* 18.01.1923 Köln
05.08.2007 Herkenrath
Monsignore, Dr. rer. pol,, Sohn von Konrad Adenauer und Gussie Adenauer

Übersicht

1940Abitur an der Städtischen Oberschule in Bad Godesberg
1941Beginn des Studiums der Katholischen Theologie; Besuch des Konvikts Collegium Leoninum in Bonn
1941-1942Einberufung zum Reichsarbeitsdienst auf die Insel Sylt
1942Einberufung zur Wehrmacht
1945kurze Zeit in englischer Kriegsgefangenschaft im Harz, anschließend Fortsetzung des Theologiestudiums
1949Eintritt ins Priesterseminar in Bensheim bei Köln
1951Priesterweihe
1951-1953Kaplanstelle an der Sankt-Joseph-Kirche in Porz
1953Aufnahme des Zweitstudiums der Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln, zugleich Subsidiars an der Sankt-Stephanus-Kirche in Köln-Lindenthal
1957Eintritt in die CDU, Erlangung des „Diplom-Volkswirts“ an der Universität Münster
1958-1962Subsidiar an der Pfarrkirche Sankt Pantaleon in Unkel
1959Promotion zum „Dr. rer. pol“ an der Universität Münster
1960Verleihung des Titel „Monsignore“ durch Papst Johannes XXIII.
1962-1969Direktor des Katholischen Zentralinstituts für Ehe- und Familienfragen e. V. in Köln
1965-1978Prosynodalrichter
1969-1976Pfarrer der Gemeinde Sankt-Herz-Jesu in Schildgen
1974-1976Dechant des Dekanats Bergisch-Gladbach
1976Mitarbeiter in der Abteilung Weiterbildung in der Hauptabteilung Seelsorgepersonal im Erzbistum Köln
1978Lehrbeauftragter für Pastoral-Psychologie am Priesterseminar in Köln und im Collegium Albertinum in Bonn
1990-1993Leiter des Referats „Praxisbegleitung/Praxisberatung“ in der Hauptabteilung Seelsorgepersonal
1993Ruhestand, anschießend im Pfarrverband Lerbach-Strunde seelsorgerisch tätig

Prägende Kindheit

Paul Adenauer wächst in gutbürgerlichen Verhältnissen des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer auf. Angesichts der Belastungen des politischen Amts des Vaters obliegt die Kindererziehung vor allem der Mutter. Bei den Adenauers werden die Kinder zur Genügsamkeit und Sparsamkeit erzogen. Menschliches, soziales Empfinden, Hilfsbereitschaft, Einfühlsamkeit hat er, so seine Selbsteinschätzung im Alter von 44 Jahre, von seiner Mutter vererbt bekommen.

Als Zehnjähriger erlebt Paul Adenauer, der Mitglied des katholischen Jugendbundes „Neudeutschland“ wird, die Vertreibung des Vaters aus dem Amt des Oberbürgermeisters durch die Nationalsozialisten am 12. März 1933 und leidet unter der Zerrissenheit der Familie. Der Vater hält sich zeitweise in Berlin und im Kloster Maria Laach auf. Bei Besuchen dort erfährt Paul das Spirituelle, die Ruhe, die Nähe zu Gott, die Gläubige an dieser Stätte erfahren. Das inspiriert und beeindruckt den Jungen nachhaltig und so sehr, dass schon früh in ihm die Neigung wächst, eines Tages selbst ins Kloster zu gehen und Priester zu werden.

Berufung für das Priesteramt

Als die Eltern 1935 nach Rhöndorf ziehen, besucht Paul das von Jesuiten geleitete Aloisiuskollegs in Bad Godesberg, um ihm eine katholische Erziehung angedeihen zu lassen. Die Schule wird 1939 geschlossen und er absolviert an der Städtischen Oberschule in Bad Godesberg 1940 die Hochschulreife. Der Vater steht seinem Traum, Priester zu werden, „wohlwollend, aber distanziert“ gegenüber, weil er befürchtet, die Entscheidung des Sohnes sei zu sehr von dem Motiv des Kampfes der Katholiken gegen den Nationalsozialismus bestimmt. Er solle sich in der Berufswahl frei fühlen. 1941 tritt er dem Konvikt Collegium Leoninum in Bonn bei und studiert Katholische Theologe, wird jedoch im Herbst des Jahres zum Reichsarbeitsdienst auf die Insel Sylt einberufen und 1942 zur Wehrmacht, zunächst abkommandiert nach Frankreich. Wegen seiner labilen Gesundheit kehrt er jedoch nach kurzer Zeit wieder zurück. Er wird als „z. Zt. gvH“, zur Zeit garnisonverwendungsfähig Heimat, eingestuft und verrichtet auf dem Kölner Flughafen Butzweiler Hof, der für militärische Zwecke genutzt wird, seinen Dienst, von Anfang 1943 als Sanitäter im Luftsanitätsdienst bei der Flak in Bonn-Lengsdorf. Im Frühjahr 1944 wird der inzwischen Sanitäts-Obergefreite nach Jüterborg in Brandenburg versetzt, gerät gegen Kriegsende 1945 in englische Gefangenschaft im Harz und kehrt durch Vermittlung der Amerikaner, die Konrad Adenauer am 4. Mai wieder als Oberbürgermeister von Köln einsetzen, Mitte Juni 1945 nach Hause zurück. Anschließend setzt er das begonnene Theologiestudium im Konvikt in Bonn fort. Sein physischer und psychischer Zustand verschlechtert sich 1946/47, auch wegen der Sorgen über den Krankheitsverlauf der Mutter, die im März 1948 verstirbt. Nach dem Abschluss des Studiums beginnt im März 1949 das zweijährige Priesterseminar im Kardinal-Schulte-Haus in Bensberg bei Köln. Im Juli 1949 erhält er die niederen Weihen, bevor sein Vater am 15. September zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wird. Anfang Februar 1951 weiht Kardinal Frings Paul Adenauer in Köln zum Priester; anschließend tritt er seine erste Kaplanstelle an der Sankt-Joseph-Kirche in Porz an.

Zweitstudium und politisches Interesse

Schon seit frühester Kindheit ist Paul Adenauer ein sehr politisch interessierter Mensch. Mit zunehmendem Alter sieht der Vater in ihm einen Gesprächspartner, mit dem er Fragen der Politik diskutiert. Umgekehrt weiß Paul Adenauer die Position des Vaters als Bundeskanzler für eigene politische Aktivitäten zu nutzen. Unterstützt von seinem Vater gehört er im September 1952 zu den Mitbegründern der „Arbeitsgemeinschaft für christlich-soziale Schulung und öffentliche Meinungsbildung“. Ihr Ziel: die politische Bildung zu verbessern, den Menschen Orientierung über „eine möglichst klare und einheitliche Theorie christlich-sozialer Lehre“ zu geben, die „geeignet zur Lösung dringender Gegenwartsaufgaben“. Es geht darum, Erfahrungs- und Meinungsaustausch auf der Grundlage christlicher Maßstäbe und Werte anzuregen, Vorschläge zur Neuordnung des staatlichen und überstaatlichen, aber auch gesellschaftlichen Lebens im Sinne der christlichen Gesellschaftslehre zu initiieren und durch die monatliche Veröffentlichung der „Politisch-Sozialen Korrespondenz“, die bürgerlich-akademische, christlich orientierte Gesellschaftsschicht, die klassische CDU-Wählerklientel, anzusprechen.

Im März 1953 lässt er sich beurlauben, um ein Zweitstudium der Sozialwissenschaften an der Universität Köln aufzunehmen. Er kommt in Kontakt zu Professor Joseph Höffner, der bei der von Konrad Adenauer intendierten Reform des Sozialwesens, die 1956 zur Einführung der dynamischen Rente führt, eine beratende Rolle spielt. Paul Adenauer gibt seinem Vater einen wichtigen Anstoß mit dem Hinweis auf die Ausarbeitung von Wilfried Schreiber, Geschäftsführer des Bundes Katholischer Unternehmer, zur Frage „Existenzsicherheit in der industriellen Gesellschaft“.

Paul Adenauer ist inzwischen nach Münster gewechselt, studiert nun bei Professor Höffner und wird im März 1957 Mitglied der CDU, obwohl Artikel 32 des Reichskonkordats von 1933 für katholische Geistliche die Mitgliedschaft in politischen Parteien und Tätigkeit expressis verbis ausschließt. Im Juni besteht er an der Universität Münster sein Examen zum Diplom-Volkswirt. Es folgt das Promotionsstudium mit einem dreimonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, das Paul Adenauer am 13. Juli 1959 mit der Promotion zum „Dr. rer. pol.“ an der Universität Münster abschließt.

Monsignore und Direktor des Katholischen Zentralinstitut für Ehe- und Fragenfragen

Bereits im Juni 1958 ist er wieder im Pfarrdienst als Subsidiar an der Pfarrkirche Sankt Pantaleon in Unkel tätig. Während eines Besuchs von Konrad Adenauer im Januar 1960 in Rom verleiht Papst Johannes XXIII. auf Vermittlung des Vaters Paul Adenauer den Titel „Monsignore“, päpstlicher Geheimkämmerer.

Viele sagen Paul Adenauer die Ambition auf eine Karriere im diplomatischen Dienst des Vatikans nach. In Wirklichkeit gilt seine Neigung der praktischen postoralen Arbeit. Im Dezember 1962 wird er Direktor des Katholischen Zentralinstituts für Ehe- und Familienfragen, das unter der Ägide der Fuldaer (später Deutschen) Bischofskonferenz arbeitet. Das Institut soll Eheberatungsstellen einrichten, ausbauen und künftige Eheberater ausbilden. Die in den 1960er Jahren veränderte Sexualmoral wirft Probleme für Kirche und Seelsorge auf. Daher beschäftigt Paul Adenauer vor allem aus theologischer Sicht das Problem der Empfängnisregelung aus verantworteter Elternschaft und die Verbesserung des Dialogs zwischen Katholiken und Protestanten. Er engagiert sich im „Interkonfessionellen Arbeitskreis für Ehe- und Familienfragen“, die gemeinsam mit dem Evangelischen Zentralinstitut konfessionsübergreifend Fragen der Sexualität, Liebe, Ehe und Familie berät und Stellung bezieht zu Fragen der Eheberatung und des entsprechenden Berufsbildes. Internationale Anerkennung erfährt Paul Adenauer, indem der Heilige Stuhl ihn in die päpstliche Kommission „Justitia et Pax“ beruft und er dort die Studiengruppe „Familie und Entwicklungsprozess“ leitet.

In diesen Jahren lebt Paul Adenauer wieder mit seinem Vater im elterlichen Haus in Rhöndorf und erfährt viele politische Hintergründe in der Endphase, als es darum geht, Konrad Adenauer zuerst als Bundeskanzler 1963 und dann als CDU-Parteivorsitzenden 1966 abzulösen. Das Erlebte zeichnet er in Form eines Tagebuchs auf.

Rückkehr zu pastoraler Arbeit und ins Priesterseminar

Nach dem Tod Konrad Adenauer im April 1967 und aufgrund des Zweiten Vatikanischen Konzils verstärkt sich bei Paul Adenauer der Wunsch, angesichts der starken Säkularisierungstendenzen der 68er-Generation und der sich wandelnden Einstellungen zu Ehe und Familie, wieder mehr als Pfarrer und Seelsorger tätig zu und für die Menschen, ihre Sorgen und Nöte, da zu sein. Anfang Oktober 1969 übernimmt er als Pfarrer die Gemeinde Sankt-Herz-Jesu in Schildgen. 1974 wird er Dechant des Dekanats Bergisch-Gladbach. Gesundheitliche Beschwerden zwingen ihn schließlich dazu, beide Aufgaben 1976 aufzugeben. Ab Oktober 1976 arbeitet er nun in der Abteilung Weiterbildung in der Hauptabteilung Seelsorgepersonal im Erzbistum Köln und von Juni 1978 an als Lehrbeauftragter für Pastoral-Psychologie am Priesterseminar in Köln und im Collegium Albertinum in Bonn. Die Ausbildung bereitet ihm in den folgenden Jahren viel Freude, weil Menschen, besonders junge Menschen, zu ihm kommen und er ihnen seine Gedanken weitergeben kann. Die Arbeit bringt ihm aber auch Misstrauen und Hohn, gerade von konservativen Teilen des Klerus und alteingesessenen Kollegen, ein. Sie halten solche neuen Lösungsansätze bei Konflikten, die bis in Kirchenvorstände reichen, für überflüssig. Die Dozententätigkeit führt er bis ins 70. Lebensjahr fort und übernimmt zusätzlich im Mai 1990 die Leitung des Referats „Praxisbegleitung/Praxisberatung“ in der Hauptabteilung Seelsorgepersonal, bis er sich am 1. April 1993 zur Ruhe setzt. Anschließend bleibt er im Pfarrverband Lerbach-Strunde seelsorgerisch aktiv.

Einsatz für das Geschichtsbild Konrad Adenauers

In den 1970er Jahren kümmert er sich mit dem ehemaligen Bundesminister des Innern, Paul Lücke, darum, dem Auftrag des Vaters gerecht zu werden und eine Stiftung zu gründen. Als Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, die 1978 gesetzlich als bundesunmittelbare Stiftung des öffentlichen Rechts ins Lebens gerufen wird, begleitet er im Besonderen die Arbeiten der Nachlassedition „Adenauer Rhöndorfer Ausgabe“. Er geht keinem Streit aus dem Wege, wenn er es für notwendig erachtet, für das „richtige“ Geschichtsbild seines Vaters zu kämpfen.

Überraschend verstirbt Paul Adenauer am 5. August 2007 in seinem Haus in Bergisch-Gladbach. Er findet auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof in der Familiengruft neben seinen Eltern seine letzte Ruhestätte.

 

Literaturhinweise

Adenauer, Paul: Neue Aspekte katholischer Soziallehre nach „Mater et Magistra“, in: Der katholische Gedanke, 18 (1962), S. 75–83.

Adenauer, Paul: Zur sozialethischen Bewertung eines gesetzlichen Investivlohnes, in: Freiheit und Verantwortung in der modernen Gesellschaft, Festschrift zum 70. Geburtstag des Professors der Sozialphilosophie an der Päpstlichen Gregorianischen Universität zu Rom, P. Dr. Gustav Gundelach S. J., 3. April 1962 (Jahrbuch des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, hrsg. von Joseph Höffner, 3. Band), Münster 1962, S. 311–330.

Adenauer, Paul: Briefe Konrad Adenauers an einen Sohn im Reichsarbeitsdienst 1941/42, in: Konrad Adenauer und seine Zeit. Politik und Persönlichkeit des ersten Bundeskanzlers. Beiträge von Weg- und Zeitgenossen, hrsg. von Dieter Blumenwitz/Klaus Gotto/Hans Maier/Konrad Repgen/Hans-Peter Schwarz, Stuttgart 1976, S. 156–166.

Adenauer, Paul (Hrsg.): Ehe und Familie. Ein pastorales Werkbuch, Mainz 1972.

Adenauer, Paul: Ehe- und Familienseelsorge im Lichte des Konzils, in: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften, 07/08 (1966/67), S. 175–183.

Adenauer, Paul: Einführung, in: Freundschaft in schwerer Zeit, S. 11–14.

Adenauer, Paul: Mittelständische Investitionsfinanzierung in der Sozialen Marktwirtschaft. Probleme in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt unter Berücksichtigung amerikanischer Erfahrungen (Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, hrsg. von Joseph Höffner, Bd. 11), Münster 1961.

Adenauer, Paul: „Mater et Magistra“, in: Sparkasse. Zeitschrift des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes e. V., Bonn, Heft 5, 1. März 1962.

Adenauer, Paul: Mater et Magistra und die sozialethische Programmatik katholischer und evangelischer Christen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Ako Heft, Dezember 1962, S. 117–124.

Adenauer, Paul: Die Mischehe, in: Karl Rahner/Mario von Galli/Otto Baumhauer (Hrsg.): Reformation aus Rom. Die katholische Kirche nach dem Konzil, Tübingen 1967, S. 170–184.

Adenauer, Paul: Der Theologe im Team der Eheberatung, in: Lebendige Katechese 3 (1981), S. 169–173.

Adenauer, Paul/Böckle, Franz/Gerhartz, Johannes G. u. a.: Ehe und Familie. (Pastorale 2, Handreichung für den pastoralen Dienst. Hrsg. von der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen), Mainz 1973.

Adenauer, Paul/Böckle, Franz/Greimacher, Norbert u. a.: Christliche Einheit in der Ehe, Mainz–München 1969.

Küsters, Hanns Jürgen (Hrsg.): Konrad Adenauer – Der Vater, die Macht und das Erbe. Das Tagebuch des Monsignore Paul Adenauer 1961–1966, Paderborn 2017.

Quellenhinweise

Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin, Nachlass Paul Adenauer 01–1000.

Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Bad Honnef-Rhöndorf, IV c Nachlass Paul Adenauer.

Hanns Jürgen Küsters