Brüning, Heinrich

* 26.11.1885 in Münster
30.03.1970 in Norwich/Vermont (USA)
Zentrumspolitiker, MdR, MdA, Reichskanzler, ordentlicher Professor, Dr. phil., rk.

Übersicht

1904-1911Studium in München und Straßburg
1911-1913Studium in England und Bonn
1915Promotion in Bonn
1915-1918Kriegsdienst an der Westfront
1919im Sekretariat Sozialer Studentenarbeit in Berlin
1919-1921Referent im preußischen Wohlfahrtsministerium
1921-1930Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)
1924-1933MdR (Zentrum)
1930-1932Reichskanzler und ab Oktober 1931 auch Reichsaußenminister
1934Emigration, Aufenthalt in zahlreichen westeuropäischen Staaten
ab 1939Professor an der Harvard-Universität in Cambridge/Massachusetts
1951-1955Professor in Köln
1955Rückkehr in die USA

Mein Wunsch ist, man möge nicht das frühere Zentrum wieder ins Leben rufen, sondern eine möglichst umfassende Einigung aller christlichen und demokratischen Kräfte herbeiführen.

Kindheit und Jugend

Heinrich Aloysius Maria Elisabeth Brüning wird am 26. November 1885 als Sohn des Weinhändlers und Essigfabrikanten Friedrich Wilhelm Brüning und dessen Ehefrau Josefine Bernardine (geb. Beringhoff) in Münster geboren. Er ist das sechste Kind der Familie, drei Geschwister sterben bereits im Kindesalter und der Vater stirbt, als Brüning anderthalb Jahre alt ist. Die Mutter, der zehn Jahre ältere Bruder Hermann Josef und das katholische und preußisch-konservative Münster prägen ihn sehr. Er besucht das altsprachliche Gymnasium Paulinum in seiner Heimatstadt und macht nach neun Jahren dort sein Abitur.

Studienzeit

Brüning studiert in Münster Rechtswissenschaft, Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft in München, Straßburg und Bonn (1904–1911). Während des Studiums in München tritt er in die katholische Studentenverbindung Langobardia im CV ein, in Straßburg in die Badenia im CV. In der Badenia trifft er auf Hermann Platz, Theodor Abele und Paul Simon. Mit ihnen verbindet Brüning eine lebenslange Freundschaft. Mit Simon, Platz und Robert Schuman, nimmt er in der Karwoche des Jahres 1913 an einer Zusammenkunft der Liturgischen Bewegung, der er sich über einen langen Zeitraum hinweg verbunden fühlt, im Kloster Maria Laach teil. Deren Gegnerschaft zu Rationalismus und Liberalismus entspricht seinen Vorstellungen und Auffassungen. In Straßburg begeistert er sich für die staatsphilosophischen Vorlesungen Friedrich Meineckes und die Seminare bei Martin Spahn. Er absolviert 1911 das Examen für das höhere Lehramt, ohne in den Schuldienst zu gehen. In den beiden folgenden Jahren ist er zu weiteren Studien in England, wo er in London und Manchester lebt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldet er sich als Kriegsfreiwilliger, wird aber wegen seiner Kurzsichtigkeit abgelehnt. Nun widmet er sich intensiv dem Abschluss seiner Dissertation. Heinrich Brüning promoviert 1915 mit einer volkswirtschaftlichen Arbeit zum Thema „Die finanzielle, wirtschaftliche und gesetzliche Lage der englischen Eisenbahnen unter Berücksichtigung der Frage ihrer Verstaatlichung“ beim Bonner Nationalökonomen Heinrich Dietzel zum Dr. phil.

Erster Weltkrieg

Brüning hat zu dieser Zeit noch kein bestimmtes Berufsziel, kann sich aber vorstellen, als Journalist zu arbeiten. 1915 gelingt ihm doch noch, als „kriegsverwendungsfähig“ einberufen zu werden. Innerhalb kurzer Zeit bewährt er sich, wird zum Leutnant ernannt, kommandiert eine Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung an der Westfront. Er wird mehrfach verwundet und mit dem Eisernen Kreuz Zweiter und Erster Klasse ausgezeichnet. Das „Frontkämpfererlebnis“ wird für ihn zur prägenden Lebenserfahrung. Der Soldat Brüning bewundert die Militärführung von Hindenburg und Ludendorff, lehnt die Person und Politik Matthias Erzbergers strikt ab und verurteilt die sich abzeichnende „Parlamentsherrschaft“ im Sommer 1917 als den „Anfang vom Ende“ der Monarchie.

Revolution und politischer Aufstieg in der Weimarer Republik

So empfindet er den Waffenstillstand, die Revolution und den Sturz der Monarchie als persönliche und nationale Katastrophe und kehrt nach Münster zurück. Das Angebot seines Doktorvaters, sich zu habilitieren, schlägt er aus. Nach einer Wahlkampfrede Adam Stegerwalds in Münster tritt er tief beeindruckt in die Zentrumspartei ein. Durch Vermittlung seines Studienfreundes Hermann Platz bekommt Brüning 1919 eine Anstellung im „Sekretariat Sozialer Studentenarbeit“ in Berlin beim Großstadtseelsorger Carl Sonnenschein. Dies bildete das Sprungbrett für seine politische Laufbahn. Nach kurzer Zeit wird er Referent des preußischen Wohlfahrtsministers Adam Stegerwald im Herbst 1919. Dort lernt er die Referentin Helene Weber kennen und fortan verbindet die beiden eine enge politische Freundschaft.

Im Jahre 1921 übernimmt Brüning die Geschäftsführung des von Stegerwald geleiteten Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), er entwickelt sich zum Verfechter einer preußisch geprägten, konservativ orientierten Staatsgesinnung. Mit den Zentrumspolitikern Heinrich Brauns und Adam Stegerwald gehört er zu den Vorkämpfern einer interkonfessionellen christlichen Volkspartei. Während des Ruhrkampfs 1923 betätigt er sich an der Organisation des passiven Widerstands und redigierte zeitweilig auch die Tageszeitung des DGB „Der Deutsche“.

1924 wird Brüning für das Zentrum im Wahlkreis 7 (Breslau) in den Reichstag gewählt und dort rasch Sprecher seiner Fraktion in finanz- und steuerpolitischen Fragen. Ein Steuergesetz, an dem er federführend 1925 mitgewirkt hat, trägt den Namen „Lex Brüning“. Von 1928 bis 1929 gehört er auch dem Preußischen Landtag an. Seit dem 5. Dezember 1929 ist er, unterstützt vom Vorsitzenden des Zentrums Ludwig Kaas, Vorsitzender seiner Fraktion im Reichstag. Von General Kurt von Schleicher und vom volkskonservativen Politiker Gottfried Treviranus protegiert, tritt Brüning in das Blickfeld des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Seine Zugehörigkeit zur Zentrumspartei, die eine parlamentarische Schlüsselstellung in den Jahren Weimars innehat, sein Ruf als Finanz- und Steuerexperte, seine betont nationalkonservative Haltung, seine guten Verbindungen zu Teilen der deutschnationalen Opposition und seine Wertschätzung des Militärs machen ihn für den Beraterkreis um den Reichspräsidenten zu einem idealen Kanzlerkandidaten. Ein gegenseitiges Respektsverhältnis zwischen Hindenburg und Brüning bildet die Grundlage für die Übernahme des Amtes des Reichskanzlers am 30. März 1930.

Erste Reichskanzlerschaft

Brüning übernimmt sein schweres Amt zu einem Zeitpunkt, als die Krise des Parlamentarismus auf ihren Höhepunkt zusteuert und die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf das Reich übergreifen. Sein Ziel ist es, die bedrohte rechtsstaatliche Ordnung im Sinne eines reformierten Parlamentarismus erhalten zu können. Brüning will durch sparsamste Haushaltsführung das Defizit im Reichshaushalt ausgleichen und in einem auf mehrere Jahre angelegten Gesundungsprozess die Folgen der Wirtschaftskrise überwinden. In der Sanierung der Reichsfinanzen sieht er die Voraussetzung zur Wiedergewinnung außenpolitischer Handlungsfähigkeit. Der Reichskanzler will durch Erfüllung der 1929 im Young-Plan neu geregelten Reparationen die Vertragstreue des Reiches dokumentieren, damit aber gleichzeitig beweisen, dass es nicht möglich ist, diese Last weiterhin zu tragen. Von deren Reduzierung und dem Zugeständnis der gleichzeitig erstrebten militärischen Gleichberechtigung erwartet Brüning eine innenpolitische Beruhigung. Die Regierung Brüning stellt bis zum Juli 1930 nur eine verdeckte Präsidialregierung dar, die sich auf rechte Zufallsmehrheiten stützt. Am 16. Juli 1930 erleidet die Regierung Brüning im Reichstag eine vernichtende Abstimmungsniederlage (193:256) über einen Teil ihrer Deckungsvorlage zur Sanierung der Staatsfinanzen. Mit der Zustimmung des Reichspräsidenten Hindenburg erlässt der Reichskanzler zwei Notverordnungen gemäß Art. 48 II WRV, um den Regierungsantrag in Kraft zu setzen. Diese werden am 18. Juli 1930 von einer klaren Mehrheit der Parlamentarier (236:222) gemäß Art. 48 111 2 WRV aufgehoben.

Direkt nach dieser Abstimmung, die die zwei Notstandsgesetze außer Kraft setzt, verliest Brüning im Reichstag ein Dekret des Reichspräsidenten, das den Reichstag auflöst, nach Art. 25 I WRV und setzt die Neuwahl gemäß Art. 25 II WRV terminlich fest.

Knapp eine Woche später setzten Reichspräsident und Reichskanzler eine leicht veränderte, umfassendere und verschärfte Notverordnung am 26. Juli 1930 in Kraft. Aus der Reichstagswahl September 1930 geht die NSDAP als eindeutiger Sieger hervor und ist damit nach der SPD die zweitstärkste Kraft. Statt wie bisher über 12 verfügt die Partei Hitlers nun über 107 Sitze. Auch die KPD kann ihre Abgeordnetenzahl von 54 auf 77 steigern.

Nach dieser Wahl hat die Regierung Brüning keine parlamentarische Mehrheit. Mit seinem parlamentarisch tolerierten Präsidialkabinett betreibt Brüning eine entschiedene Deflationspolitik die er nur durch zahlreiche Notverordnungen durchzusetzen kann. Es gelingt ihm jedoch nicht, die durch die anwachsenden Weltwirtschaftskrise bedingten Schwierigkeiten zu meistern (Anwachsen der Arbeitslosigkeit auf 6,4 Mio., Bankenkrise 1931).

Zweite Reichskanzlerschaft

Im Oktober 1931 übernimmt Heinrich Brüning in einem zweiten, kaum veränderten, aber doch stärker nach rechts hin orientierten Kabinett auch die Leitung der Außenpolitik. Reichswehrminister Wilhelm Groener wird zugleich Innenminister. Obgleich Brüning großes internationales Ansehen genießt, vermag er dennoch von den Westmächten keine wirklich entscheidenden Zugeständnisse zu erreichen, die seine Stellung im Innern des Reiches gegen die anwachsende nationalsozialistische Opposition gestützt hätten. Brüning versucht, aus seiner konservativ-sozialen, christlich-nationalen Weltanschauung zu einer politischen Neugestaltung des Reiches zu kommen und auch die Schichten, die bisher dem neuen Staate ablehnend gegenüberstehen, zu gewinnen. Dabei findet er den Rückhalt bei Reichspräsident Hindenburg, dessen Vertrauen zu dem „Frontsoldaten“ auch dem Reichstag gegenüber seine festeste Stütze ist. Aber es geling ihm in seiner zurückhaltenden, dem öffentlichen Auftreten abgeneigten Art nicht, sich gegen die Parolen der Rechten durchzusetzen, zumal er immer stärker auf die Unterstützung der Sozialdemokraten angewiesen ist. Zusammen mit den republikfreundlichen Parteien erreicht er im Frühjahr 1932, wenn auch erst im zweiten Wahlgang, die Wiederwahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten gegen Adolf Hitler.

Das von Groener veranlasste Verbot der nationalsozialistischen SA, dessen Aufhebung Hindenburg fordert, stärker noch die Form der von Hans Schlange-Schöningen geplanten Sanierung des ostdeutschen Großgrundbesitzes führen zum Sturz des Reichskanzlers Brünings, zu dem auch eigene Parteifreunde und die Reichswehr beitragen. Am 30. Mai 1932 tritt er mit seiner Regierung zurück. Sein Nachfolger wird Franz von Papen.

Ende der Weimarer Republik und Emigration

Vergeblich versucht Heinrich Brüning im März 1933 gegen Ludwig Kaas die Zentrumsfraktion für die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes zu gewinnen. Nachdem er im Mai 1933 noch als Nachfolger von Kaas zum Führer der Zentrumspartei gewählt worden ist, muss er diese im Juli 1933 auflösen. Im Frühjahr 1934 emigriert Brüning und geht zunächst nach England, später in die USA. Abwechselnd liest er als Professor in Oxford und an der Harvard-Universität in Boston. Darüber hinaus hält er als Gast auch an anderen amerikanischen Universitäten Vorträge und äußert sich auch zu den drängenden politischen Fragen, jedoch aus politikwissenschaftlicher Sicht. Der Aktivität links stehender Emigranten, denen er negativen Einfluss auf die amerikanische Deutschlandpolitik im Sinne des Morgenthau-Planes und der Jalta-Vereinbarungen zuschreibt, sucht er entgegenzuwirken. So warnt er in Washington vor der bolschewistischen Gefahr in Mitteleuropa und befürwortet amerikanische Hilfeleistungen zum Wiederaufbau Europas.

Nachkriegszeit

1945 begrüßt Heinrich Brüning die Gründung der CDU, lehnt später aber Angebote zur Übernahme eines Bundestagsmandats ab. Nach zwei Besuchen in seiner Heimat, 1948 und 1950, übernimmt er Ende 1951 einen Lehrstuhl für politische Wissenschaften in Köln. Der einsam gewordene ehemalige Reichskanzler wird in der Bundesrepublik Deutschland nicht heimisch. Er lehnt Konrad Adenauers westeuropäische Integrationspolitik ab, kritisierte aber auch den verbreiteten Materialismus. Entsetzt über das Echo seines Vortrages „Die Vereinigten Staaten und Europa“ vom 2. Juni 1954 im Rhein-Ruhr-Klub in Düsseldorf („Deutschland als Faktor der Befriedung: Dr. H. Brüning kritisiert die dogmatische deutsche Außenpolitik“), kehrt er im September 1955 in die USA zurück. Die letzten 15 Jahre seines Lebens verbringt Brüning in zunehmender Vereinsamung in Norwich/Vermont. Er wird um- und versorgt von seiner langjährigen Mitarbeiterin Claire Nix, pflegt nur noch sehr wenige Kontakte.

Am 30. März 1970 stirbt Heinrich Brüning im Alter von 84 Jahren. Er wird nach Deutschland überführt und am 8. April 1970 in seiner Heimatstadt Münster beigesetzt. Die Trauerrede hält der Historiker Rudolf Morsey.

Die wenige Monate nach seinem Tod im November 1970 von der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) veröffentlichten „Memoiren 1918-1934“ entwickeln sich zu einem enormen Publikumserfolg und lösen ein gewaltiges Echo in den Medien und der historischen Fachwissenschaft aus. Der gleichermaßen von Historikern sowie Zeitzeugen und politischen Freunden Brünings als sensationell empfundene Inhalt der publizierten Erinnerungen löst anhaltende Zweifel an deren Quellentreue aus.

Brünings Weg als Politiker nach 1918 hat drei erkennbare Epochen: die Zeit als Parlamentarier und Reichskanzler, das Exil bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges und sein inoffizielles Engagement in der Deutschlandpolitik bis zu seinem Tode.

Sein Schicksal als Reichskanzler entscheidet sich durch den Ansturm der nationalsozialistischen Bewegung, nicht durch persönliche Fehler, nicht durch Intrigen gegen seine Politik und auch nicht durch verbreitete Zweifel in der Umgebung des Reichspräsidenten und in der Reichswehrführung an seiner politischen Begabung (Herbert Hömig).

Die Entlassung als Reichskanzler bleibt das entscheidende Ereignis seines politischen Lebens, sowohl im Hinblick auf seine Rolle in der Weimarer Republik als auch für seinen späteren Weg in den Jahren des Exils.

Der Politiker der Nachkriegszeit gewinnt nicht zuletzt aus der Perspektive der Weimarer Jahre an Profil. Die politischen Entscheidungen Brünings, besonders in der Wirtschaftspolitik und die Mängel der Weimarer Republik stehen in einem inneren Zusammenhang. Er ist ein „gescheiterter Hoffnungsträger“ der aber „rational, unendlich wohlmeinend, staatstragend gesinnt, völlig unkorrupt und bemerkenswert selbstlos“ ist (Hans-Peter Schwarz).

Brüning ist in Denkweise und Lebensstil, in der politischen Zielsetzung und Regierungsführung das genaue Gegenteil Konrad Adenauers, der eine andere – realistischere und zukunftsweisende - Variante des politischen Katholizismus verkörpert. (Rudolf Morsey).

Literaturhinweise

Memoiren 1918–1934. – W. L. Patch, Jr.: Heinrich Brüning and the Dissolution of the Weimar Republic (1998); R. Morsey: Heinrich Brünings Vorstellungen über Deutschland nach Hitler 1944–1950, in: C.-D. Krohn/M. Schumacher (Hg.), Exil und Neuordnung (2000); H. Hömig: Heinrich Brüning – Kanzler in der Krise der Weimarer Republik, in: HPM 7 (2000); P. O. Volkmann: Heinrich Brüning im Exil: Reisen in die Vereinigten Staaten von Amerika 1935 bis 1938/39, in: HPM 12 (2005).

Markus Lingen