Das Verhältnis von Adenauer und Brandt - den Protagonisten grundverschiedener Konzeptionen bundesdeutscher Außen-, Deutschland­- und Ostpolitik - war in der Phase ihres gemeinsamen politischen Handels von 1957 bis 1963 nicht von Vertrauen oder Sympathie gekennzeichnet, aber auch nicht aus­schließlich von unüberbrückbaren Gegensätzen bestimmt. Es war getragen von einem wechsel­seitigen Respekt vor der politischen Verantwortung und der Ablehnung charakterlicher Eigenschaften des anderen.

Charakterisierungen

Adenauer und Brandt gelten seit Anfang der sechziger Jahre als die Protagonisten grundverschiedener Konzeptionen bundesdeutscher Außen-, Deutschland­- und Ostpolitik. Über ihr Verhältnis in der Phase ihres gleichzeitigen politisch verantwortlichen Handelns zwischen 1957 und 1963 herrscht weithin die Vorstellung von feindlich gesonnenen Repräsentanten der Christdemokratie und der Sozialdemokratie, die im dauernden Streit lagen und sich menschlich tief verachteten.

Der parteipolitische Standort und die politische Vergangenheit des anderen erweckten in beiden persönliche Ableh­nung: Adenauer im Hinblick auf die Umtriebe des früheren Linkssozialisten, Brandt wegen der stark antisozialistischen Gesinnung des Kanzlers.

Anerkennung der Realitäten

In der Westpolitik bescheinigte Brandt seinem Vorgänger einen klaren Sinn für die Anerken­nung der Realitäten. Herstellung des Konsenses mit den westlichen Mächten sei schließlich Maxime seiner Außenpolitik gewesen. Dabei habe Adenauer freilich davor zurückgeschreckt, die Folgen seiner Prioritäten deutlich auszusprechen, nämlich dass Westintegration "jede Wiederver­einigungspolitik außer Kraft setzen mußte", urteilte Brandt vor der Wende des Jahres 1989. Wenn es zwischen beiden Politikern dennoch eine gewisse Ebene des gegenseitigen Ver­stehens gab, dann war es die von Bürgermeister zu Bürgermeister. Der gelernte Kommunal­politiker Adenauer wusste um die Sorgen des Bürgermeisters einer so exponierten Stadt wie Berlin. Gerade in finanzieller Hinsicht traf Brandt mit seinen Wünschen bei Adenauer daher auf offene Ohren.

Seit ihren frühen Anfängen hat Brandt die Richtigkeit der Westintegrationspolitik Adenauers nie wirklich angezweifelt. Im Gegensatz zur offiziellen Parteilinie erachtete er die europäische Zusammenarbeit als notwendig, hielt die Politik der Anerkennung der Realitäten für unabweis­lich, weil ansonsten den Deutschen weitere Isolierung drohe. In erster Linie wegen der politischen Vergangenheit hegte Adenauer eine gewisse Skepsis gegenüber Brandt.

Berlin-Krise

Vor Zuspitzung der Berlin-Krise im November 1958 durch Chruschtschows Ultimatum lagen beide in ihren Ansätzen, aus der verfahrenen Deutschlandpolitik herauszukommen, gar nicht so weit auseinander. Sie gründeten bis dahin auf Hoffnungen, durch Vereinbarungen über menschliche Erleichterungen Fortschritte zu erzie­len. Enge Abstimmungen zwischen Bundesregierung und Berliner Senat waren in beiderseiti­gem Interesse und zudem vonnöten.

Vorschlag: Freie Stadt West-Berlin

Kanzler und Regierender Bürgermeister waren übereinstimmend der Ansicht, mit dem Fehlschlag der Genfer Verhandlungen sei eine Eskalation des Konfliktes um Berlin abgewendet worden. Sie zogen daraus jedoch unterschiedliche Schlüsse. Brandt betrieb eine allmähliche Positionsverschiebung, indem er auf die amerikanisch-britische Linie des Vorschlags einen Freien Stadt West-Berlin einging und damit von der Position des Kanzlers abrückte. Adenauer sah darin eine gefährliche Interessenkonstellation zum Nachteil West-Berlins, die zur weiteren Teilung Deutschlands führen könnte.

Brandt verfolgte eine Doppelstrategie: in Rechtsfragen enge Verbundenheit mit der Bundes­regierung dokumentieren und der Sowjetunion gewisse Verhandlungsbereitschaft signalisieren, einen Türspalt für substantielles Entgegenkommen offenlassen, wenn sich Chancen dazu boten. Adenauer bezweifelte nicht die Notwendigkeit, mit den Sowjets ins Gespräch zukommen, doch das taktische Vorgehen war umstritten: Sollte man den Sowjets gegenüber nachgiebiger sein oder mehr Härte zeigen?

Kanzlerkandidaten

Konrad Adenauer bei seinem Abschiedsbesuch in Berlin mit Willy Brandt am 09.10.1963. (Quelle: Bildstelle VFWD)

Konrad Adenauer bei der Ankunft auf dem Flughafen Tempelhof (Berlin) am 22.08.1961. (Quelle: berlin bild)

Nach dem Streit über den Freistadt-Vor­schlag verschlechterten sich die Beziehungen über die Sommermonate 1960 zusehends. Nach Brandts Nominierung im August 1960 zum SPD-Kanzlerkandidaten für die Bundestagwahl 1961 trat er als direkter Konkurrent Adenauers in Erscheinung. Vom Frühjahr 1960 bis zum Spätherbst 1961 bestimmten vor allem emotionale Faktoren ihren Umgang miteinander.

Im Gegensatz zum Kanzler, der deutschlandpolitisch hart, unnachgiebig, starr wirkte, den das Selbstbewußtsein eines gestandenen Politikers auszeichnete, verkörperte Brandt Risiko­bereitschaft, Mobilismus, Entgegenkommen. Wo Adenauer standfest blieb und die Konfrontation nicht scheute, neigte Brandt eher dazu, die Dinge auszuloten, war entspannungsbereit, gewillt, mit den Sowjets zusammen voran zu kommen. Ihn reizte die Herausforderung eines politischen Vete­ranen, er wollte verändern, ausprobieren, was politisch gegen die eigene Parteiführung und den politischen Gegner zu bewegen war. Personelle Polarisierung und teils persönliche Verumglimpfungen bestimmten den Wahlkampf, die dazu führten, dass am 13. August 1961, dem Tag des Mauerbaus in Berlin, es keinen Direktkontakt zwischen Bundeskanzler und Regierenden Bürgermeister gab. Um keine Eskalation der Krisensituation zu betreiben, verzichtete Adenauer auf einen Besuch in Berlin, während Brandt sich vor Ort präsentierte und die Westmächte an ihre Verantwortung für Berlin erinnerte.

Zwar mussten CDU und CSU bei der Bundestags­wahl Stimmenverluste hinnehmen und verloren die bisherige absolute Mehrheit der Mandate, doch blieben sie stärkste Fraktion. Brandt hatte sein Ziel, Adenauer abzulösen, nicht erreicht. Doch auch der Kanzler konnte sich angesichts der Schwierigkeiten, eine Koalition zustande zu bringen, nicht als Gewinner der Wahl präsentieren.

Krisenbewältigung

In den nächsten Monaten rückten sie bei der Bewältigung der Berlin-Krise wieder etwas näher aneinander heran. Denn ohne Kanzler und Regierenden Bürgermeister konnte weder der eine noch der andere eine vernünftige Berlinpolitik machen.

Das Verhältnis Adenauer - Brandt, soviel bleibt festzuhalten, zeichnete sich gewiß nicht durch persönliches Vertrauen, menschliche Wärme und Sympathie aus. Es war aber auch nicht aus­schließlich von unüberbrückbaren Gegensätzen bestimmt. Es war getragen von einem wechsel­seitigen Respekt vor der politischen Verantwortung des anderen, sei es aufgrund unkalkulier­barer Machtinteressen, sei es wegen des parteipolitischen Konkurrenzverhältnisses, und be­stimmt von der Ablehnung charakterlicher Eigenschaften des anderen.

In den Jahren der zwei­ten Berlin-Krise unterlagen sie dem Zwang, zur gleichen Zeit Politik machen zu wollen. Dadurch traten immer wieder Situationen ein, in denen diese beiden vollkommen unterschiedlichen poli­tischen Führungsfiguren sich nicht nur miteinander ins Benehmen setzen, sondern auch, politi­scher Not gehorchend, Interessenfronten schmieden mußten. Die Beziehung erlebte vielfältige Schwankungen. Zeiten wie nach der Genfer Konferenz 1959 und nach der Bundestagswahl 1961, in denen man zusammenrückte, und Phasen, in denen es ratsam schien, sich aus dem Weg zu gehen. Genauer betrachtet, war das Verhältnis von wechselnden konfrontativen und kooperativen Zügen im Umgang der beiden Politiker geprägt - so, wie es unter Demokraten ver­schiedener und gleicher Coleur gang und gäbe ist.

Literaturhinweise

H. J. Küsters: Konrad Adenauer und Willy Brandt in der Berlin-Krise 1958-1963, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 40 (1992), S. 483-542.

Willy Brandt: Interview mit Eberhard Pikart über Konrad Adenauer (7. Oktober 1975). In: Konrad Adenauer 1876-1976. Hg. von Helmut Kohl in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Stuttgart-Zürich 1976, S. 63-67.


Hanns Jürgen Küsters