Görres, Johann Joseph

* 25.01.1776 in Koblenz
29.01.1848 in München
Publizist, rk.

Übersicht

1786-1793Besuch des Jesuitengymnasiums in Koblenz, autodidaktische Ausbildung in Naturwissenschaften, Medizin und Geschichte
1801-1806Lehrer für Naturwissenschaften an der Sekundärschule in Koblenz
1806-1808Privatdozent an der Universität Heidelberg
1820-1827Aufenthalt in Straßburg
1827Berufung an die Universität München durch König Ludwig I. von Bayern
1839Erhebung in den Adelsstand

Biographischer Werdegang

Von den menschheitlichen Ideen der Französischen Revolution ergriffen, trat Görres für den Anschluss seiner rheinischen Heimat an Frankreich ein. Enttäuscht über den Staatsstreich Bonapartes und dessen Konsulatsherrschaft, kehrte er aus Paris nach Koblenz zurück, wurde Lehrer und veröffentlichte zahlreiche ästhetische und naturwissenschaftliche Schriften. Unter dem Einfluss der Romantik bejahte er Wert und Sinn der Nation, des Mittelalters und des Reiches Karls des Großen. Immer ein Gegner Napoleons, weckte die Völkerschlacht von Leipzig (1813) in Görres die Hoffnung auf nationale Regeneration der Deutschen, die er von 1814 an durch die Herausgabe des „Rheinischen Merkur" zu fördern suchte. Die Orientierung des Blattes auf Freiheit und Einheit eines künftigen deutschen Reiches führte schon 1816 zum Verbot durch die preußische Zensur. Den Bruch des als Organisator des Hilfswerks zur Bekämpfung der Hungersnot in der Eifel und am Rhein (1819) um seine Heimat auch praktisch Hochverdienten mit der preußischen Regierung brachte die Schrift „Teutschland und die Revolution" (1819), in der er einen neuen Umsturz als Reaktion auf die bestehenden Zustände für möglich erklärte. Der drohenden Verhaftung entzog sich Görres durch Flucht. Obwohl er seine frühe Distanz zur Kirche noch nicht wieder überwunden hatte, wurde von nun an für ihn die Freiheit der Kirche zum primären Ziel allen Strebens nach politischer Freiheit. Durch seine Beteiligung an den für die Aktivierung des deutschen Katholizismus bedeutsamen Zeitschriften „Der Katholik" (seit 1824), „Eos" (seit 1828) und „Historisch-politische Blätter" (seit 1838) wurde Görres zum Sprecher für das Lebensrecht der katholischen Kirche, ohne darum seine weitgespannten Interessen, die gleichermaßen Geschichts- und Naturphilosophie, Germanistik, Volkskunde und Iranistik umfassten, einzugrenzen. 1827 als Professor der Geschichte an die Universität München berufen, verkörperte er noch einmal den Typus des Historikers, der die Geschichte von Natur und Menschen in ihren gestaltenden Kräften spekulativ zu durchdringen suchte. Wirkungsvoller waren seine Äußerungen zu Zeitfragen, bei denen die Freiheit der Kirche als Widerpart des noch nicht überwundenen fürstlichen Absolutismus hervortrat. Ihren Höhepunkt erreichten sie mit der durch den Kölner Kirchenstreit ausgelösten Flugschrift „Athanasius" (1838), die zu den erfolgreichsten ihrer Art im 19. Jahrhundert gehörte. Über die Polemik gegen die preußische Regierung hinausgreifend, die den Kölner Erzbischof ohne Gerichtsurteil gefangen gesetzt hatte, weil er für die Einsegnung konfessionsverschiedener Ehen wider staatliche Vorschrift das kanonische Recht zugrunde gelegt hatte, formulierte er hier ein politisches Programm für die deutschen Katholiken: Durchsetzung der Rechtsgleichheit unter Wahrung des konfessionellen Friedens und der nationalen Einheit. Die sich wenige Monate nach seinem Tode formierende Katholische Bewegung hat sich dankbar ihrer Wegweisung durch Görres erinnert. 1876 entstand die Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft im katholischen Deutschland.

Literaturhinweise

Gesammelte Schriften (1926ff.); W. Frühwald (Hg.): Ausgewählte Werke (1978). - H. Raab: Joseph Görres (1978); H. Dickerhof: Görres und die Görres-Tradition, in: Historisches Jb. 108 (1988); H.-C. Kraus, in: C. von Schrenck-Notzing (Hg.), Lexikon des Konservatismus (1996); J. Vanden Heuvel: A German Life in the Age of Revolution (2001).

Heinz Hürten