Die Agrarpolitik stand am Anfang der Ära Adenauer im Zeichen drastisch gesunkener Produktion, massiver Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen und desolater Versorgungsstrukturen. Aufgrund der Teilung Deutschlands verfügte die Bundesrepublik nur über 52 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche und 45 Prozent des Ackerlandes, die das Deutsche Reich 1937 besass. Wiederaufbau der bäuerlichen Familienbetriebe mit gleichzeitiger Modernisierung der Betriebsstrukturen und Einbettung in den europäischen Agarmarkt waren Hauptziele und wiesen den Weg in die Massenproduktion.

Nachkriegszeit

Der Krieg hinterließ in den westdeutschen Agrarregionen tiefe Spuren durch minenverseuchte Felder, zerstörte Wohn- und Wirtschaftsgebäude, drastisch gesunkene Produktion, massive Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen und desolate Versorgungsstrukturen. Behördliche Agrarpolitik seit 1946 war in erster Linie öffentliche Versorgungspolitik. Besitzrechtliche Eingriffe in produktive Agrarstrukturen unterblieben vor dem Hintergrund der unrechtmäßigen und marktgefährdenden „Bodenreform" in der SBZ.

Wiederaufbau

Im Zentrum früher Agrarpolitik in den Westzonen stand die Stützung der bäuerlichen Familienbetriebe als „freies Eigentum" und Mittel zur Integration von geflüchteten oder vertriebenen Bauern. Bereits 1949 erreichte die westdeutsche Agrarproduktion wieder Vorkriegsniveau. Die alliierten Hilfslieferungen für den westdeutschen Nahrungsgütermarkt und die Finanzmittel aus der Marshallplan-Hilfe stellten wichtige Starthilfen dar. Die Rationierungsvorschriften verschwanden; landlose Bauern aus den deutschen Ostgebieten erhielten eine neue Existenz. Die Bundesregierung fügte in der Amtszeit von Wilhelm Niklas (1949-1953) die Landwirtschaft in ein wettbewerbsunabhängiges System von Marktordnungen (Wettbewerb) für die wichtigsten Nahrungsrohstoffe zum Schutz von Produzenten und Konsumenten ein. Die staatliche Subventionierung von Produktionsmitteln erhöhte die bisherigen Ertragsleistungen und bedingte zugleich einen tiefgreifenden Strukturwandel. „Kapital" ersetzte den Faktor „Arbeit". Die steigende „Landflucht" stand in direktem und indirektem Zusammenhang mit betriebswirtschaftlicher Umstrukturierung (u.a. Aufstockung, Aussiedlung, Flurbereinigung) und der wachsenden Einkommensdisparität von landwirtschaftlicher und industriell-gewerblicher Tätigkeit.

Modernisierung

Das Landwirtschaftsgesetz von 1955 in der Amtszeit von Heinrich Lübke (1953-1959) stellte einen an historischen Vorbildern des westlichen Auslands orientierten Solidarpakt zwischen Agrar- und Industriegesellschaft mit dem Ziel dar, die landwirtschaftlich Tätigen an allen ökonomischen, sozialen und kulturellen Entwicklungsfortschritten zu beteiligen. Mit der EWG entstand seit 1957 eine europäische Agrargemeinschaft und Handelspartnerschaft aus den Gründungsstaaten Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien und Benelux-Länder. Damit begann zugleich eine langfristige Periode tiefgreifender Umstrukturierung der Land- und Ernährungswirtschaft in Westeuropa im Sinne einer hochtechnisierten und effizienten Produktion von Agrarrohstoffen. Der hohe Einsatz gemeinschaftlich finanzierter Produktionsmittel in Kombination mit einer kostenträchtigen Preispolitik öffnete auf lange Sicht den Weg in eine problematische Überschußproduktion. Der steigende Flüchtlingsstrom von Bauern aus der DDR bekräftigte die Notwendigkeit, unter den demokratischen Verhältnissen des Westens die Tradition des bäuerlichen Familienbetriebes mit allen staatlichen Mitteln zu stärken.

Literaturhinweise

H. Kötter, Die Landwirtschaft, in: W. Conze/M. R. Lepsius (Hg.), Sozialgeschichte der Bundesrepublik Deutschland (1985). U. Kluge: Vierzig Jahre A. in der Bundesrepublik Deutschland, 2 Bde. (1989).A. John: 75 Jahre Politik für „Land und Leute", in: Agra-Europe 14 (1995). Agrar-Europe: A. im Wandel der Zeit, Sonderdruck Mai (2000).

Quelle

Ulrich Kluge, Agrarpolitik, Becker, Winfried/Buchstab, Günter/Doering-Manteuffel, Anselm/ Morsey, Rudolf (Hg.): Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland. Paderborn 2002, S. 416-418 (Auszug).