Katzer, Hans

* 31.01.1919 in Köln
18.07.1996 in Köln
Textilkaufmann, Bundesminister, Sozialpolitiker, rk.

Übersicht

1935Mittlere Reife
1937Kaufmannsgehilfenprüfung
1938-1945Arbeits- und Wehrdienst, zuletzt Leutnant und Kompanieführer
1945Eintritt in die CDU
1945-1949Beim Arbeitsamt in Köln als Vermittler und Dienststellenleiter, Mitglied des Betriebsrates
1950-1958Mitglied des Rates der Stadt Köln
1950-1963Hauptgeschäftsführer der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands (CDA)
1957-1980Mitglied des Deutschen Bundestages
1960-1980Mitglied des Bundesvorstands der CDU
1963-1977Vorsitzender der Sozialausschüsse der CDA
1965-1969Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung
1969-1979Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
1969-1980Stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU
1979-1984Mitglied des Europäischen Parlaments
1979-1982Vizepräsident des Europäischen Parlaments

Biographischer Werdegang

Hans Katzer gehört innerhalb der Union zu den prägenden Persönlichkeiten der Sozialausschüsse der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA). In der Rückschau scheint ihm dieser Weg fast vorgezeichnet gewesen zu sein. Geboren wurde Katzer am 31. Januar 1919 als Sohn des aus Böhmen stammenden, auf seiner Wanderung in Köln gebliebenen Schreinergesellen Karl Katzer. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon Verbandsgeschäftsführer der deutschen Kolpingfamilie und übernahm auch eine Redaktionsstelle beim „Kolpingblatt". Außerdem saß er als Mitglied der Zentrumsfraktion im Rat der Stadt Köln - eine für einen Handwerksgesellen beeindruckende Karriere. Er steht idealtypisch für die katholischen Arbeiterschaft, die sich kurz nach der Jahrhundertwende selbst organisierte und bei allen Schwierigkeiten mit Zentrumshonoratioren und der Amtskirche doch genug Raum fand, um innerhalb des politischen Katholizismus religiöse Prägung und soziale Interessen miteinander zu verbinden. Indikator für den sozialen Aufstieg der Familie ist, dass Hans Katzer das Realgymnasium besuchte und damit für eine akademische Ausbildung vorgesehen war - er selbst träumte davon, Architekt zu werden. Mit der Machtergreifung wurde freilich diese Entwicklung brutal beendet: Der Vater verlor mit der Gleichschaltung und Zerschlagung der christlichen Gewerkschaften Mandat und Stelle, der Sohn musste 1935 - als eines von sechs Kindern - aus finanziellen Gründen die gymnasiale Ausbildung abbrechen und die Höhere Fachschule für die Textilindustrie besuchen.

Die politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Familie dürften die innerhalb des Katholizismus sowieso gering entwickelten Neigungen, sich mit dem NS-Regime zu arrangieren, bei Katzer noch zusätzlich vermindert haben. Seine Funktion als Kölner Leiter des Bundes „Neudeutschland" bis zu dessen erzwungener Auflösung 1939 zeigt seine Resistenz gegenüber der NS-Ideologie. Sein Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg ist dazu kein Widerspruch - man war als deutscher Katholik deutscher Patriot, auch wenn man Hitlers Regime ablehnte: Die Vorstellung, das eigene Volk in einem Existenzkampf im Stich zu lassen und den Wehrdienst zu verweigern oder sich ihm durch Desertion zu entziehen, sind moralische Postulate, die sich erst nach den NS-Verbrechen entwickeln konnten. Katzer diente selbstverständlich als Soldat, erlitt am 8. Dezember 1941 vor Moskau einen lebensbedrohlichen Lungensteckschuss und wurde nach seiner Genesung zur Offiziersausbildung nach Metz kommandiert. Er beendete den Krieg im Rang eines Leutnants.

Nach dem Krieg regenerierten sich die Kommunikationsnetze innerhalb des katholischen Milieus in Köln, die auch in der NS-Zeit nie völlig zerstört waren, schnell. Nach kurzer Gefangenschaft, politisch unbelastet und aus einer Zentrumsfamilie kommend, wurde Katzer 1945 durch die Vermittlung von Johannes Albers, dem Mitgründer der Kölner CDU und führenden Kopf der katholischen Arbeiterbewegung in Köln, im Kölner Arbeitsamt untergebracht - in der Arbeitslosigkeit der Nachkriegszeit ein Berufsstart nach Maß. Dort avancierte er schnell zum Abteilungsleiter, zuständig für berufliche Weiterbildung und Umschulung. Auch sein privates Glück fand er in diesem Umfeld: Im Kölner Arbeitsamt lernte er Elisabeth, die Tochter des christlichen Gewerkschafters und späteren Bundesministers Jakob Kaiser, kennen, die dort ein Praktikum absolvierte. 1949 heiratete das Paar; aus der Ehe ging die Tochter Marietheres hervor.

Politisch erwies sich die Beheimatung im Arbeitnehmerflügel der Union, der er schon 1945 beigetreten war, als Sprungbrett für Katzers Karriere. 1950 in den Kölner Rat gewählt, übernahm er im selben Jahr auch die Geschäftsführung der Sozialausschüsse der CDA, eine Schaltstelle mit großem Gestaltungspotential, die er bis 1963 innehatte. Wie sein Mentor Albers und sein Schwiegervater Kaiser war Katzer ein Verfechter der Einheitsgewerkschaft und lehnte deshalb 1955 die Ausgründung der christlichen Gewerkschaften ab. Freilich engagierte er sich innerhalb des DGB immer für dessen Überparteilichkeit, was ihm noch 1972 einen Ausschlussantrag eintrug.

Als Vertreter des Arbeitnehmerflügels innerhalb der CDU wurde Katzer 1957 in den Bundestag und schon drei Jahre später in den Bundesvorstand der CDU gewählt. 1963 übernahm er nach dem Tod von Johannes Albers den Vorsitz der Sozialausschüsse der CDA und war damit „geborenes Mitglied" im engeren Führungskreis der Union. Folgerichtig wurde er 1965 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung im Kabinett Erhard. Angesichts der angespannten Haushaltslage stemmte er sich als Mitglied des „Streichquintetts", das Vorschläge zur Kürzung von Etatposten erarbeiten sollte, gegen tiefere Einschnitte ins soziale Netz und scheute hier im Oktober 1966 auch den Konflikt mit dem Kanzler nicht. Für die folgende Grosse Koalition empfahl er sich damit jedoch und sollte mit demselben Ressort wohl im Kalkül von Kiesinger und Barzel verhindern, dass die SPD sich im Kabinett zu sehr sozialpolitisch profilieren konnte.

Tatsächlich gelang es Katzer, wesentlichen Reformgesetzen eine spezifisch christdemokratische Prägung zu geben. Noch unter Erhard wurde der Einstieg in die von der christlichen Gewerkschaftsbewegung seit langem geforderte staatliche Förderung der Vermögensbildung erreicht, er engagierte sich für Volksaktien und die Verbesserung der Kriegsopferversorgung. Höhepunkt seiner legislativen Tätigkeit war sicherlich das Gesetz zur Arbeitsförderung 1969, das den Wandel der Bundesanstalt für Arbeit von einer reinen Auszahlungsbehörde zu einem Dienstleister mit weitgehenden arbeitsmarktpolitischen Kompetenzen einleitete. Absichern konnte Katzer diese Entwicklung personalpolitisch über das Ende der Grossen Koalition hinaus durch die Ernennung von Josef Stingl zum Präsidenten der Bundesanstalt.

Die Vorstellung, dass sich insbesondere in Katzers Amtszeit eine entscheidende Zäsur beim Übergang vom wohlfahrtstaatlichen Konzept zur aktiven Sozialpolitik festmachen lässt, ist zu hinterfragen: Schließlich ist der Wandel des vormodernen Fürsorgestaates zum Sozialstaat ein Prozess, der spätestens im Ersten Weltkrieg beginnt und mit den Hartz-Reformen noch nicht beendet ist, sich mithin über ein Jahrhundert erstreckt. Sicherlich richtig ist jedoch, dass Katzer, dem an einer Verzahnung von Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik lag, diese Entwicklung gesehen, bejaht und gezielt vorangetrieben hat.

Nach der Bundestagswahl 1969 schied Katzer aus dem Ministeramt, behielt aber durch den stellvertretenden Parteivorsitz und den stellvertretenden Fraktionsvorsitz seine politische Bedeutung. 1972 und 1976 gehörte er zu den Schattenkabinetten von Barzel und Kohl, obwohl er auf dem Hamburger Parteitag 1973 eine schmerzliche Niederlage hatte erleiden müssen: Das von ihm entwickelten „Katzer-Modell" sah bei der Mitbestimmung ein Gleichgewicht der Faktoren Kapital und Arbeit vor, der Vorschlag des Bundesvorstands, der bei Stimmengleichheit den Anteilseignern die Entscheidungsstimme gab, setzte sich jedoch durch. Außenpolitisch gehörte er zu der Minderheit innerhalb der Fraktion, die die Ostverträge befürwortete, wenngleich er sich aus taktischen Rücksichten im Bundestag der Stimme enthielt.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre begann Katzer die letzte Phase seiner politischen Laufbahn. 1977 gab er, nicht ohne Drängen der nachrückenden Generation, den Vorsitz der Sozialausschüsse auf. Der Gewerkschaftsarbeit blieb er allerdings erhalten, da er im selben Jahr maßgeblich an der Gründung der Europäischen Union Christlich-Demokratischer Arbeitnehmer beteiligt war, deren erster Präsident er auch wurde. 1979 zog Katzer noch für eine Legislaturperiode in das erste direkt gewählte Europäische Parlament ein. Aufgrund seines politischen Gewichts nahm er dort noch von 1979 bis 1982 die Funktion eines Vizepräsidenten war.

Die Wiedervereinigung stellte für ihn als Schwiegersohn Jakob Kaisers die Erfüllung eines Lebenstraums dar. Als Vorsitzender (bis 1994) der von ihm schon 1962 gegründeten Jakob-Kaiser-Stiftung veranlasste er die Errichtung von Tagungshäusern in Weimar und später in Brandenburg. Besonders Weimar schien ihm sowohl wegen der Haft seiner Frau - Elisabeth Katzer war als Tochter Jakob Kaisers als „Sippenhäftling" nach Buchenwald verschleppt worden - und wegen der Symbolkraft als Ort, an dem sich von der Weimarer Klassik bis zum KZ die gesamte Bandbreite menschlichen Handelns zeigte, besonders geeignet.

In den fast vierzig Jahren seiner aktiven politischen Laufbahn erfuhr Hans Katzer zahlreiche Ehrungen. Das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern, das ihm 1969 verliehen wurde, war wohl ebenso wie 1973 die höchste Stufe mit Schulterband in erster Linie als die Ehrung des erfolgreichen Bundespolitikers und Arbeitsministers zu sehen. Mit der Wahl zum Ehrenvorsitzenden der Sozialausschüsse 1977 wurde seine Arbeit für den Arbeitnehmerflügel in der Union gewürdigt, und der ihm 1987 vom DGB verliehene Hans-Böckler-Preis dürfte ihm eine besondere Genugtuung gewesen sein, stellte er doch quasi eine Wiedergutmachung für den Ausschlussantrag 1972 dar. Dass man Katzer freilich nicht allein auf seine gewerkschaftliche Arbeit reduzieren durfte, machte noch einmal die Verleihung des Ludger-Westrick-Preises 1988 deutlich: Der Kölner war eben immer auch ein Verfechter der Sozialpartnerschaft im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft.

Am 18. Juli 1996 verstarb Hans Katzer in Köln.

Literaturhinweise

G. Buchstab: Hans Katzer. Zur Erinnerung an einen rheinischen Sozialpolitiker, in: HPM 5 (1998); B. Frese: Anstöße zur sozialen Reform. Hans Katzer, die Sozialausschüsse und ihre Vorschläge zur Schaffung einer partnerschaftlichen Wirtschaftsordnung (2000); T. Mayer, in: U. Kempf/H.-G. Merz (Hg.), Kanzler und Minister 1949-1998 (2001).

Stefan Marx/Wolfgang Tischner