Gantenberg, Mathilde

* 25.12.1889 in Bochum
29.10.1975 in Trier
Oberstudienrätin, Staatssekretärin, Dr. phil., rk.

Übersicht

1914-1919Studium der der Germanistik und Romanistik in Bonn und Münster
1919Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen, Promotion
1920-1933Lehrerin in Koblenz, Xanten und Bad Kreuznach
1928-1933Stadtverordnete Bad Kreuznach (Zentrum)
1933Entlassung aus dem Schuldienst
1940-1945Buchhändlerin
1945Mitgründerin der CDU in Trier
1946-1947Mitglied der Beratenden Landesversammlung
1947-1957Mitglied des Landtags von Rheinland-Pfalz
1948-1951Staatssekretärin im Kultusministerium in Mainz
1956-1961MdB

Herkunft und Ausbildung

Mathilde Gantenberg kommt am 25. Dezember 1889 in Bochum als Tochter des Land- und Gastwirts Heinrich Gantenberg und seiner Frau Emma, geb. Robrecht, zur Welt. Im Jahr zuvor wurde ihr Bruder geboren, der allerdings noch als Säugling verstirbt. Nach ihr kommen noch vier weitere Mädchen zur Welt. 1902 stirbt der Vater und im Jahr 1905 heiratet die Mutter Wilhelm Gantenberg, den älteren Bruder ihres verstorbenen Mannes, einen Chemiker. 1914 stirbt die Mutter an den Folgen einer Tuberkulose, 1916 erliegt auch der Stiefvater einer schweren Krankheit.

Die Eltern ermöglichen dem begabten Mädchen nach der Volksschule den Wechsel auf eine katholische Privatschule in Bochum. Nach weiteren schulischen Stationen in einem Mädchenpensionat der Schwestern Unserer Lieben Frau in Mülhausen bei Krefeld und einer Haushaltungsschule im belgischen Astenet kehrt die junge Frau an ihr altes Lyzeum in Bochum zurück. Dort will sie die Hochschulreife erlangen, da sie Lehrerin werden möchte. Bislang ist das größte Hindernis für Frauen, die studieren wollen, die Tatsache, dass keine Reifeprüfung ablegen können, da Gymnasien nur für Jungen existieren. Mädchen werden zwar an sogenannten Höheren Töchterschulen unterrichtet, deren Abschluss sie aber zu keiner weiterführenden Ausbildung berechtigt.

Die Mädchenschulreform in Preußen vom 18. August 1908 ändert dies. Grundlage des Mädchenschulwesens bildet weiterhin die zehnstufige höhere Mädchenschule. Danach gibt es drei weiterführende Schultypen: Im Lyzeum werden Mädchen zwei Jahre lang in Haushaltsführung unterrichtet; am Oberlyzeum, dem höheren Lehrerinnenseminar, ist die Ausbildung zur Volksschullehrerin möglich; neu eingeführt wird das Mädchengymnasium, die „Studienanstalt“. Nach deren erfolgreichen Abschluss besitzen die Mädchen ein dem Abitur der Jungen entsprechendes Reifezeugnis. Somit ist das Abitur für Mädchen erstmals staatlich geregelt.

Nach drei weiteren Schuljahren an ihrem Lyzeum in Bochum legt Mathilde Gantenberg als Externe ihre Prüfung in Münster ab, da Privatschulen die Abnahme von Prüfungen nicht erlaubt ist. Danach folgt ein praktisches Unterrichtsjahr an der Städtischen Schule in Bochum. Ihr Studium nimmt sie zunächst in Bonn auf, wechselt aber nach kurzer Zeit wegen mangelnder Lateinkenntnisse an die Universität Münster, wo es Kurse für Absolventinnen des Oberlyzeums gibt, die mit der Nachprüfung in Latein und Mathematik die Hochschulreife des Realgymnasiums erwerben wollen. In Münster tritt sie in den katholischen Studentinnenverein Hroswitha ein, gründet aber kurze Zeit später mit Cläre Hartmann und Klara Maria Fassbinder eine eigene Verbindung namens Hochwart, da die bislang existierenden Studentinnenverbindungen den jungen Frauen zu sehr am Vorbild männlicher Korporationen ausgerichtet sind. Während des Studiums lernt Mathilde Gantenberg auch Helene Weber kennen, die an den Wochenenden katholische Frauengruppen an verschiedenen Universitäten besucht – eine Bekanntschaft, die lange Jahre andauern wird.

1917 kommt es – kriegsbedingt – zu einer Unterbrechung des Studiums, da Mathilde Gantenberg in einer Munitionsfabrik dienstverpflichtet wird. Über die sie sehr bewegenden Erlebnisse vor Ort verfasst sie einen Artikel in der Zeitschrift „Die katholische Studentin“, dem Organ des Verbandes der katholischen Studentinnen-Vereine Deutschlands.

Eintritt in den Schuldienst

1919 promoviert sie an der Universität Münster zur Dr. phil. im Fach Germanistik. Sie durchläuft ein verkürztes Referendariat an einer im Aufbau befindlichen Klosterschule der Ursulinen in Menden/Sauerland, weil ihr das praktische Jahr des Oberlyzeums als erstes Referendarjahr angerechnet wird. Ihre Lehrtätigkeit beginnt sie als Studienassessorin in Koblenz an einer der in Preußen neu entstehenden Aufbauschulen. Da ihr die Berufung zur Studienrätin verwehrt wird und es zu Schwierigkeiten im Lehrerkollegium kommt, nimmt sie das Angebot zum Wechsel an eine Aufbauschule in Xanten an, wo sie auch zur Studienrätin ernannt wird. Die Atmosphäre hier empfindet sie als „Idyll“. Im Oktober 1927 wechselt sie als Oberstudienrätin nach Bad Kreuznach, an das von der Studiendirektorin Lina Hilger geleitete Oberlyzeum, das eine der ersten in Preußen etablierten Frauenoberschulen ist. In der Stadt beginnt auch ihr politisches Engagement. Da das Mädchenlyzeum städtisch und seine Finanzen somit vom Stadtrat abhängig sind, ist es für Mathilde Gantenberg eine logische Konsequenz, sich dort zu engagieren, um Einfluss auszuüben. Von 1928 bis 1933 nimmt sie ein Mandat des Zentrums in der Stadtverordnetenversammlung wahr. 1931 bewirbt sie sich, auf Drängen des Frauenbeirats der Essener Zentrumspartei, für die Direktorenstelle am Viktoria-Lyzeum in Essen. Das Bestreben der weiblichen Mitglieder der Zentrumspartei, eine eigene Kandidatin gegen einen männlichen Bewerber durchzusetzen, scheitert aber letzten Endes.

Von Beginn ihrer Lehrtätigkeit an macht Mathilde Gantenberg sich zudem Gedanken über eine Reform der Mädchenschulbildung und setzte sich für die Frauenbewegung ein. Hier vertritt sie dezidierte Ansichten: „Für Frauen im öffentlichen Leben und in gehobenen Stellungen war es nicht einfach, sich durchzusetzen. Die Frau wurde als Konkurrentin angesehen und nach weitverbreiteter Ansicht hörten die für Frauen geeigneten Berufe da auf, wo die höhere Bezahlung anfing. Sachliche Gründe fielen dagegen nicht sehr ins Gewicht. Die Frauenbewegung kämpfte um die weibliche Leitung an Mädchenschulen. Dieser Kampf war in jedem einzelnen Fall schwer und selten erfolgreich.“ So formuliert sie es in ihrer „Familienchronik“ (ACDP 01-016-001/1).

Entlassung aus dem Schuldienst und Überleben in der nationalsozialistischen Diktatur

Dass ihre fortschrittlichen Ansichten und ihr modernes Frauenbild bei den Nationalsozialisten nicht auf Gegenliebe stoßen, wird schnell deutlich. Die neuen Machthaber benutzen das im April 1933 erlassene Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, um die politisch engagierte und missliebige Frau im Herbst 1933 ohne Pensionsansprüche aus dem Schuldienst zu entlassen. Auch die von ihr geliebte Mitarbeit in der Redaktion der „Neuen Jahrbücher für Wissenschaft und Bildung“ muss sie im gleichen Jahr beenden, nachdem ihr nahegelegt wird, aus der Redaktion auszuscheiden.

Nach Entzug ihrer wirtschaftlichen Grundlage zieht sie Anfang März 1934 mit ihrer Schwester Emmy, die eine landwirtschaftliche Ausbildung durchlaufen hat, auf den Frauenberger Hof bei Gönnersdorf im Vinxtbachtal. Das heruntergewirtschaftete Anwesen hat sie zusammen mit Dr. Maria Silberkuhl-Schulte und Dr. Trude Hübinger kurz zuvor gekauft. Der Hof besitzt eine Konzession für einen Gaststättenbetrieb, die das Überleben der Frauen zu Beginn sicherstellt. 1935/36 nimmt Mathilde Gantenberg noch einmal eine Lehrtätigkeit auf. Sie unterrichtet kurzzeitig in Garmisch-Partenkirchen und hält sich im Schweizerischen Montreux-Territet auf, wo sie in einem Pensionat tätig wird. Aufgrund unregelmäßiger Bezahlung und der sich verschlechternden politischen Bedingungen für Ausländer in der Schweiz, kehrt sie auf den Hof zurück, den ihre Schwester unter problematischen Bedingungen weiterhin bewirtschaftet. Nachdem die Arbeit für die alleinstehenden Frauen immer schwieriger wird, beschließen sie den Verkauf des Anwesens und ziehen nach Trier. Verschiedene Versuche Mathilde Gantenbergs, beruflich Fuß zu fassen – etwa als Versicherungsvertreterin – schlagen fehl. Erst die Übernahme der Stephanus-Buchhandlung 1940 in Trier kann ihr und ihren Schwestern wieder eine sichere Existenzgrundlage bieten. Am 21. Dezember 1944 wird das Haus allerdings nach einem Bombenangriff komplett zerstört. Nach kriegsbedingten Evakuierungen an die Mosel und in den Hunsrück folgt die Rückkehr nach Trier. Ende des Jahres 1945 übernimmt Mathilde Gantenberg dort die Leitung der Auguste-Viktoria-Schule.

Engagement in der rheinland-pfälzischen Landespolitik

Ihrem beruflichen Neustart folgt sofort die Mitwirkung in der lokalen Politik. Sie beteiligt sich an der Gründung der CDU in Trier, engagiert sich wieder in der Kommunalpolitik und wird bei den Gemeindewahlen im Herbst 1946 Vertreterin der Partei in der Stadtverordnetenversammlung. In ihren Lebenserinnerungen formuliert sie ihre Entscheidung folgendermaßen: „Wenn ich mich dann doch wieder für eine politische Tätigkeit neben der Schule zur Verfügung stellte, so aus der Überzeugung, dass Politik nach dem Zusammenbruch die Mitarbeit aller derer forderte, die keine Konzessionen an das Nazi-Regime gemacht hatten und die darum bei den Mitbürgern und – was in der damaligen Situation sehr wichtig war – bei den Besatzungsbehörden auf Vertrauen rechnen konnten. Es kam für mich hinzu, dass nach dem Ausschalten der politischen Frauenarbeit durch die Nazis dafür ein neuer Anfang gesetzt werden musste; ich war sicher, dass die schweren Aufgaben des Wiederaufbaus nur in partnerschaftlicher Zusammenarbeit von Männern und Frauen gelöst werden konnten.“ Kurz darauf schickt ihre Partei sie in die Beratende Landesversammlung von Rheinland-Pfalz, die sich im November 1946 in Koblenzer Stadttheater konstituiert. Hier ist sie – bei 127 Delegierten – eine von sechs Frauen.

Im Mai 1947 wird sie in den ersten rheinland-pfälzischen Landtag gewählt und behält das Mandat bis 1967. Von Februar bis Oktober 1947 arbeitet sie als Referentin für das höhere Mädchenschulwesen beim Oberpräsidenten der Provinz Rheinland-Hessen-Nassau. Danach wird sie von Kultusminister Ernst Lotz als Referentin für Mädchenschulen in das Kultusministerium geholt. Nach der Amtsübernahme durch Adolf Süsterhenn beruft dieser Mathilde Gantenberg am 22. April 1948 zu seiner Staatssekretärin. Dieses Amt übt sie bis zum Ende der ersten Wahlperiode am 17. Mai 1951 aus und scheidet mit Kultusminister Adolf Süsterhenn, dem sie freundschaftlich verbunden ist, aus dem Amt aus. Bis zu ihrer Berufung zur Staatssekretärin in das Ministerium für Unterricht und Kultus leitete sie zudem den Kulturpolitischen Ausschuss im Landtag. Ihre Amtszeit als Staatssekretärin ist insbesondere geprägt vom Engagement für die Bildenden Künste und von der Förderung von in diesem Bereich tätigen Künstlern. Ihr Interesse im Bereich der Bildungspolitik gilt allerdings vor allem dem höheren Schulwesen. Zudem folgt sie den Vorgaben Adolf Süsterhenns und setzt sich für die Umwandlung von Simultanschulen in Bekenntnisschulen im Land ein. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Staatssekretärsamt setzt sie ihre Arbeit im Landtag fort, wobei sie sich auf die Arbeit im Finanzausschuss konzentriert.

1956 rückt sie für Eduard Orth in den Deutschen Bundestag nach, 1957 gelingt ihr der Einzug ins Parlament über die Landesliste und sie übt ihr Mandat bis 1961 aus. Von 1956 bis 1963 ist sie zudem Vorsitzende des Landesverbands Rheinland-Pfalz der Europa-Union.

Für ihre Verdienste wird Mathilde Gantenberg mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet, Ministerpräsident Peter Altmeier würdigt dabei ihre „Grundsatztreue und aufopfernden Einsatz für die Belange der Allgemeinheit“.

Am 29. Oktober 1975 verstirbt die unverheiratet gebliebene Dr. Mathilde Gantenberg im Kreis ihrer Familie in Trier.

Literaturhinweise

Mathilde Gantenberg: Die Frauenoberschule, ein neuer Weg weiblicher Bildung. In: Hauswirtschaftliche Jahrbücher. Zeitschrift für Hauswirtschaftswissenschaft. 6. Jg. Heft 1 (Februar) 1933, S. 24–26.
Mathilde Gantenberg: Mädchenbildung. In: Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung. 8. Jg. Heft 6 (Oktober) 1932.
Die Gründungsgeschichte der CDU im Trierer Land 1945/46. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Christliche-Demokratischen Union Deutschlands (Beiträge zur Geschichte der CDU 1). Bonn 1966.
Birgit Sack: Zwischen religiöser Bindung und moderner Gesellschaft. Katholische Frauenbewegung und politische Kultur in der Weimarer Republik (1918/19–1933). Münster u. a. 1998.
Hedwig Brüchert: Dr. Mathilde Gantenberg (1889–1975). In: Rheinland-Pfälzerinnen. Frauen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rheinland-Pfalz. Bearbeitet von Hedwig Brüchert. Hg. im Auftrag der Kommission des Landtages bei der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz von Heinz-Günther Borck unter Mitarbeit von Beate Dorfey (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz 123). Mainz 2001, S. 141–144.
Andreas Grau: Mathilde Gantenberg (1889–1975). Staatssekretärin in Rheinland-Pfalz. In: Günter Buchstab/Brigitte Kaff/Hans Otto Kleinmann (Hg.): Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union. Freiburg 2004, S. 205–208.
Monika Storm: Frauen der ersten Stunde. Rheinland-pfälzische Landtagspolitikerinnen 1946–1955, in: Blätter zum Landtag 3 (2007). Hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz.
Christoph von Hehl: Adolf Süsterhenn (1905–1974). Verfassungsvater, Weltanschauungspolitiker, Föderalist (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 62). Düsseldorf 2012.
Leonhard Janta: Dr. Mathilde Ganteberg (1889–1975) in Bad Kreuznach. In: Nahe-Kalender 2012. Jahrbuch des Kreises Bad Kreuznach, S. 181–185.
Ders.: Dr. Mathilde Gantenberg (1889–1975) in Gönnersdorf. In: Heimat-Jahrbuch Kreis Ahrweiler 69. Jahrgang 2012, S. 200–203.

Denise Lindsay