Politik ohne Kampf erschien Konrad Adenauer langwei­lig. Er war begeisterter Wahlkämpfer und schreck­te nicht vor öffentlichen Reibe­reien zu­rück. Er drängte ­sich förm­lich, ­seine Überzeugungen unters Volk zu brin­­gen. Wahlkämpfe waren für ihn einmal mehr Gelegenheit, seine Ideen dem Menschen nahe zu bringen. Adenauer wollte stets den Wählern klar­machen, worum es bei der Wahl ging: um eine politische und programmatische Rich­­tungsentscheidung und keinesfalls um die bessere Personalityshow.

Der Wahlkämpfer

Von Tausenden besuchte Wahlauftritte, durch Zwischenrufe emo­tional aufgeheizt, brachten ihn erst richtig in Fahrt. Ade­nauer ­war keineswegs ein wortgewaltiger Redner, der sich um rhetorisch stil­volle Formulierungen oder gefällige Selbst­­dar­stellung bemühte. Ihm kam es in erster Linie auf sprach­liche Präzision, schlüs­sige Argumente und Verständlichkeit an. Pointen ergaben sich aus seiner Schlag­fertigkeit.

„Wir wählen die Freiheit”

Während der SPD-Vorsitzende Kurt Schu­macher mit gebrechlichem Körper und meist keifender Stim­me am Mikrophon stand, dabei an Kriegselend und Propa­gandatöne des Dritten Reiches erinnerte, wirk­te der 73-jäh­rige Adenauer, robust von Statur, glei­chermaßen vital, sou­ve­rän und ent­schlossen. Wo Schumacher zy­nisch po­lemi­sierte, polarisierte Adenau­er geschickt mit Vereinfachungen, die kein Werbestratege besser herüber­gebracht hätte. ­"Wenn wir die Wahl haben zwischen Freiheit und Sozialismus, wis­sen wir, was wir wählen: Wir wählen die Frei­heit."

Die Botschaft ver­stand jeder. Sie weckte Emotionen, grenz­­te ideo­­­logisch in Zeiten des Kalten Krieges von Sozialisten und Kommunisten ab und schür­te wie einst in den zwanziger Jah­ren Angst. Adenauer befriedigte das Be­dürfnis der Menschen nach Sicherheit, erschien als Garant für Kontinuität und Verlässlichkeit.

Erste Bundestagswahl 1949: Richtungsentscheidung

Schon den ersten Bundestagswahlkampf 1949 - teils mit langen Texten auf Plakaten, Wahl­versammlungen, Wahlaufrufen der Kir­chen und Ge­werk­schaften noch weitgehend am Vorbild der Weimarer Republik orien­tiert - machte Adenauer zur pro­gram­ma­ti­schen Richtungs­entscheidung. So­ziale Marktwirtschaft und die Ablehnung einer großen Koalition mit der SPD prägten die Bundesrepublik nachhaltig.

Bundestagswahlkampf 1953: Einsatz neuer Werbetechnik

Mitte der fünfziger Jahre, a­ls es in Deutsch­land noch kaum Fernsehgeräte gab, bedienten sich Adenauer und die CDU be­reits mo­derner Werbetechniken. Sie führ­ten damit die Medieninszenierung im Wahl­kampf ein. Wochenschaufilme in deutschen Kinos zeig­ten den Staatsmann Adenauer auf Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika, vertraulich mit westlichen Regie­rungs­­chefs die Köpfe zu­sam­mensteckend oder neben tapferen Frau­en, die Tränen ­über­strömt in Friedland ihre aus sowje­tischer ­Kriegs­gefangenschaft zurückkeh­renden Männer in die Arme schlos­­sen. Aus solchen Bildern sprach der Erfolg der Regierungsarbeit ganz von allein.

Bundestagswahlkampf 1957: Keine Experimente!

In Wahlkampf­reden suchte ­Adenauer un­entwegt die ideologische Konfrontation mit der SPD-Opposition. Für den Fall ihres Wahlsieges malte er den Teufel an die Wand, sprach gar vom "Finis Germa­niae", dem Untergang Deutschl­ands, wenn Sozialdemokraten die Regierung überneh­men. Die beschwerten sich über die Ver­un­glim­pfung vieler Millionen Deutscher und beklagten lauthals eine Verwilderung der Wahl­kampf­sitten. Doch die Distanz war geschaffen. Zur programmatischen Polarisierung trat im Wahlkampf 1957 die personelle hinzu.

Hochglanzphotos der aufblühenden Regen­bogenpresse lichteten den Kanzler an der Seite des Schahs von Persien mit Soraya ab oder fingen ihn neuerdings in pri­vater Sphäre ein. Eben als ­gut­bürgerli­chen Nachbarn von nebenan, der Familien­vater ist, seinen Garten pflegt und sich auch einige Tage Urlaub gönnt. Ollenhau­er und die SPD kamen dagegen als altmo­dische, ideologisch verbrämte Funk­tionä­re einer über­kommenen Klassenpar­tei da­her, die ihren Platz in der neuen Nach­kriegs­gesellschaft noch sucht.

Erst­mals organisierten 1957 zwei Werbe­firmen den CDU-Wahlkampf. Grif­fige For­mulierungen ("Kei­ne Experimen­te") und auf Wahlplakaten statt eines Fotos des alternden Kanzlers ein schöngemaltes Kon­terfei symbolisierten die moderne Kampagnenführung im Stile amerikanischer Produktwerbung.

Zum ersten Mal reiste ein Wahlsonderzug mit integriertem Kanzlerbüro durchs Land. Menschen ­schnupperten die Aura von Macht, wie sie es zuvor nie erlebt hat­ten. Die Stippvisiten erlaubten gleich mehrere Auftritte an einem Tag. Der Kanz­ler, über­­all prä­sent, versorgte mit­reisende Journalisten gezielt mit Informa­tionen und war sich der ständigen Berichter­stat­tung sicher.

Nur zu gut wußte Adenauer: Wahl­geschenke tragen zum Machterhalt bei. Waren es 1953 noch eine Reihe von staat­lichen Sonderzuschüssen für kinderreiche Fa­mi­lien und Beamte oder Steu­ersenkungen für Genußmittel, stellten 1957 die Einfüh­rung der bruttobezogenen dynamischen Rente für Arbeiter und Angestellte oder 1961 das Bundessozialhilfegesetz und Kin­­dergeld vom zwei­ten Kind an durch­schla­­gende Reformmaßnahmen dar. Im Übri­­­gen sorgte der wirtschaftliche Auf­schwung durch Erhards Konzept der Sozia­len Marktwirtschaft für die wachsende Po­pularität der Adenauer-Regierung. Dies belegten Daten von Mei­nungs­umfragen des Allensbacher In­stituts für Demosko­pie, die schon seit 1950 kontinuierlich zur Einschätzung der politischen Stim­mungslage herangezogen wurden.

Bundestagswahlkampf 1961:
Auseinandersetzung mit Brandt

Zwar gewann im Wahlkampf 1961 das Medium Fern­sehen an Bedeutung, wahl­ent­scheiden­de Effekte wurden ihm aber noch nicht beigemessen. Dennoch: Der alte Kanzler neben dem jungen, telegenen Kanzlerkan­didaten Willy Brandt, dessen ver­schmitz­tes Lächeln Wäh­ler­­massen ver­einnahmte - das konnte für Adenauer nur schäd­liche Wirkungen haben.

Zudem fühlte er sich persönlich diffa­miert, als Brand­t vom gre­isen Kanz­ler sprach. Dieser zahl­te es ihm mit der An­spie­lung auf Brandts uneheliche Geburt heim. Dessen Aufforderung zu einem Fern­sehduell nach Vorbild des amerikanischen Prä­si­dent­schafts­wahl­kampfs ­wiegelte Ade­nauer ­­ab. Nach deutschem Verfassungs­recht werde nicht der Bundeskanzler, son­­dern der Bundestag vom Volk gewählt, schrieb er Brandt am 31. August 1961. Aus­ländische Vorbilder lie­ßen sich nicht auf die Bundesrepublik anwenden.

Literaturhinweise

Günter Buchstab: Keine Experimente - Zur Geschichte eines Wahlslogans. In: Ein Eifler für Rheinland-Pfalz. Festschrift für Franz-Josef Heyen zum 75. Geburtstag. Mainz 1973, S. 689-697.

Norbert Grube: "Schröders Chancen steigen" - "Steigende Chancen für Erhard". Demoskopische Politikberatung in der Entscheidung um die Kanzlernachfolge Konrad Adenauers im Frühjahr 1963, in: HPM 10 (2003), S. 193-224.

Hanns Jürgen Küsters