauernstaat" und zu erheblichen Versorgungsengpässen. Die Verstaatlichung von Betrieben, Banken und Versicherungen hatte zur Folge, daß den Arbeitern bei Auseinandersetzungen nicht mehr Privatunternehmer oder Konzernverwaltungen gegenüberstanden, sondern der Staat, der in die Rolle des Arbeitgebers geschlüpft war. Die Gewerkschaften waren gleichgeschaltet, und so mündeten soziale Konflikte geradezu zwangsläufig in die Dimension politischer Gegensätze.

Soziale Lage der DDR

Die soziale Lage war sieben Jahre nach Kriegsende miserabel. 1952 betrug das monatliche Durchschnittseinkommen 308 Mark. Die Stundenlöhne der Arbeiter lagen durchweg unter zwei Mark. Erbärmlich waren die Renten; sie beliefen sich auf gerade 65 Mark. Der Lebensstandard war niedrig; Fett, Fleisch und Zucker waren noch immer rationiert. Viele Güter waren nicht erhältlich, und die Qualität der verfügbaren Waren ließ oft zu wünschen übrig.

Beschlüsse der II. SED-Parteikonferenz

In dieser Situation faßte die II. Parteikonferenz der SED im Juli 1952 Beschlüsse über den "Aufbau des Sozialismus", die die wirtschaftliche und soziale Lage der gesamten Bevölkerung noch weiter verschlimmerten und die latente Unzufriedenheit, die sich seit Ende der 40er Jahre in innerbetrieblichen Auseinandersetzungen, in passivem, teils auch aktivem Widerstand äußerte, weiter verstärkten. Die Beschlüsse zielten auf eine schnellere Entwicklung der Schwerindustrie; dies bedeutete automatisch eine Drosselung der Konsumgüterindustrie. Die Arbeitsproduktivität sollte durch höhere, "technisch begründete" Arbeitsnormen gesteigert werden, was sinkende Löhne und somit Konsumverzicht nach sich ziehen mußte.

Ernährungskrise

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Eine beschleunigte Kollektivierung der Landwirtschaft und die verschärfte Verstaatlichung führten ab Ende 1952 zu einer einschneidenden Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation. Zum ersten Mal seit 1947 herrschte eine wirkliche Ernährungskrise. Die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern war nicht mehr gewährleistet. Trotzdem intensivierte die SED ihren Sowjetisierungskurs durch weitere Einschränkungen im Bereich des privaten Handels und Gewerbes: Die Preise für Lebensmittel wurden stark angehoben, Lebensmittelkarten für bestimmte Bevölkerungsschichten nicht mehr ausgegeben und gleichzeitig die Leistungen verschiedener Sozialversicherungen eingeschränkt. Der verschärfte Kampfgegen die Kirchen und ihre Organisationen sowie die zunehmende Willkürjustiz heizten Erbitterung und Empörung zusätzlich an.

Steigende Zahl der Flüchtlinge

Die anschwellende Flüchtlingsbewegung in den Westen Deutschlands setzte deutliche Signale. Besser als jede Schilderung veranschaulicht die Zahl der Flüchtlinge die schnell wachsende Ablehnung des herrschenden Regimes: Januar bis Juni 1952: 72.226, Juli bis Dezember 1952: 110.167, Januar bis Mai 1953: 184.793.

Unmut, Protest, Widerstand

Unmut, Protest und Widerstand äußerten sich seit Herbst 1952 auch wiederholt in Arbeitsniederlegungen. Dennoch verfügte die SED in völliger Verkennung der Stimmungslage - zur Behebung der prekären wirtschaftlichen Situation - weitere "freiwillige" Normenerhöhungen, gegen die es erheblichen Widerstand, bis hin zu Streiks, gab. Um diesen Widerstand administrativ zu brechen, beschloß der Ministerrat am 28. Mai 1953 eine gesetzliche Erhöhung der Normen um mindestens 10 Prozent. Die Arbeiterschaft konnte, da ihr Produktivitätspotential bereits ausgeschöpft war, diese Anforderungen nicht erfüllen. Vielmehr blieb sie unter dem amtlichen Soll und mußte entsprechende Lohnabschläge hinnehmen. Für Facharbeiter bedeutete dies eine Lohneinbuße von 168 Mark auf 72 Mark, für weibliche Bauhilfsarbeiter von 52,80 Mark auf 46 Mark pro Woche.

Zug der Arbeiter

Das Faß der Verbitterung brachte schließlich ein Artikel in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" am 16. Juni 1953 zum Überlaufen, in dem die Beschlüsse über die allgemeine Normenerhöhung vehement verteidigt wurden. Spontan bildete sich am Morgen des 16. Juni - ausgehend vom Block 40 der Bauarbeiter der Stalinallee in Berlin - ein Demonstrationszug, der zum Haus der Ministerien in der Leipziger Straße marschierte und zunächst nur die Herabsetzung der Normen verlangte. Innerhalb kurzer Zeit war er auf über 10.000 Menschen angeschwollen. Sie forderten, die obersten Repräsentanten des SED-Regimes, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl, zu sprechen, die aber nicht den Mut aufbrachten, mit den Arbeitern zu verhandeln. Das Verlangen nach besseren Arbeitsverhältnissen verband sich schon bald mit politischen Forderungen; die Unruhe gewann eine politische Dimension. Sprechchöre brandeten auf: "Nieder mit den Normen", "Rücktritt der Regierung", "Freie Wahlen". Erst gegen Abend, als auch das Wort vom "Generalstreik" für den folgenden Tag die Runde machte, löste sich der Demonstrationszug auf.

Ausbreitung des Aufstandes

Trotz großer Zurückhaltung im westlichen Deutschland und in der Berichterstattung des RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor von Berlin), der auf amerikanische Anweisung das Wort "Generalstreik" nicht verwenden durfte, und trotz spärlicher Information über die Ereignisse in Berlin kam es am 17. Juni in über 270 Orten zum Aufstand. Eine zentrale Koordination dieser spontanen Bewegung gab es nicht. Sie wurde im wesentlichen getragen von Arbeitern in traditionell sozialdemokratisch wie kommunistisch geprägten Gebieten; in ihrer Frontstellung gegen die verhaßten Machthaber waren sie sich einig wie nie zuvor. Die Nachricht, daß das Politbüro inzwischen die Rücknahme der Normen verfügt hatte, erreichte die aufgebrachten Menschen nicht mehr. Sie kam ebenso zu spät wie der durch Intervention Moskaus Anfang Juni eingeleitete "Neue Kurs" mit dem offiziellen Eingeständnis von Fehlern und der Rücknahme der in den vergangenen Monaten getroffenen Maßnahmen.

Sowjetische Panzer rollen

Die Arbeit wurde am 17. Juni nicht mehr aufgenommen. Die aufgebrachten Menschen holten rote Fahnen ein und zerrissen Transparente; Grenzmarkierungen an der Sektorengrenze wurden niedergelegt, SED-Parteibüros besetzt und in Brand gesteckt, Gefängnisse gestürmt und die politischen Gefangenen befreit. Obwohl an Knotenpunkten und Hauptstraßen aller größeren Städte bereits ab 9 Uhr sowjetische Panzer aufgefahren waren, kam erst gegen Mittag der Einsatz- und Schießbefehl für die sowjetischen Truppen: Um 13 Uhr verkündete der sowjetische Militärkommandant schließlich den Ausnahmezustand für Ost-Berlin, der bis zum 9. Juli dauerte. Alle Demonstrationen, Versammlungen, Kundgebungen und sonstige Menschenansammlungen über drei Personen wurden verboten, eine Ausgangssperre bis 5 Uhr morgens verfügt. Da sich der Aufstand von Berlin aus sehr schnell auf das gesamte Gebiet der DDR ausgeweitet hatte, verhängte die sowjetische Besatzungsmacht in über 167 von damals 217 Stadt- und Landkreisen ebenfalls den Ausnahmezustand.

Niederschlagung des Aufstandes

Durch das Eingreifen der Roten Armee verebbte der Aufstand sehr schnell. Wie hoch die Zahl der Toten und Verletzten war, wird sich eindeutig nicht klären lassen. Nach offiziellen Angaben gab es "nur" 21 Todesopfer; drei Aufständische wurden standrechtlich erschossen. Andere Quellen sprechen aber von über 260 Toten. Tausende von Aufständischen wurden verhaftet (nachweislich 8.736 politische Urteile in den Jahren 1953 und 1954) oder mußten fliehen. Es dauerte noch geraume Zeit, bis die Ruhe wiederhergestellt war. Denn mit der gewaltsamen Niederwerfung des Aufstandes war der Widerstand der Arbeiter keineswegs gebrochen; er verlagerte sich allerdings von der Straße zurück in die Betriebe, wo es weiter zu Streiks kam, bei denen vordringlich die Forderung auf Freilassung und Amnestie der als Streikführer verhafteten Kollegen gestellt wurde.

Forderungen und Ziele der Aufständischen

Auslöser des spontanen Aufstands waren sicherlich Forderungen, die auf wirtschaftliche Nahziele gerichtet waren, doch weiteten sie sich sehr schnell auf allgemein politische Ziele aus. Wesentliche Forderungen und politische Ideen des 17. Juni 1953 waren:

  • Zurücknahme der Normenregelung und Verbesserung des Lebensstandards

  • Herstellung demokratischer Verhältnisse in den Betrieben

  • Verzicht auf Repressalien gegen StreikendeFreilassung sämtlicher politischen Gefangenen

  • Verzicht auf Wiederbewaffnung und Auflösung der Armee

  • Rücktritt der Regierungfreie, geheime und direkte Wahlen und freie politische Betätigungsmöglichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen

  • sofortige Abschaffung der Zonengrenze und Wiederherstellung der Einheit Deutschlands.

Der Arbeiteraufstand richtete sich also in seinen Ursprüngen gegen ökonomische und soziale Mißstände, dann aber gegen die Herrschaft der SED selbst, die durch die Forderung nach Rücktritt und freien Wahlen prinzipiell in Frage gestellt wurde. Schließlich stellte die Forderung nach freier Selbstbestimmung und Wiederherstellung der nationalen Einheit das sowjetische Hegemonialsystem grundsätzlich in Frage.

Folgen des Aufstands

Bei ihren sozialen und wirtschaftlichen Forderungen konnten die Aufständischen durchaus einige Erfolge verzeichnen: So wurden die 10-prozentige Normenerhöhung zurückgenommen, die Löhne angehoben, die Preise für Lebensmittel gesenkt und die Konsumgüterindustrie zugunsten der Schwerindustrie gestärkt. Den politischen und gesellschaftlichen Forderungen blieb hingegen jeder Erfolg versagt. Hier zeigte sich in aller Schärfe, daß die Bevölkerung im Machtbereich der SED und der Sowjetarmee auf sich allein gestellt blieb und die internationalen Kräfteverhältnisse und Machtkonstellationen jeder Veränderung des politischen Status quo in Deutschland entgegenstanden und jede Hilfe von außen unmöglich machten. Diese Erfahrung hat in der Folgezeit die Fluchtbewegung verstärkt, aber auch den Prozeß der Anpassung in der DDR, vor allem nach dem 13. August 1961, nachhaltig gefördert. So wurde der Bau der Berliner Mauer zur historischen Konsequenz aus der Niederwerfung des Aufstandes vom 17. Juni 1953.

17. Juni und Ost-CDU

Für die CDU erwies sich die gespaltene Vergangenheit - hie Bundesrepublik, da DDR - als doppelt gespalten. Bis 1948 besaß die Partei eine gemeinsame deutsche Geschichte, bis sie in der SBZ dem Anpassungsdruck von Sowjets und SED erlag und in einem Gleichschaltungsprozeß, der mehrere Jahre dauerte und den weder die meisten führenden Politiker noch die einfachen Mitglieder widerstandslos hinnnahmen, auf die Linie der SED gebracht wurde. Am Beispiel des 17. Juni zeigt sich, daß die CDU nicht nur in Ost und West getrennt war, sondern daß auch die Ost-CDU in sich gespalten war.

Otto Nuschke in West-Berlin

Ihr Vorsitzender war bei den erregten Kundgebungen am Nachmittag des 17. Juni in seinem Auto nach West-Berlin abgedrängt und von der Polizei der amerikanischen Besatzungsmacht übergeben worden, wo er bis zum 19. Juni vormittags in Gewahrsam blieb. Schon am 17. Juni abends verlangte er in einem RIAS-Interview seine Freilassung und deutete den Aufstand als Folge der Normenerhöhung, die als "Zünder" für die "faschistischen westlichen Provokationen" benutzt worden sei. Dies waren die wesentlichen Begriffe der Sprachregelung, mit der seit dem 18. Juni die DDR-Führung und auch die CDU die "Ereignisse der letzten Tage" zu erklären versuchte.

Erste Erklärungsversuche

Der Politische Ausschuß, der sich nun fast täglich mit der Situation befaßte, beschloß am 18. Juni nicht nur einen Aufruf zur Freilassung und eine Protestkampagne gegen den "Raub Otto Nuschkes", an dem "der Charakter der faschistischen Provokation zu demonstrieren" sei, sondern auch, ein Telegramm an den Präsidenten der DDR zu schicken, in dem "die Treue der CDU zur DDR zum Ausdruck gebracht wird". Nie wieder dürften, "von Westberlin her organisiert", "eingeschleuste Untergrundelemente" und "faschistische Provokateure ehrliche Forderungen und Anstrengungen unseres Volkes für ihre verbrecherischen Machenschaften benutzen".
Auch Generalsekretär Gerald Götting erklärte in einem umfassenden Situationsbericht über die Lage seiner Partei Ende Juli: "Das Ziel der Putschisten und Provokateure war, mit Hilfe eines Putsches die DDR dem amerikanischen Imperialismus auszuliefern. Das konnte durch das bedachtsame und kluge Eingreifen der Sowjet-Armee verhindert werden."

Widerspruch an der Basis

Derartige Schuldzuweisungen an die Adresse der Bundesrepublik genügten zwar der offiziellen Sprachregelung, sie trugen aber - wie sich mehr und mehr herausstellte - den Tatsachen in keiner Weise Rechnung. Schon am 23. Juni wurde der Parteileitung deutlich, daß die Erklärung eines vom Westen gesteuerten Putsches keineswegs ausreichte, daß vielmehr "die notwendige Unterscheidung zwischen den aufgrund des verfassungsmäßigen Rechtes streikenden Arbeitern und den aus West-Berlin entsandten Provokateuren nicht mit der nötigen Sorgfalt getroffen" werde. In den "Schlußfolgerungen aus der gegenwärtigen Lage für die nächsten Aufgaben der Partei" - ebenfalls vom 23. Juni - heißt es: "Im Verlauf der Unruhen der letzten Tage war zu bemerken, daß Funktionäre oder Geschäftsstellen der Partei in kaum einem Falle angegriffen worden sind. Vielfach brachten die Demonstranten ihre Sympathie mit unserer Partei zum Ausdruck. Diese Sympathieerklärungen zeugen ... von einer völligen Verkennung der Aufgaben und der Rolle unserer Partei ..." Offenkundig galt die CDU, die den gleichen Namen wie die Adenauer-Partei führte, den Aufständischen als Hoffnungsträger für eine demokratische und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft und wurde deshalb - trotz ihrer Führungsclique - mit Sympathie bedacht.

Reaktion der Parteiführung: Bedingungslose Anpassung an die SED

Aufgrund dieser, die SED-hörige Parteileitung alarmierenden Nachrichten erhielt ihr Generalsekretär Götting den Auftrag, sämtliche Bezirksverbände aufzusuchen und ihnen die "Linie der Partei" zu vermitteln. Er selbst definierte das Ziel seiner Reise, die "sehr ernsten Vorwürfe gegen die Arbeit der Parteileitung", "diese Diskussionen in den Kreisverbänden zu zerschlagen und gleichzeitig die gesamte Kraft der Partei für die Durchsetzung des neuen Kurses zu mobilisieren". Aus den "Situationsberichten" der Bezirksverbände wird deutlich, wie tief die Spaltung zwischen den Berliner Funktionären und der Mitgliedschaft tatsächlich war. Zwar herrschte, so lautete ein Fazit Göttings, in der Bevölkerung größtenteils äußerlich Ruhe, in Wirklichkeit habe sich die Stimmung seit dem 17. Juni 1953 in keiner Weise gebessert. Diese Kluft war trotz aller Einflußnahme aus Berlin auch nicht zu überbrücken, wie eine "Schwerpunkt-Analyse für die Erweiterte Sekretariatssitzung in Leipzig" am 3. September 1953 ausweist: "Die Mitglieder unserer Partei machen der Parteileitung eine Reihe von Vorwürfen. Die wachsenden Austritte in unserer Partei sind nicht zuletzt Zeugnis für die Unzufriedenheit mit der Parteileitung." Noch Monate nach dem Aufstand rumorte es weiter; die Machtfrage stellte sich angesichts der sowjetischen Panzer freilich nicht mehr.

17. Juni und die CDU im Westen

Ganz anders in der Bundesrepublik: Für die CDU und die von ihr geführte Bundesregierung waren der Aufstand und die gestellten Forderungen nur eine Bestätigung und Rechtfertigung der politischen Einschätzung und der eingeschlagenen Linie gegenüber dem "Pankower Regime" und den Sowjets. Antitotalitäre Haltung, Westorientierung und die Forderung nach Wiedervereinigung in Freiheit sowie das ordnungspolitische Konzept der Sozialen Marktwirtschaft fanden vor diesem Hintergrund eine eindrucksvolle Bestätigung. Insoweit war weder eine Sitzung der führenden Parteigremien vonnöten - wie bei der Ost-CDU - noch eine Änderung der grundsätzlichen Haltung. CDU und CSU und Bundesregierung sahen sich in Übereinstimmung mit der Bevölkerung, die diese Haltung im September bei der Wahl zum zweiten Bundestag mit der absoluten Mandatszahl für die Union honorierte.

Tag der deutschen Einheit

Der Deutsche Bundestag war sich in der Verurteilung des Vorgehens gegen die Aufständischen einig; sofort setzte jedoch ein Parteienstreit über die angemessene Würdigung des 17. Juni ein - ob man ihn zukünftig als "deutschen Nationalfeiertag" (SPD) oder als "nationalen Gedenktag" (CDU/CSU, FDP, DP) begehen solle. Schließlich einigte man sich auf einen "Tag der deutschen Einheit", der zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde. Von Anfang an haben Unsicherheit und ein gewisses Unbehagen diesen "Tag der deutschen Einheit" begleitet.

Wille zur Freiheit und Einheit aller Deutschen

Im Mittelpunkt des Gedenkens stand zunächst die Würdigung des "unter schwersten Opfern" bewiesenen Willens zur Freiheit und Einheit aller Deutschen und die daraus abgeleitete Verpflichtung, alles zu tun, um die Wiedervereinigung des deutschen Volkes zu ermöglichen. Seit Ende der 50er Jahre aber war der Staatsfeiertag ein fast jährlich wieder diskutiertes Thema. Je mehr sich die Hoffnungen auf eine baldige Wiedervereinigung zerstreuten und die konkreten Erinnerungen an den Aufstand verblaßten, desto mehr entwickelte sich der "Tag der deutschen Einheit" von einem Tag des Stolzes auf deutsches Aufbegehren gegen eine verhaßte Herrschaft zu einem Tag stiller Besinnung und schließlich zu einem Streitpunkt bundesdeutscher Politik. Die Diskussionen entzündeten sich zunächst an der Art der Gestaltung des Tages wie seit Anfang der 70er Jahre an seiner Existenz überhaupt.

17. Juni in der politischen Diskussion

Nach dem Regierungsantritt der sozial-liberalen Koalition zerbrach die Einigkeit unter den Parteien. SPD und FDP drängten verstärkt darauf, des Aufstandes an einem normalen Arbeitstag zu gedenken, denn der 17. Juni sei "ein Tag der Niederlage für den Freiheitswillen der Deutschen"; er eigne sich deshalb nicht zum Feiertag (so 1975 und 1978 der damalige Bundeskanzler Schmidt sowie 1982 der damalige Bundesjustizminister Schmude) und sei also als gesetzlicher arbeitsfreier Tag abzuschaffen. Diese Argumentation entsprang der Vorstellung, seit Abschluß der Ost- und Deutschlandverträge sei das Gedenken an den Aufstand gegen die kommunistische Gewaltherrschaft "unzeitgemäß". Egon Bahr äußerte sogar am 17. Juni 1978 auf dem SPD-Bezirksparteitag Niederrhein die Meinung, durch den Gang der Geschichte habe der 17. Juni seinen Sinn verloren. CDU und CSU bestanden aber darauf, auf jeden Fall am 17. Juni als dem "Nationalen Gedenktag" festzuhalten und jährlich der deutschen Frage zu gedenken, indem ein deutschlandpolitisches Thema vor dem Bundestag behandelt werden sollte.
Auch wenn die Kritiker des "Tages der deutschen Einheit" dies nicht in aller Offenheit artikulierten, so stand doch hinter ihren Überlegungen die Vorstellung, die lange Dauer der Teilung Deutschlands habe inzwischen neue Fakten geschaffen und der "normativen Kraft des Faktischen" habe man sich zu beugen. Es habe sich vor allem in der nachwachsenden Generation sowohl in der DDR wie in der Bundesrepublik Deutschland ein neues Staatsbewußtsein gebildet, weshalb die Beschwörung der Einheit der deutschen Nation unglaubwürdig gewordene Rhetorik sei.

Seit 1989/90 „Tag der deutschen Einheit" obsolet

Die Deutschen in der DDR haben 1989/90 mit ihrer Forderung auf Wiederherstellung der Einheit diesen Überlegungen und Gedankenspielen eindrucksvoll ein Ende gesetzt. Damit ist aber auch der "Tag der deutschen Einheit" obsolet geworden. Festzuhalten bleibt, daß der 17. Juni erstmals das weitverbreitete Vorurteil zerstört hat, das deutsche Volk sei zu entschlossenem Widerstand gegen totalitäre Systeme weder fähig noch willens. Der 17. Juni vereinigte - und dies ist im Ausland viel klarer als in der Bundesrepublik erkannt worden - in sich national- und sozialpolitische Züge, weil hier der Versuch unternommen wurde, die seit 1945 aktuelle nationale Frage mit der politischen und sozialen in Beziehung zu setzen und zu lösen. Er nahm als Vorläufer vorweg, was 1989/90 unter anderen weltpolitischen Bedingungen auf friedlichem Wege möglich wurde.

Fazit

Das Beispiel des 17. Juni zeigt: Die tiefen ideologisch-politischen Differenzen zwischen den beiden deutschen Staaten täuschen nicht darüber hinweg, daß es in Ost und West immer eine Vielzahl von Reaktionen auf das jeweils eigene, aber auch auf das andere politische System gegeben hat. Allein die vielen Millionen Menschen, die bis zum Mauerbau 1961 aus der DDR in den Westen geflohen sind, um dem Regime, seinem Anpassungsdruck und seinen Repressionsmechanismen zu entgehen, haben ein gesamtdeutsches Bewußtsein wachgehalten. Insoweit bildeten sie, die aus dem östlichen Teil stammen und sich im Westen weitgehend integriert haben, mit ihren verwandtschaftlichen und lebensgeschichtlichen Beziehungen, mit ihren Forderungen nach Reise- und Besuchsmöglichkeiten das menschliche Fundament gesamtdeutscher Geschichte.


Günter Buchstab

Link

17. Juni 1953: Volksaufstand in Berlin und in der DDR