Die CSU, als interkonfessionelle Sammlungspartei 1945 gegründet, blieb bis Mitte der 1950er Jahre eine bürgerliche Honoratiorenpartei und musste in dieser Zeit um die Vorherrschaft in Bayern ringen. Erst nach einer organisationspolitischen Wende entwickelte sich die CSU in der zweiten Hälfte der Ära Adenauer zunehmend zur führenden Vertreterin bayerischer Interessen, vor allem nachdem 1961 Franz Josef Strauß den Parteivorsitz übernahm.

Gründung

Die Gründung der CSU begann im Sommer 1945 und vollzog sich als komplexer, polyzentrischer Prozess, der mit der Lizenzierung der Partei auf Landesebene durch die amerikanische Militärregierung für Bayern am 8. Januar 1946 sein Ende fand. Wichtige Vorentscheidungen fielen in Würzburg, wo Adam Stegerwald die Interkonfessionalität der früheren christlichen Gewerkschaften in den Gründungsprozess einbrachte, und in München, wo sich die Vertreter der Unionsidee gegen die Traditionalisten durchsetzen konnten, deren Pläne um eine Revitalisierung der 1933 untergegangenen Bayerischen Volkspartei kreisten. Die Gründung der CSU vollzog sich somit im Spannungsfeld von Tradition und Neubeginn, wobei die spezifische Wahrnehmung der bayerischen Geschichte zwischen 1866 und 1945 vor allem in den katholischen Regionen die Weichen für einen Sonderweg der christlichen Demokraten Bayerns stellte. Die CSU wurde als interkonfessionelle Sammlungspartei und nichtsozialistische Alternative zu den Arbeiterparteien gegründet. Aber auch die Ablehnung des Nationalsozialismus und die Erfahrung gemeinsam erlittener Verfolgung waren ausschlaggebend dafür, daß sich 1945 Männer und Frauen in der CSU zusammenfanden, die vor 1933 in unterschiedlichen Lagern gestanden hatten.

Parteigeschichte

Die erste Phase 1945-1949 war geprägt von Flügelkämpfen zwischen den liberal-konservativen, christlich-interkonfessionellen und gemäßigt föderalistischen Kräften einerseits, die in den Führungsgremien der Partei die Mehrheit stellten, und den katholisch-konservativen, bayerischen-traditionalistischen Kräften andererseits, die die Fraktion der CSU in der Verfassunggebenden Landesversammlung bzw. im Bayerischen Landtag dominierten. Heftig umstritten war vor allem die Stellung Bayerns in einem künftigen deutschen Staat und die Stellung der CSU in der Union. Die zweite Phase begann im Mai 1949 mit der Wahl Hans Ehards zum Landesvorsitzenden, der den umstrittenen Josef Müller ablöste. In der Ära Ehard, bis Januar 1955, gelang es zwar, einen labilen Burgfrieden zwischen den verfeindeten Flügeln zu stiften; eine echte Reform der CSU, die mit der Währungsreform 1948 in eine tiefe organisatorische Krise gestürzt war, blieb jedoch aus. In der ersten Hälfte der 1950er Jahre degenerierte die CSU zu einer bürgerlichen Honoratiorenpartei, die weit von ihrem Anspruch entfernt war, eine Volkspartei zu sein, und in vielem der Bayerischen Volkspartei ähnelte. Hinter dieser Fassade formierten sich jedoch vor allem in der Jungen Union und der CSU-Landesgruppe reformbereite Kräfte, die aber zunächst zu schwach waren, um den Kurs der Partei bestimmen zu können.

Wendepunkte

Eine tiefe Krise Ende 1954/Anfang 1955 wurde zum „Wendepunkt" (Alf Mintzel) der Geschichte der CSU. Der Verlust der Regierungsmacht in Bayern erschütterte die bayerische „Staatspartei und Ordnungspartei" (Emil Muhler) in ihren Grundfesten. Erst diese Erschütterung machte es möglich, verkrustete Strukturen aufzubrechen, die Macht katholisch-konservativer Kräfte zu beschneiden und ein Revirement an der Parteispitze durchzusetzen. Hanns Seidel, der als Parteivorsitzender diese dritte Phase prägte, setzte sich erfolgreich für eine Erneuerung der CSU und den Abbau der Spannungen zwischen katholischen und evangelischen Christen ein. Die bayerische Unionspartei befand sich im März 1961 im Umbruch, als Franz Josef Strauß Parteichef wurde. Die 27 Jahre seiner Führung, die vierte Phase, die durch segmentäre Zäsuren 1969 und 1982 konturiert ist, haben die CSU und ihr Erscheinungsbild innerhalb und außerhalb Bayerns entscheidend geprägt. Durch eine geschickte Propaganda und eine Ikonographie, die die Symbole bayerischer Staatlichkeit für die CSU reklamierte, erschien diese zunehmend als einzig legitime politische Vertreterin der bayerischen Interessen. Unter Strauß entwickelte sich die CSU trotz ihrer Begrenzung auf Bayern mehr und mehr zur Bundespartei, was sich in der - letztlich ergebnislosen - Diskussion um eine bundesweite Ausdehnung der CSU zeigte.

Organisation

Zwischen 1945 und 1948 bemühte sich die Führung der CSU, einen zentral gesteuerten Parteiapparat aufzubauen, um der ungefestigten Sammlungspartei ein Korsett zu geben und die starken zentrifugalen Kräfte in der neuen Partei auszubalancieren. Die Währungsreform 1948 machte jedoch alle Anstrengungen zunichte, da der CSU schlagartig die finanziellen Mittel fehlten, um ihre Parteiverwaltung zu finanzieren. Die Partei wurde zu einem Hilfsorgan von Regierung und Fraktion. Erst Hanns Seidel und Generalsekretär Friedrich Zimmermann konnten eine organisationspolitische Wende einleiten. Der Aufbau eines Netzes aus hauptamtlich besetzten Geschäftsstellen auf Bundeswahlkreisebene war ein erster Meilenstein auf dem Weg der Reorganisation der CSU, den Zimmermanns Nachfolger Anton Jaumann und Max Streibl konsequent weitergingen. Die Kompetenzen der Parteizentrale wurden Zug um Zug gestärkt, während Honoratiorenstrukturen an Bedeutung verloren. Dem schlagkräftigen Parteiapparat, der ein tragender Pfeiler der dominierenden Position der CSU in Bayern ist, haben die politischen Gegner nur wenig entgegenzusetzen. Schon die Gründer der CSU waren bemüht, die neue Partei nach dem Vorbild der SPD zu einer Mitgliederpartei zu machen; im Juni 1948 zählte die CSU mehr als 85.000 Mitglieder. Die Währungsreform bedeutete aber auch hier eine scharfe Zäsur. Bis Mai 1949 verlor die CSU fast 16.000 Mitglieder, und Ende 1953 war mit weniger als 33.000 ein Tiefpunkt erreicht. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre begannen die Mitgliederzahlen zu steigen, doch wurde erst 1970 wieder der Stand von 1948 erreicht.

Wahlergebnisse

Die CSU mußte in den späten 1940er und 1950er Jahren um die Vorherrschaft in Bayern ringen. Im Dezember 1946 konnte sie zwar bei der ersten Landtagswahl mit 52,3% die absolute Mehrheit gewinnen, vier Jahre später fiel sie jedoch auf 27,4% zurück und rangierte damit zum ersten und einzigen Mal hinter der SPD. Dieser Einbruch resultierte nicht nur aus den innerparteilichen Auseinandersetzungen und der Konkurrenz der Bayernpartei, sondern auch aus der politischen Zerklüftung Bayerns und dem Fortwirken regionaler Traditionen. Es fiel der CSU besonders schwer, in den protestantischen Regionen Mittel- und Oberfrankens Fuß zu fassen, wo SPD und FDP ihre Hochburgen hatten. Bei der ersten Bundestagswahl 1949 in Bayern vermochte die CSU nur 29,2% der Stimmen zu verbuchen. Im Sog des „Adenauer-Effekts" konnte sie jedoch bald ihre Schwäche überwinden. Schon 1957 stimmten 57,2% für die CSU, die sich in Bonn als Hüterin bayerischer Interessen hatte profilieren können.

Regierungsteilnahme

Mit Ausnahme der Jahre 1945/46 und 1954-1957 stellte die CSU alle bayerischen Ministerpräsidenten; lediglich 1954-1957 war sie nicht in der Staatsregierung vertreten. 1946/47 und 1950-1954 regierte sie mit der SPD, 1957-1962 mit der FDP und dem GB/BHE, 1962-1966 mit der Bayernpartei. Auf Bundesebene gehörte sie 1949-1969 und 1982-1998 zu den Regierungsparteien; sie besetzte bevorzugt Ministerien, die aus föderalistischer Sicht zu den Schlüsselressorts zählten wie das Finanzministerium, die aus bayerischem Blickwinkel von besonderer Bedeutung waren wie das Landwirtschaftsministerium oder Ressorts mit technologisch-politischen Bezügen (wie das Post-, Atom- und Verteidigungsressort). Diese Ministerien waren auch hinsichtlich der Technologiepolitik des Freistaats Bayerns bedeutsam. Das Verhältnis zwischen den Bundes- und den Landespolitikern in der CSU war nie einfach. Die Regierungsbeteiligungen und die Präsenz im Bund dienten jedoch immer auch dazu, die Position der CSU in Bayern zu stabilisieren oder sogar auszubauen.

Literaturhinweise

Becker, W.: CDU und CSU 1945-1950 (1987);
Fait, B.: Die Anfänge der CSU 1945-1948 (1995);
Fait, B. u. a. (Bearb.): Die CSU 1945-1948, 3 Bde. (1993);
Hanns-Seidel-Stiftung (Hg.): Geschichte einer Volkspartei. 50 Jahre CSU 1945-1995 (1995);
Henke, K.-D./Woller, H.: Lehrjahre der CSU (1984);
Küppers, H.: Machtkampf oder mehr? Ein Beitrag zu den schwierigen Anfängen der CSU bis zum Jahre 1949, in: HPM 17 (2010);
Mintzel, A.: Die CSU (1975);
Ders.: Geschichte der CSU (1977);
Ders.: Regionale politische Traditionen und CSU-Hegemonie in Bayern, in: D. Oberndörfer/K. Schmitt (Hg.), Parteien und regionale Traditionen in der Bundesrepublik Deutschland (1991);
Schlemmer, T.: Aufbruch, Krise und Erneuerung. Die CSU 1945-1955 (1998);
A. Mintzel: Die CSU-Hegemonie in Bayern (1999);
Schlemmer, T.: Die aufsässige Schwester. Forschungen und Quellen zur Geschichte der CSU 1945-1976, in: HPM 6 (1999);
K. Wolf: CSU und Bayernpartei (1984).

Archivbestand

ACSP

Quelle

Thomas Schlemmer: Christliche-Soziale Union (CSU), in: Becker, Winfried/Buchstab, Günter/Doering-Manteuffel, Anselm/Morsey, Rudolf (Hg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland. Paderborn 2002, S. 464-467. (Auszug)

Ders.: Die aufsässige Schwester. Forschungen und Quellen zur Geschichte der Christlich-Sozialen Union 1945-1976, in: HPM 6 (1999), S. 287-324.