Am 14. August 1949, an einem verregneten Sonntag, fand die erste Bundestagswahl statt. Diese durch den Parlamentarischen Rat vorbereitete erste freie demokratische Wahl auf deutschem Boden seit 1932, immerhin 17 Jahre nach der letzten Reichstagswahl in der Weimarer Republik, wurde gemäß Artikel 38 des am 23. Mai 1949 verkündeten Grundgesetzes durchgeführt.

Wahlrecht

Nach dem vom Parlamentarischen Rat verabschiedeten Wahlgesetz war es eine allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahl. Das aktive Wahlrecht lag bei 21, das passive bei 25 Jahren. In 242 Wahlkreisen wurde je ein Kandidat nach dem einfachen Mehrheitsprinzip direkt gewählt, die anderen Mandate wurden unter Anrechnung der Direktmandate über Listenplätze vergeben. Es handelte sich also um eine personalisierte Verhältniswahl, eine Mischung aus Listen- und Personenwahl. Im Gegensatz zu heute hatte der Wähler nur eine Stimme, also keine Erst- und Zweitstimme; Direktkandidaten- und Listenstimme konnten nicht getrennt voneinander abgegeben werden. Die heute für das gesamte Bundesgebiet gültige Fünfprozenthürde musste nur in einem Bundesland übersprungen bzw. konnte durch die Erringung eines Direktmandats in einem Land leicht umgangen werden.

Wahlkampf

Der damalige Wahlkampf – auf den Straßen waren die Spuren physischer wie psychischer Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg noch deutlich sichtbar – wurde in erster Linie themenbezogen mittels Film-, Rundfunk-, Zeitungs- und nicht zuletzt auch Plakatwerbung geführt. Hierzu war ein hohes Maß an Improvisationsfähigkeit notwendig, da die Wahlkampforganisation noch weniger straff war.
Die neu gegründete, überkonfessionelle christliche Volkspartei CDU zog mit den vom späteren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard maßgeblich erarbeiteten „Düsseldorfer Leitsätzen" als Wahlprogramm und ohne einen explizit benannten Kanzlerkandidaten in den Wahlkampf. Dagegen setzte die SPD personell auf ihren Vorsitzenden Kurt Schumacher, thematisch auf Planung, Lenkung und Kontrolle. Soziale Marktwirtschaft und echter Leistungswettbewerb oder Sozialisierung und Planwirtschaft lautete die zentrale wirtschaftspolitische Alternative, gefolgt von der ideologischen Auseinandersetzung zwischen christlicher Freiheit und kommunistischem Zwang vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Ost-West-Konflikts.
Die Wahlkampfslogans spiegelten die Zeit der materiellen Not, der deutschen Teilung und des geistigen Neuaufbaus wider. Die CDU warb mit „Freiheit - Gerechtigkeit - Frieden", „Das ganze Deutschland soll es sein. Zum ungeteilten Vaterland durch die CDU" und „1947 - Hunger! Not! Elend! 1949 - Vorwärts! Aufwärts! Der Erfolg der CDU!". Die SPD setzte auf „Nun erst recht: Sozialisierung! SPD", „Alle Millionäre wählen CDU-FDP. Alle übrigen Millionen Deutsche die SPD" und „In der Eintracht liegt die Macht - alle wählen SPD" sowie „SPD - Das ganze Deutschland soll es sein". Die FDP dagegen mahnte „Deutschland darf nicht sozialistisch werden" und „Nur freie Wirtschaft bricht Not! Wählt FDP". (zur Plakatdatenbank des ACDP)

Wahlergebnisse

pdf.gif  An den Wahlen beteiligten sich 78,5 Prozent der 31 207 620 Wahlberechtigten, also knapp 24,5 Millionen.

  Stimmenanteil in Prozent Absolute Stimmen Mandate + Berliner Abgeordnete
CDU/CSU 31,0 7 359 084 139 + 2
SPD 29,2 6 934 975 131 + 5
FDP/DVP 11,9 2 829 920 52 + 1
Kommunistische Partei Deutschlands 5,7 1 361 706 15  
Bayernpartei 4,2 986 478 17  
Deutsche Partei 4,0 939 934 17  
Zentrumspartei 3,1 727 505 10  
Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung 2,9 681 888 12  
Deutsche Konservative Partei/ Deutsche Rechtspartei 1,8 429 031 5  
Radikalsoziale Freiheitspartei 0,9 216 749    
Südschleswigscher Wählerverband 0,3 75 388 1  
Europäische Volksbewegung Deutschlands 0,1 26 162    
Rheinisch-westfälische Volkspartei 0,1 21 931    
Parteilose und Kreiswahlvorschläge 4,8 1 141 647 3  


Die Wählerstimmen wurden damals wie heute in Wahllokalen abgegeben; häufig handelte es sich um Gaststätten, in denen Wahlurnen aufgestellt wurden. Übrigens gab Konrad Adenauer seine Stimme im Lokal „Zur Traube" in Rhöndorf ab. Den Wahlkreis Bonn, in dem er kandidierte, gewann er mit 54,9 Prozent.

Politische Ausgangslage

Keine Partei verfügte alleine über die erforderliche Mehrheit im Deutschen Bundestag zur Bildung der ersten Bundesregierung. Letztendlich setzte sich die kleine Koalition von CDU/CSU, FDP und DP gegen eine mögliche große Koalition von Union und SPD durch. Diese bürgerliche Koalition mit eindeutiger antisozialistischer Ausrichtung kam auf Drängen Adenauers und seines Verhandlungsgeschicks zustande und prägte für viele Jahre das Parteiensystem der Bundesrepublik. Der erste Deutsche Bundestag konstituierte sich am 7. September 1949.


Hanns Jürgen Küsters
Hans-Jürgen Klegraf
Ulrike Quadbeck