„Europa muss geschaffen werden" - lautete Adenauers Botschaft. Seine Vorstellungen von einer wirtschaftlichen Verflechtung der europäischen Staaten, die Kriege verhindert und zur politischen Einigung führt, gingen auf die 1920er Jahre zurück und blieben bis zu seinem Tode ein zentrale Anliegen.

Grundüberzeugungen

Adenauers europapolitische Vorstellungen gründeten auf drei Überzeugungen:

  • Nationalstaaten sind zwar das Grundelement außen­politischer Aktivitäten, sie sind jedoch nicht mehr in der Lage, alle politischen und gesellschaftlichen Probleme jeder für sich zu lösen;

  • nur ein relativ freizügi­ger Wirtschaftsverkehr, wie er vor dem Ersten Weltkrieg den Han­delsaustausch bestimmte, trägt zur weiteren Verflechtung freier Gesellschaften bei;

  • Konflikt und Interessenunterschiede unter Staaten und Gesellschaften dürfen nicht mittels Gewal­tandrohung und Diktat herbeigeführt werden, wie dies in den beiden Weltkriegen geschah; sie müssen friedensstabilisierende Wirkungen haben.

Vorstellungen eines vereinten Europa

Im Mittelpunkt seiner Überlegungen in den 1920er Jahren stand der Gedanke der organischen Verflechtung der deutschen bzw. der rheinischen Wirtschaft mit den belgischen und französischen Nachbarn. Eigentlicher Hintergrund waren Überlegungen zur Beseitigung der französischen Besat­zung des Ruhrgebietes im Dezember 1923. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg konkretisierten sich seine Vorstellungen. In Zeiten des beginnenden Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands in Besatzungszonen suchte Adenauer durch wirtschaftli­che Verflechtung das Sicherheitsbedürfnis der Kriegsgegner zu befriedigen. Beeinflusst von den stark föderalistischen Vorstellungen jener Jahre zwischen 1948 und 1950/51 enthielten seine Reden immer wieder die For­derung nach einem Souveränitätsverzicht der westeuropäischen Demokra­tien zugunsten eines europäischen Bundesstaates. Auf dem Föderalisten-Kongress 1948 in den Haag bekräftigte er die Beteiligung Westdeutschlands an einem „vereinigten Europa". Ein Verzicht, der unter damaligen Gege­benheiten dem besetzten Westdeutschland natürlich leichter fiel als den übrigen Nachbarstaaten.

Deutsch-französische Zollunion

Sein wichtiges Motiv für einen erneuten Vorstoß zu einer deutsch-fran­zösischen Wirtschaftsverflechtung war jedoch die sich Anfang 1950 zuspitzende Saar­frage. Im März schlug er in einem Interview eine Zollunion zwischen Deutschland und Frankreich vor und verglich die damalige Situation mit der am Ende der Napoleonischen Kriege. Deutsch­land war damals in eine Vielzahl kleiner Staaten mit eigenen Währungen, Zollgrenzen und Armeen geteilt. Zur Überwindung dieses Zustandes war 1834 der Deutsche Zollverein eingerichtet worden, der ein Zollparlament schuf und freien Güteraustausch garantierte. Es war der Anfang zur Einigung des Deutschen Reiches 1871. Konkret schlug Adenauer nun im März 1950 die Schaffung zweier Organe vor: ein gemein­sames Wirtschaftsparlament, das sich aus gesetzgebenden Körperschaften beider Länder zusammensetzt, und ein Regierungsorgan, das von Frank­reich und Deutschland bestimmt würde und dem Wirtschaftsparlament gegenüber verantwortlich wäre.

Schuman-Plan

Konrad Adenauer trifft den französischen Außenminister Robert Schuman am 14.01.1950 in Bonn, um die Saarfrage zu erörtern. (Quelle: Bundesregierung)

Konrad Adenauer bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25.03.1957 in Rom. (Ebenfalls anwesend Spaak, Paul-Henri; Snoy, J. Ch.; Pineau, Christian; Faure, Maurice; Hallstein, Walter; Segni, Antonio; Martino, Gaetano; Bech, Joseph; Luns, Joseph; Linthorst Homan, Johannes). (Quelle: Bundesregierung)

Der am 9. Mai 1950 vom französischen Außenminister Robert Schuman vorgelegte Plan einer gemeinsamen supranationalen Hohen Behörde für Kohle und Stahl bedeutete für Adenauer nicht nur die Initialzündung zur Schaffung der Europäischen Gemeinschaften, sondern zugleich den Eintritt der Bundesrepublik in den Europarat und eine Lösungsmöglichkeit für das Saarproblem. Schuman bot Adenauer das an, was Stalin den Deutschen versagte: die Bereit­schaft zu einer Politik der Verständigung auf der Grund­lage der Gleich­berechtigung.

EWG und EURATOM

Die Rö­mischen Verträge vom 25. März 1957, mit denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Europäische Atomgemeinschaft geschaffen wurden, eröffneten der Bundesrepublik den Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie, der Zukunftstechnologie der fünfziger Jahre schlechthin, von dem sich Adenauer durchaus auch eine potenzielle Mitsprache der Bundesrepublik beim Einsatz nuklearer Waffen versprach. Schließlich ermöglichte der EWG-Vertrag der deutschen Wirtschaft ebenso den Zugang zu Ressourcen auf afrikanischen und anderen Überseemärkten. Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sah Adenauer als Meilenstein auf dem Weg zu dem weiter gesteckten Ziel einer Politischen Union. Im September 1956 warnte er in seiner Brüsseler Rede vor einem übertriebenen Europa-Enthusiasmus, der letztlich schäd­lich sein könnte für die gesamte Entwicklung, und erteilte Bestrebungen, mit Perfektionismus ein vereintes Europa aufzubauen, zu­gleich eine unmissverständliche Absage.

Ziel: Politische Union

Adenauer strebte den Aufbau der Politischen Union nach pragmati­schen Gesichtspunkten an: Was gemacht werden kann, soll gemacht werden. Alles andere kommt später. Dabei war ihm das wachsende Zusammengehörigkeitsgefühl wichtig, die Beziehungen der Völker untereinander, die aus der wirtschaftlichen Zusammenarbeit entstehen und die Menschen politisch zusammenführen. Nach einer gewissen Zeit, so meinte Adenauer, setze eine solche Entwicklung mehr oder weniger von selbst ein. Verstärke sich die Einigung, so prophezeite er, dann komme es eines Tages zur Föderation. Doch schloss er nicht aus: "Vielleicht gibt es auch eines Tages eine Zwischenlösung zwi­schen Föderation und Konföderation, mit der dann alle zufrieden wären."

Vorstellungen über das künftige Europa

Adenauer strebte die Etablierung eines nach klassischer Gewaltenteilung funktio­nierenden politischen Systems an. Ein großes europäisches Parlament, das im Verhältnis zu den nationalen Parlamenten nichts anderes wäre als der Deutsche Bundestag im Verhältnis zu den Landtagen in Deutsch­land, dazu eine selbst­verantwortliche europäische Regie­rung, die eigene Entscheidungen trifft. Dies lag allerdings für Adenauer außerhalb des damals Realisierbaren. "Das muss auch langsam wachsen", war sein Kommentar.

Kein „Europa der Vaterländer”


Nur zu gut wusste er: "Die Deutschen sind Deutsche, die Franzosen Franzosen, die Niederländer Niederländer. Jeder will sein Vaterland behalten mit seiner Kultur, Geschichte und Sprache. Keiner kann verlangen, dass die berechtigte Eigenart aufgegeben wird." Europa könne man nicht wie ein Haus bauen, indem man einen Plan hat, Beton, Sand, eiserne Träger usw. bestellt und mit den Arbeiten anfängt, argumentierte Adenauer im November 1960 gegenüber einem französi­schen Journalisten. "Europa, das ist eher wie ein Baum, der wächst, der eine Schicht nach der anderen ansetzt, der aber nicht konstruiert werden kann." Allzu gut erkannte er, wohin sich Europa nicht entwickeln durfte: zu einem "Europa der Vaterländer" nach den Vorstellungen de Gaulles.

Europa der zwei Geschwindigkeiten

Nur einen Bündnisvertrag abschließen wie den deutsch-französischen Vertrag von 1963, als Adenauer aus der Not eine Tugend machte und damit der europäischen Integra­tionsentwicklung mit der Achse Bonn-Paris Stabilität verlieh, war keinesfalls sein endgültiges europapolitisches Ziel. Er setzte auf die Einsicht der Politiker und Bürger in die Notwendigkeit des Zusammenschlusses, wobei der heute reali­sierte Stand der Integration weit über das hinausgeht, was er damals für möglich hielt. Adenauer war durchaus ein Verfechter eines Europas der zwei Ge­schwindigkeiten. Er wollte mit der Politischen Union anfangen, auch wenn nicht alle Sechs dazu bereit wären. Denn er setzte auf die Sogwirkung, die ein solcher Schritt auf die anderen ausüben würde.

Erweiterung Europas

Das galt ebenso für die Frage der Erweiterung der Gemeinschaft. Schon im September 1951 sprach er davon, zur Integration Europas gehörten außer den Sechs Österreich und, wenn irgendwie möglich, auch die nordischen Länder und England. Denn mit dem Beitritt Großbritanniens, das war ihm klar, würden Norwegen, Dänemark, Island, Irland und vielleicht sogar noch Zypern und die Türkei beitreten wollen. Zwar werde dann natürlich eine viel schwierigere Situation geschaffen, doch nirgendwo sei geschrieben, entgegnete Adenauer, dass die Mitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemein­schaft gleichzeitig alle Mitglieder einer europäischen Politischen Union sein sollten.

Europa - ein „Haus der Freiheit”


Lange vor Michael Gorbatschow sprach Adenauer im Juni 1961 davon, wir müssen ein "Haus der Freiheit" bauen, damit "die Ge­gensätze der Nationalstaaten in Europa im Laufe der Zeit" ver­schwinden. Die Länder Osteuropas würden eines Tages in den Einigungsprozess eingebettet werden - das ist bezeichnend für die europapolitische Denkweise Adenauers in der späten Lebensphase. Länder wie Polen und Ungarn mit reicher kultureller Vergangenheit gehörten für ihn ganz selbst­verständlich zu Europa. Ihnen müsse dann die Möglichkeit des Beitritts gegeben werden, forderte er - acht Wochen vor seinem Tod - in seiner letzten großen Rede am 16. Februar 1967 im Madrider Ateneo-Palast.

„Europa muss geschaffen werden!”


Was heute unverändert als Auftrag an die Europäer und ihre Politiker zu verstehen ist, brachte Adenauer in seiner letzten Auslandsrede in Madrid kurz und prägnant - wie es seine Art war - auf den Punkt: „Europa muss geschaffen werden!"

Literaturhinweise

Becker, Winfried: Die europäische Einigung und die Unionsparteien. Von den Anfängen in der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, in: HPM 1 (1994), S. 135-154.
Durand, Jean-Dominique: Christliche Demokratie und europäische Integration, in: HPM 1 (1994), S. 155-182.
Masala, Carlo: Die CDU und die Democrazia Cristiana Italiana, 1949-1969. Eine schwierige Beziehung, in: HPM 3 (1996), s. 145-162.
Schreiner, Reinhard: Die Europapolitik der CDU im Hinblick auf Frankreich und den Mouvement Républicain Populaire (MRP) 1945-1966, in: HPM 1 (1994), S. 183-196.

Hanns Jürgen Küsters