Holzapfel, Friedrich

* 20.07.1900 in Bielefeld
15.11.1969 in New York
Jurist, Hauptgeschäftsführer, Diplomat, Dr. rer. pol., ev.

Übersicht

Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Münster und Berlin
1922Promotion
1923-1937Handwerkskammer Bielefeld, zuletzt Hauptgeschäftsführer
1927-1933beim Bezirksverwaltungsgericht in Minden
1932-1937Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Bielefeld
ab 1940Angestellter/Teilhaber bei A. Werth in Herford
1945Oberbürgermeister von Herford, stellvertretender Generalsekretär des Verwaltungsamtes des Wirtschaftsrates in Minden, Gründungsmitglied der CDU Westfalen
19462. Vorsitzender des Zonenausschusses der CDU
1946MdL Nordrhein-Westfalen
1947-1949Mitglied des Wirtschaftsrates
1949-1953MdB
1950-1952stellvertretender Vorsitzender der CDU
1951-1959Gesandter, ab 1957 Botschafter in Bern

Exemplarischer politischer Lebensweg

Obwohl er in der CDU/CSU zumindest kurzzeitig hohe Positionen bekleidet hat und kurz nach dem Krieg als ein „weitere[r] neue[r] Stern der Christlichen Demokraten“ gilt (Hans-Peter Schwarz), ist Friedrich Holzapfel heute nur noch Wenigen ein Begriff. Sein politischer Lebensweg indes kann, bei aller Individualität menschlichen Lebens, als in mehrfacher Hinsicht exemplarisch betrachtet werden:

  • als Beispiel dafür, wie die Erfahrungen des „Dritten Reiches“ jene politischen Kräfte stärkten, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts um die Annäherung von christlicher Bewegung und moderner Demokratie bemühten;
  • als Nachweis, wie diese Erfahrungen zur Entstehung einer christlich-demokratischen Volkspartei mit umfassendem Programm beitrugen;
  • als Beleg dafür, dass neben dem Blick auf die Protagonisten des Widerstandes gegen die NS-Diktatur auch die Beteiligten der „zweiten Reihe“ in die Betrachtung einbezogen werden müssen, um die Frage nach dem Einfluss antinationalsozialistischer Kräfte in der jungen Bundesrepublik angemessen beantworten zu können.

Herkunft und Werdegang

Friedrich Holzapfel wird am 20. Juli 1900 in Bielefeld geboren. Nach dem Abitur absolviert er ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Berlin, das er 1922 mit der Promotion abschließt. In dieser Zeit betätigt er sich in der evangelischen Christlich-Sozialen Bewegung, die sich nach dem Ersten Weltkrieg der Deutschnationalen Volkspartei anschließt. Da das vorrangige Ziel dieser Partei die Überwindung, nicht aber die Ausgestaltung der ungeliebten Republik darstellt, ist der politische Protestantismus in ihr zur weitgehenden Bedeutungslosigkeit verurteilt. 1926 wird Holzapfel Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bielefeld und ist von 1927 bis 1933 Mitglied des Bezirksverwaltungsgerichts Minden. Er nimmt in dieser Zeit keine politischen Mandate wahr, tritt aber als Redner in zahlreichen Handwerker- und Mittelstandsversammlungen auf.

Konflikte mit den neuen Machthabern

Bereits kurz nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler gerät Holzapfel in Konflikte mit den neuen Machthabern. Er wird aus dem Bezirksverwaltungsgericht entfernt und erhält Redeverbot. Da er sich der Gleichschaltung der Handwerkskammer widersetzt, wird er aus den Reihen der Bielefelder NSDAP als „deutschnationaler Verbrecher“ denunziert, der Nationalsozialisten „schikaniert und gemaßregelt“ habe. Eine Sekretärin, die „wegen ihrer nationalsozialistischen Gesinnung 1934 in die Telefonzentrale strafversetzt“ worden sei, sei „das Opfer des Lumpen Dr. Holzapfel geworden“. Als er Ende 1937 in seinem Zuständigkeitsbereich eine kritische Denkschrift rheinisch-westfälischer Industrieller zur Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten kursieren lässt, wird Holzapfel festgenommen und bleibt für zwei Monate in Haft. Zwar wird das Verfahren eingestellt, allerdings gelingt es der NSDAP, ihn seiner Position als Hauptgeschäftsführer der Kammer zu entheben. 1940 tritt Holzapfel als Teilhaber in die Piassabesen- und Bürstenfabrik August Werth in Herford ein.

Nach Angaben, die er nach 1945 in verschiedenen Lebensläufen und Briefen macht, ist er zu diesem Zeitpunkt in weitreichende oppositionelle Aktivitäten involviert. So habe er sich an den Bemühungen Jakob Kaisers und Wilhelm Leuschners um eine Zusammenfassung der antinationalsozialistischen gewerkschaftlichen Kräfte beteiligt, um sie dem Zugriff der „Deutschen Arbeitsfront“ zu entziehen. Später habe er „an einer größeren Zahl von Verhandlungen teilgenommen, in denen Gesetzentwürfe durchberaten wurden“, die die Gestaltung der Wirtschafts- und Finanzpolitik nach einem Sturz des NS-Regimes zum Gegenstand haben. Für den Fall eines erfolgreichen Staatsstreichs sei er in der Regierung Carl Goerdelers als Staatsekretär im Reichswirtschaftsministerium vorgesehen gewesen. Dokumentarische Belege hierfür ließen sich bisher nicht auffinden.

Eintreten für eine überkonfessionelle christliche Volkspartei

Das Siegerland und Ostwestfalen entwickeln sich nach dem Krieg zu einem evangelischen Kristallisationskern der CDU. Eine der zentralen Persönlichkeiten hierbei ist Friedrich Holzapfel, der am 10. Juni 1945 von den amerikanischen Besatzungstruppen zum Oberbürgermeister von Herford ernannt wird. Während maßgebliche evangelische Kreise gegenüber Plänen für eine christlich-demokratische Volkspartei eher skeptisch sind, hält Holzapfel das „Zusammengehen beider Konfessionen“ angesichts der „augenblicklichen sehr antichristlichen Bestrebungen“ für „unbedingt notwendig“. Am 2. September 1945 wird er auf der Gründungsversammlung der CDU Westfalen-Lippe zum Stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt.

Politischer Aufstieg in der frühen Nachkriegszeit

Als die CDU der britischen Zone sich am 22. Januar 1946 im Ratssaal der Stadt Herford trifft, wird Holzapfel wie die meisten anderen Delegierten vom oft geschilderten Ablauf der Sitzung überrumpelt, in der Konrad Adenauer als „Alterspräsident“ einfach die Gesprächsleitung übernimmt und seine Wahl zum Zonenvorsitzenden durchsetzt. Da es im Vorfeld Bestrebungen gibt, einen Vertreter des evangelischen Parteiflügels zu wählen, hat Holzapfel sich anscheinend selbst gewisse Chancen auf das Amt ausgerechnet. Er wird zum Stellvertreter Adenauers gewählt und trägt in der Folgezeit dazu bei, die CDU der britischen Zone zur neben der SPD schlagkräftigsten Parteiorganisation Westdeutschlands zu machen.

Eine wichtige Rolle in der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik spielt Friedrich Holzapfel als Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Frankfurter Wirtschaftsrat. Hier erfolgen wichtige Weichenstellungen: Neben der Verabschiedung von gesetzlichen Regelungen wie beispielsweise dem Lastenausgleich, die 1949 von der Bundesrepublik übernommen werden, fällt eine Vorentscheidung für die Soziale Marktwirtschaft. Ferner entsteht die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU und mit der Bildung einer „bürgerlichen“ Koalition in Abgrenzung zu den Sozialdemokraten ein parteipolitisches Koalitionsmuster, das bis in die 1960er Jahre hinein für den bundesdeutschen Parlamentarismus prägend bleibt. Diejenigen, die Holzapfel in Frankfurt erleben, loben seine vermittelnde Persönlichkeit, seine Arbeitskraft und Beredsamkeit, mit der er die Beschlüsse der Fraktion im Plenum durchsetzt.

Reibereien mit Adenauer

Das Verhältnis zu Konrad Adenauer indes ist seit Herford nicht ungetrübt. In der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 6. September 1949 bemängelt Holzapfel die bisherigen Koalitionsverhandlungen und die Personalpolitik des „Alten“, wirft ihm vor, FDP und Deutscher Partei bei den Ministerposten „reichlich, ja überreichlich“ entgegengekommen zu sein und kritisiert auch die Absicht, Theodor Heuss zum Bundespräsidenten zu wählen. Möglicherweise will er damit eine Diskussion in Gang setzen, ob nicht doch Adenauer der richtige Mann für das Präsidentenamt ist, weil er selbst mit der Übernahme des Kanzleramtes liebäugelt, das ihm evangelische Parteifreunde durchaus zutrauen. Adenauer jedenfalls reagiert mit ausgesprochener Schärfe und versteht es, jegliche Debatte abzubiegen. Den Widerspruch vor der Fraktion nimmt er Holzapfel offenbar übel und sorgt dafür, dass dieser sich mit der Position eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden zufrieden geben muss. Dennoch befürwortet Adenauer mit Blick auf das protestantische Wählerpotenzial die Wahl Holzapfels zu einem seiner Stellvertreter auf dem Goslarer Gründungsparteitag der Bundes-CDU im Oktober 1950.

Fast zeitgleich bietet sich für Friedrich Holzapfel noch einmal die Möglichkeit zur Übernahme eines Regierungsamtes, als der Kanzler ihm die Nachfolge des zurückgetretenen Bundesinnenministers Gustav Heinemann anträgt – möglicherweise mit dem Ziel, eine wichtige Persönlichkeit aus der durchaus unbotmäßigen Fraktion in die Kabinettsdisziplin einzubinden. Holzapfel lehnt unter Verweis auf seine fehlende Verwaltungserfahrung ab, was zum endgültigen Bruch führt. Adenauer schreibt ihm, die Ablehnung des Amtes, um dessen Übernahme er ihn „fast kniefällig stundenlang gebeten“ habe, sei „verletzend“ gewesen.

Karriereausklang im diplomatischen Dienst

Holzapfel wechselt in den diplomatischen Dienst und versieht von 1951 bis 1958 das Amt des Gesandten bzw. Botschafters der Bundesrepublik in der Schweiz. Zu einer peinlichen Situation kommt es im April 1958, als er seine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand nicht akzeptieren will und sich weigert, den Botschafterposten und sein Berner Domizil zu räumen. Bemühungen, ihm einen anderen Posten im Auswärtigen Dienst zu verschaffen, scheitern, so dass Holzapfel sich ins Privatleben zurückzieht. Er stirbt am 15. November 1969 während eines Aufenthalts in New York und wird in seiner Heimatstadt Bielefeld beigesetzt.

Friedrich Holzapfel gehört zu den Persönlichkeiten, die für Gründung und Festigung der Union als überkonfessioneller Volkspartei zumindest zeitweilig eine wichtige Rolle spielen, sich aber im Gerangel um die Spitzenpositionen in Partei und Staat dem Machtwillen und Durchsetzungsvermögen Adenauers ebenso wenig gewachsen zeigen wie der Überlegenheit von dessen politischer und taktischer Konzeption. Er, der angesichts seines raschen Aufstiegs in der Partei durchaus hochfliegende Ambitionen hegt, gehört letztlich zu den Verlierern jener „Ausscheidungskämpfe auf schäbigen Aschenbahnen“ (Hans-Peter Schwarz), die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Auch in dieser Hinsicht ist seine politische Laufbahn in gewisser Weise exemplarisch.

Literaturhinweise

Christopher Beckmann: Friedrich Holzapfel (1900 - 1969). Stellvertretender Vorsitzender der CDU. In: Günter Buchstab, Brigitte Kaff, Hans-Otto Kleinmann (Hg,): Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union. Freiburg 2004, S. 286–294.

Ders.: Friedrich Holzapfel (1900–1969). In: HPM 12 (2005), S. 129–155.

Christopher Beckmann