Konrad Adenauer im Gespräch mit Jean Monnet und Walter Hallstein auf der Schuman-Plan-Konferenz (Paris 1951). (Quelle: Bundesregierung)

Adenauer und Monnet bekämpften die schädliche Wirkung nationaler Riva­li­täten zwischen Deutschland und Frankreich. Sie wollten dem im eigenen nationalen und im europäischen Interesse vorbeugen.

Charakterisierungen

Ein „Mann von sehr großem wirtschaftlichen Organisationstalent, echter Mann des Frie­dens, von gewinnenden Verhandlungsformen", beschrieb Adenauer in seinen Erin­ne­rungen die Charak­ter­eigenschaften Jean Monnets. Er war eben ein echter Fran­zose, lebensfroh, optimistisch und für Adenauers Geschmack manchmal gar zu roman­tisch und ideali­stisch. Bei ihrer ersten Zusammenkunft am 23. Mai 1950 im Bonner Kanz­ler­amt traf Monnet in Adenauer einen zurückhaltenden, tief gläubigen Verstän­digungs­politiker, vom Friedens­ge­dan­ken durch­drungen, dem es um einen wirklichen Ausgleich der historisch belasteten deutsch-französischen Beziehungen ging.


Gleichberechtigung

Immerhin war Monnet der erste Vertreter einer der drei west­lichen Siegermächte, die dem Bundeskanzler der unter Besatzungsrecht stehenden Bundes­repu­blik in einer supra­nationalen Hohen Behörde für Kohle und Stahl erstmals nach der Niederlage 1945 die Gleichberechtigung zwi­schen Siegern und Besiegten anbot. Diese Geste beeindruckte Adenauer nachhaltig. Noch im Juni 1950 lud er Monnet zu sich nach Hause in Rhön­­dorf ein­. Vergessen hatte der Kanzler auch nicht­, daß es Monnet war, der ihn bei dem ersten Besuch eines deutschen Regierungschefs in der Nachkriegszeit in Paris im April 1951 auf dem Flughafen Orly empfing.
Adenauer zufolge hat Monnet nicht nur viel bewirkt, das Verhältnis zwischen Deut­schen und Franzosen neu zu gestalten. Monnet war es auch, der aufgrund seiner exzel­len­ten Beziehungen zu amerikanischen Regierungskreisen dazu beitrug, daß die Be­ziehung zwischen Adenauer und dem neuen amerikanischen Außenminister John Foster Dulles von Beginn an ­­­­von einem gewissen Vertrauen geprägt war.


Übereinstimmungen

In einer Reihe von Punkten stimmten Adenauer und Monnet in ihren Beurteilungen der internationalen Lage überein: erstens in der Notwendigkeit, die deutsch-französische „Erb­feindschaft" zum Ausgangspunkt normaler friedlicher Beziehungen der Staaten in Europa zu machen; zweitens in der Bereitschaft, dafür neue Wege einzuschlagen unter der Voraus­set­zung, daß auch andere europäische Staaten hinzugezogen würden; drittens in der Erkennt­nis, daß die wirt­schaftliche Verflech­tung und Integration von Staaten der ge­eig­nete Ansatz zur weiter­führenden poli­­tischen Eini­gung Europas sein würde; und schließ­lich viertens in der Einsicht, daß Großbritannien bei dem euro­päischen Ver­bund­system nicht außen vor bleiben durfte, wobei es Monnet mehr als Ade­nauer darum zu tun war, die Beziehungen Englands zum Kontinent zu stärken.


Meinungsunterschiede

Zwischen ihnen gab es aber auch ebenso deutliche Auffassungsunterschiede. So teilte zum Beispiel Adenauer in der Saarfrage ­keineswegs die Ansicht Monnets und auch McCloys, es sei falsch, mit einer Lösung bis zum Abschluß eines Friedensvertrages zu warten, weil dies eine offene Wunde in den deutsch-französischen Be­ziehungen bedeute. Adenauer suchte die Option auf die Wiedervereinigung Deutschlands unter Ein­beziehung des Saar­landes solange wie möglich offenzuhalten. Einer endgültigen Lösung des Saar­pro­blems konnte er nur in einem europäischen Integrationsverbund oder eingegliedert in die Bundes­republik zustim­men. Jede andere Lösung hätte seine Deutsch­land­politik ­­­unter­mi­niert und unglaub­würdig gemacht.


Monnets Kandidatur

Monnet hatte Anfang November 1954 aus Enttäuschung über das Scheitern der Europäischen Ver­tei­digungsgemeinschaft auf eine erneute Kandidatur für das Prä­si­den­ten­amt der Hohen Be­hörde im Februar 1955 verzichtet. Er erhoffte sich für eine Wiederbelebung der Inte­gra­tions­bewegung vor allem die Unterstützung Adenauers. Doch führte der Streit in der Bun­desregierung über die ein­zu­schla­gende Integrationsmethode - institutionell oder funk­tional - und heftige Wider­stände von Wirtschaftsminister Erhard gegen das Konzept wei­te­rer Teilintegra­tionen nach dem Vorbild der Montanunion zu einem Kompromiß, der in dem deutschen Me­mo­randum zur Konferenz von Messina Anfang Juni 1955 seinen Nie­derschlag fand­. Monnet er­innerte Adenauer an 31. Mai an die Notwen­dig­keit, Ent­schei­dungskompe­ten­zen auf eine supra­nationale Organisation zu übertragen. Man dürfe nicht zu einer wirtschaftlichen Zu­sam­menarbeit souveräner Staaten zu­rück­kehren. Ade­nauer war aus einer ihm selbstverständlich erscheinenden Loya­li­tät bereit, eine zweite Kandidatur Monnets mit­zu­tragen, wenn sich die französische Re­gierung auch dafür einsetzte.


Junktim

Ein zweites Konflikt­feld stellten die Diskussionen über die „relance euro­péenne" 1955/56 dar. Genaugenommen ging es um die mögliche Entkoppelung der Verhandlungen über die Verträge der Euratom-Gemeinschaft und des Gemeinsamen Marktes. Monnet schätzte die geringe Neigung­ der fran­zösischen Regierung, sich dem Gemein­samen Markt anzu­schließen, zwar durchaus richtig ein. Und Adenauer brachte für Monnets Demarche im September 1956, den Euratom-Vertrag vorab zu einem Abschluß zu bringen und erst dann über die Be­din­gungen einer Europäischen Wirt­schaftsgemeinschaft zu verhandeln, Verständnis auf. Doch warnten ihn Franz Etzel, Alfred Müller-Armack und Hans von der Groeben davor, das vom Kabinett im Mai 1956 beschlossene Junktim zwischen beiden europäischen Projek­ten aufzugeben.


Elogen

Adenauer wußte solcherart Loyalität Monnets zu schätzen. Ende des Jahres bezeichnete er ihn als „den guten Ekkehardt des Europa-Gedankens", wohlwissend, daß Monnet gelegentlich dazu neigte, in seinen Ideen schneller die Einigung zu sehen, als sie praktisch zu realisieren war. Insgeheim waren sich beide darüber im klaren, daß der europäischen Einigung zuvorderst ein nationaler Interessenausgleich zugrunde lag. Monnet, der zu­nächst mit der Anspielung auf „Ekkehardt" nichts anzufangen wußte, suchte dann das Kom­pliment noch zu steigern und behauptete, eines Tages werde Adenauer mit seinen Ver­suchen, die freie Welt zu einigen, "der George Washington Europas" genannt wer­den.


Literaturhinweis

A. Wilkens (Hg.): Interessen verbinden. Jean Monnet, Konrad Adenauer und die europäische Integration der Bundesrepublik Deutschland (1999).


Hanns Jürgen Küsters