Bucerius, Gerd

* 19.05.1906 in Hamm/Westfalen
29.09.1995 in Hamburg
Rechtsanwalt, Verleger, MdB, ev.

Übersicht

1925-1932Jurastudium in Freiburg, Berlin und Hamburg, Assessor in der Berliner Anwaltskanzlei Erich Koch-Wesers in Berlin, Richter, dann Rechtsanwalt in Altona
1946Mitglied der Hamburger Bürgerschaft (CDU), Bausenator sowie Mitglied des Zonenbeirats für die britische Zone
1947-1949Mitglied des Wirtschaftsrats für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet
1949-1962MdB
1949-1953Vorsitzender des Ausschusses für Berlin
1953-1957Bundesbeauftragter für die Förderung der Berliner Wirtschaft

Biographischer Werdegang

Gerd Bucerius wird am 19. Mai 1906 in Hamm in Westfalen als Sohn eines Juristen geboren. Seine Schulzeit verlebt er, wechselnden beruflichen Positionen des Vaters folgend, in Essen, Hannover und schließlich in Hamburg, wo er am Heinrich-Hertz-Gymnasium 1924 sein Abitur ablegt. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, Berlin und Hamburg ist er in der Kanzlei des Vaters in Hamburg-Altona als Anwalt tätig. 1934 wird er zum Dr. jur. promoviert. In den Jahren der NS-Herrschaft setzt sich Bucerius, der selbst seit 1932 mit einer Jüdin verheiratet ist, für jüdische Mandaten ein. Von den Nationalsozialisten wird er dafür als „Judenverteidiger“ verunglimpft. Zu seinen Klienten gehört auch der spätere CDU-Politiker und Verfolgte des NS-Regimes Erik Blumenfeld. In den letzten Wochen des Krieges versteckt Bucerius Blumenfeld in seinem Haus in Hamburg-Othmarschen. Seine Ehefrau, Gretel Bucerius, hat bereits nach den Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 auf Drängen ihres Gatten hin Deutschland verlassen und lebt nun in England, wo sie als Dienstmädchen und Kellnerin arbeitet. Nach dem Krieg kehrt sie nicht zurück, die Ehe wird im Dezember 1945 geschieden. Bucerius selbst übersteht die NS-Zeit und den Krieg weitgehend unversehrt.

Nach dem Krieg beginnt die zweite Karriere des Juristen als Verleger: Zusammen mit Richard Tüngel, Lowis H. Lorenz und Ewald Schmidt gründet er im Februar 1946 die Wochenzeitung „Die Zeit“. Von 1949 bis 1951 erwirbt er schrittweise Mehrheitsanteile am Nannen-Verlag und wird damit auch Verleger der Zeitschrift „Stern“. Wirtschaftliche Verluste, die „Die Zeit“ lange Zeit einfährt, kompensiert Bucerius in der Folge mit Gewinnen aus dem Verkauf des „Stern“. Die liberale Wochenschrift „Die Zeit“, für die er seit 1957 als Verleger die Alleinverantwortung trägt, bleibt bis zu seinem Lebensende sein publizistisches „Lieblingskind“. 1965, während einer Phase von Fusionen und Umbrüchen auf dem deutschen Zeitungsmarkt, gründet Bucerius mit Richard Gruner und John Jahr die Gruner + Jahr GmbH & Co. Nach Springer ist dies der zweitgrößte deutsche Pressekonzern. In den 70er Jahren verkauft er seine Anteile an Gruner + Jahr an die Bertelsmann AG, im Gegenzug erhält er einen Aktienanteil von 11,5 an den Bertelsmann-Unternehmen. Dem Aufsichtsrat der Bertelsmann AG gehört er von 1973 bis 1991 an.

1971 gründet Gerd Bucerius die gemeinnützige Zeit-Stiftung, die, so der Plan, nach dem Tod des kinderlosen Verlegers die Unabhängigkeit und liberale Ausrichtung des Blattes sichern soll. Die Rechte an der „Zeit“ werden 1972 aus dem Bertelsmann-Konzern ausgegliedert und dem neu gegründeten Zeit-Verlag übertragen. Kurz vor seinem Tod ändert Bucerius seine Nachfolgeregelung erneut und bestimmt den Verkauf aller Rechte an der „Zeit“ an die Verlagsgruppe Georg-von-Holtzbrinck durch seine Erben. 1996 wird der Transfer vom Kuratorium der Zeit-Stiftung vollzogen. Der finanzielle Erlös aus dem Verkauf und damit der Hauptteil der Hinterlassenschaft des Verlegers kommt der gemeinnützigen Zeit-Stiftung und damit ausschließlich dem Zweck der Förderung von Bildung, Kultur und Wissenschaft zugute.

Politiker der CDU

Bucerius zählt zur Gründergeneration der CDU, sein Eintritt in die Partei im Sommer 1946 verdankt sich seinen bürgerlich-liberalen Grundüberzeugungen und seinen Sympathien für die Europapolitik Konrad Adenauers. Den Beginn seiner politischen Karriere markieren im Februar 1946 die Ernennung zum Hamburger Bausenator und seine Berufung in die von den Besatzungsbehörden ernannte erste Hamburger Bürgerschaft nach dem Krieg. Während seiner achtmonatigen Amtszeit als Bausenator besteht seine Hauptaufgabe darin, Wege zur Beseitigung der allgegenwärtigen Trümmerberge zu finden. Da staatliche Ressourcen kaum vorhanden sind, fordert er die Bürger über Rundfunk und Presse mit Zweizeilern zum Anpacken auf:

„Tut es bald - vergesst es nicht, Steine bergen – Bürgerpflicht!“

Im Frankfurter Wirtschaftsrat leitet Bucerius von 1947 bis 1949 den „Ausschuss für den Lastenausgleich“. Die Arbeit, die das Gremium leistet, ist ein erster Schritt hin zum Lastenausgleichgesetz, das der Deutsche Bundestag am 14. August 1952 verabschiedet. Von 1949 bis 1962 gehört Bucerius der CDU/CSU-Bundestagsfraktion an. Der Politik gilt in dieser Phase sein Hauptengagement. Vor allem in der ersten Legislaturperiode des Bundestags genießt er innerhalb der Fraktion hohes Ansehen: Von 1949 bis 1951 ist er Mitglied des Fraktionsvorstands, bis 1953 vertritt er die CDU in insgesamt sechs Parlamentsausschüssen. Bundeskanzler Adenauer schätzt die publizistische Unterstützung durch den Hamburger Abgeordneten und sein Eintreten für die Soziale Marktwirtschaft. Adenauers Politik der Westbindung und die Ablehnung der Stalin-Note zur Aufnahme von Verhandlungen über eine deutsche Wiedervereinigung im Frühjahr 1952 werden von Bucerius rückhaltlos unterstützt.

Seine wichtigste Rolle findet der Abgeordnete Bucerius im Amt des Vorsitzenden des Berlin-Ausschusses. Da die Stadt unter der Kuratel der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges steht und West-Berlin unter den Bundesländern eine Sonderstellung einnimmt, haben die Berliner Abgeordneten im Bundestag keine Stimmrechte. Dem Berlin-Ausschuss kommt deshalb die Aufgabe zu, in der Parlamentsarbeit die Interessen der Stadt und ihre kulturelle Bindung an die Bundesrepublik zu berücksichtigen und zu stärken. Bucerius Ernennung zum Bundesbeauftragten für die Förderung der Berliner Wirtschaft im Juli 1952 – ein Amt, das er bis 1957 ausübt – unterstreicht seinen Einsatz für die geteilte Stadt. Erfolglos bleiben jedoch seine Bemühungen, einen Bundestagsbeschluss zur Proklamation Berlins als offizieller Hauptstadt der Bundesrepublik herbeizuführen. Trotz publizistischer Unterstützung seiner Absicht durch die „Zeit“ und obwohl ein Teil der CDU/CSU-Abgeordneten Bucerius Antrag unterstützt, kommt eine offizielle Abstimmung des Parlaments im Herbst 1956 nicht zustande. Bundeskanzler Adenauer, der negative außenpolitische Konsequenzen für die Politik der Bundesregierung fürchtet, verhindert die Abstimmung mit Hilfe des Fraktionsvorsitzenden Heinrich Krone, Bundespräsident Theodor Heuss und dem Berlin-Beauftragten der Bundesregierung, Heinrich Vockel.

Im Verhältnis zwischen Bucerius und dem Bundeskanzler bilden die Differenzen in der Berlin-Frage einen Wendepunkt. Das zunächst von gegenseitiger Anerkennung getragene Verhältnis verschlechtert sich in der zweiten Hälfte der 50er Jahre zusehends. Die politische Unterstützung des Verlegers gilt in der Endphase von Adenauers Kanzlerschaft nicht mehr dem Bundeskanzler, sondern seinem potentiellen Nachfolger Ludwig Erhard. Dessen marktwirtschaftliche Überzeugungen bilden lange schon ein zentrales Bindeglied zwischen Bucerius und der CDU. Für Unmut, nicht nur bei Adenauer, sondern auch in der CDU/CSU-Fraktion, sorgt, dass Bucerius seine Möglichkeiten als Verleger nutzt, um innerparteiliche Kontroversen auszutragen. So lässt er, nachdem Adenauer am 5. Juni 1959 von seiner Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten zurücktritt und verkündet, weiter Kanzler bleiben zu wollen, die Leser der „Zeit“ darüber abstimmen, ob diese Entscheidung richtig oder falsch war. Im Ergebnis zeigt die Aktion, dass nur 7,5 Prozent der Umfrageteilnehmer die Handlung des Bundeskanzlers gutheißen.

Offen zutage traten die zunehmenden Differenzen zwischen Bucerius und Teilen der Partei, nachdem der Verleger im Januar 1960 in der „Zeit“ den Rücktritt des Vertriebenenministers Theodor Oberländer aufgrund dessen Verstrickungen in die Politik der Nationalsozialisten fordert. Ein Parteigerichtsverfahren, dem er sich nun ausgesetzt sieht, verläuft noch ohne Ergebnis. Den Endpunkt der politischen Karriere Bucerius verursacht schließlich im Januar 1962 die so genannte „Höllenfeuer-Affäre“, die durch einen Artikel im „Stern“ ausgelöst wird. Unter der Überschrift „Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer“ kritisiert der Autor Jürgen von Kornatzky den gesellschaftspolitischen Einfluss der Katholischen Kirche. In der CDU führt dies zu Protesten, der Bundesvorstand der Partei verurteilt den Artikel öffentlich wegen der „Verletzung christlicher Empfindungen“. Bucerius, obwohl er persönlich den Text für misslungen hält und keine redaktionelle Verantwortung für die Veröffentlichung trägt, beruft sich auf die Unabhängigkeit der Presse und weigert sich, sich von dem Artikel zu distanzieren. Da er in der Fraktion mehr und mehr isoliert ist und sich überdies scharfen Angriffen der katholischen Medien gegenübersieht, gibt er am 22. März 1962 seinen Austritt aus der Partei und die Aufgabe seines Bundestagsmandats bekannt. Von da an widmet er sich ausschließlich dem wirtschaftlichen Ausbau seiner Verlage und der Tätigkeit als Publizist und Verleger.

Gerd Bucerius wird am 27. November 1990 in Bonn von der Ludwig-Erhard-Stiftung mit der Ludwig-Erhard-Medaille für Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft ausgezeichnet. Er verstirbt, 89-jährig, am 29. September 1995 in Hamburg.

Literaturhinweise

Ralf Dahrendorf: Liberal und unabhängig. Gerd Bucerius und seine Zeit. München 2000.

 

Christine Bach