Kroll, Hans

* 18.05.1898 in Deutsch-Piekar (Oberschlesien)
08.08.1967 in Herrsching-Widdersberg (Oberbayern)
Dr. rer. pol., Diplomat, Botschafter, rk.

Übersicht

1918-1920Studium in Breslau, Greifswald und Jena, Promotion in Nationalökonomie
1920Mitarbeit im "Plebiszitkommissariat für Deutschland" in Oberschlesien; Eintritt ins Auswärtige Amt, Handelspolitische Abteilung
1921-1929Tätigkeit an diplomatischen Vertretungen in Portugal, Spanien, den UdSSR und den USA
1929-1936Sonderreferat W (Wirtschaft) im Auswärtigen Amt
1936-1943Botschaftsrat/Gesandter an der Botschaft in Ankara
1943-1945Generalkonsul in Barcelona
1947-1948Leiter des Sonderreferats F (Frieden) in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei
1950-1953Bundesministerium für Wirtschaft, Vertreter der Bundesrepublik beim Coordinating Committee (COCOM) der Embargoausschüsse in Paris, Leiter der Gruppe West-Ost
1953-1955Botschafter in Belgrad
1955-1958Botschafter in Tokio
1958-1962Botschafter in Moskau
1962-1963Berater der Bundesregierung für Ostfragen im Auswärtigen Amt

Biographischer Werdegang

Am 18. Mai 1898 kam er als Sohn des Volksschullehrers Hugo Kroll und seiner Frau Gertrud, geborene Schelina, zur Welt - in dem oberschlesischen Ort Deutsch-Piekar, dem heutigen Pekary Slaskie, nahe der damaligen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und dem Zarenreich. Nach seinem Studium in Breslau, Greifswald und Jena und der Promotion in Nationalökonomie 1920 kehrte Kroll nach Oberschlesien zurück und engagierte sich im Plebiszitkommissariat für Deutschland unter Kurt Urbanek. Dieses diente der Vorbereitung der vom Versailler Vertrag verfügten Volksabstimmung über die Zukunft Oberschlesiens und dem Werben für ein Verbleiben beim Deutschen Reich. Doch trotz einer dafür erreichten Mehrheit im Plebiszit am 20. März 1921 wurde die Provinz geteilt: Krolls Geburtsort Deutsch-Piekar fiel mit einem Teil Oberschlesiens an das wiedergegründete Polen.

Für Kroll persönlich lohnte sich sein Einsatz im Plebiszitkommissariat: Durch die während seiner Tätigkeit geknüpften Kontakte zu Politikern der Zentrumspartei, besonders zu Hans Herschel, gelang es dem jungen Mann noch 1920 als Attaché ins Auswärtige Amt aufgenommen zu werden. Dabei profitierte er auch von dem Bestreben des Zentrums, mehr Katholiken ins Außenministerium zu bringen, und der sogenannten Schülerschen Reform, die es auch Nichtjuristen ermöglichte, Diplomat zu werden.

Nach einer kurzen Tätigkeit in der Handelspolitischen Abteilung folgten zwischen 1921 und 1929 Stationen bei den diplomatischen Vertretungen des Deutschen Reichs in Lissabon, Madrid, Odessa, Chicago und San Francisco. Aber erst durch seine Arbeit im Sonderreferat für Wirtschaft unter Karl Ritter von 1929 bis 1936 konnte Kroll zum Legationsrat aufsteigen und sich beruflich durchsetzen.

Kurz bevor er als neuer Botschaftsrat 1936 an die Botschaft in Ankara ausreiste, heiratete Kroll Gisela Blanke, eine Nichte des Reichstagsabgeordneten des Zentrums August Crone-Münzebrock. Ab 1939 wirkte Kroll als Gesandter in der Türkei unter dem neuen Botschafter Franz von Papen, mit dem er zwar bei der Ausarbeitung des deutsch-türkischen Freundschaftsvertrags vom 18. Juni 1941 gut zusammenarbeitete, mit dem es aber zu persönlichen Differenzen kam. 1943 erfolgte die Versetzung Krolls; auf Bestreben seines ehemaligen Chefs, dem nunmehrigen Botschafter zur besonderen Verwendung Karl Ritter, wurde er zum Generalkonsul in Barcelona ernannt. Diese Posten in den neutralen Ländern Türkei und Spanien ermöglichten es ihm, sich und seine Familie ohne großen - auch moralischen Schaden - durch den Zweiten Weltkrieg zu bringen. Auf der einen Seite verweigerte ihm die NSDAP wegen Differenzen mit der Auslandsorganisation in Ankara die Aufnahme in die Partei, was die Karriere Krolls jedoch kaum beeinträchtigte. Auf der anderen Seite fehlen für seine von ihm selbst postulierten Beziehungen zu Widerstandskreisen die Belege.

Nach der Entlassung aus der Internierung 1946 trat Kroll rund um seinen neuen Heimatort Cloppenburg in Niedersachsen als Redner auf - im Auftrag der CDU in der britischen Besatzungszone, in deren Außenpolitischen Ausschuss unter der Leitung von Friedrich Holzapfel er 1947 berufen wurde. Im selben Jahr arbeitete in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Karl Arnold als Leiter des Sonderreferats F (Frieden). Durch seine Tätigkeit für die CDU kam Kroll auch in Kontakt zu Konrad Adenauer, der aber recht einseitig war und Anfang 1949 vorerst wieder abriss. Seine fehlende Verbindung zum baldigen ersten Bundeskanzler sowie Vorbehalte unter denjenigen seiner früheren Diplomatenkollegen, die bald den Wiederaufbau des Auswärtigen Amtes in die Hand nahmen, verwehrten Kroll vorerst eine Position in der Dienststelle für Auswärtige Angelegenheiten. Stattdessen gelang es ihm, 1950 vom Bundesministerium für Wirtschaft als Vertreter der Bundesrepublik beim Coordinating Committee (COCOM) nach Paris entsandt zu werden. Die dort installierten Embargoausschüsse sollten den Handelsboykott des Westens gegenüber den Ländern des Ostblocks koordinieren. Aus einem Einmannunternehmen baute Kroll in den nächsten drei Jahren die Gruppe West-Ost im Bundeswirtschaftsministerium auf, als deren Leiter er auch inoffizielle Gespräche mit Vertretern der von der Bundesregierung nicht anerkannten DDR führte.

Doch sein Ziel blieb die Rückkehr in den diplomatischen Dienst und vor allem durch die Fürsprache von Heinrich von Brentano und Franz Josef Strauß gelang es ihm, Anfang 1953 als Botschafter nach Belgrad entsandt zu werden. Seine Zeit in Jugoslawien war von dem Auf und Ab der bilateralen Beziehungen sowie einem erstaunlich guten Verhältnis des Botschafters zu Staatspräsident Tito geprägt. 1955 wechselte Kroll nach Japan. Die Jahre in Tokio nutzte Kroll vor allem, um aus dem - von ihm so empfundenen - diplomatischen Abseits auf den Posten seiner Wünsche zu kommen: dem des Botschafters in der Sowjetunion, um den er sich seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen beim Besuch Adenauers in Moskau 1955 wiederholt bemüht hatte. Tatsächlich konnte Kroll am 15. Mai 1958 in der sowjetischen Hauptstadt sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter der Bundesrepublik überreichen, womit er als diplomatischer Vertreter bei einer der vier Besatzungsmächte zu einem der wichtigsten Bonner Diplomaten dieser Zeit avancierte.

Es folgten unruhige Jahre: Zum einen begann am 27. November 1958 mit dem Ultimatum des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita S. Chruschtschows die sogenannte zweite Berlin-Krise, die ihren Kulminationspunkt am 13. August 1961 mit dem Beginn des Mauerbaus durch die geteilte Stadt erreichen sollte. Zum anderen trug Kroll durch meist ungedeckte Vorstöße, aufsehenerregende Gespräche mit Chruschtschow und Differenzen mit seiner vorgesetzten Behörde zur Beunruhigung der bilateralen Beziehungen durchaus bei. Dabei wurde er von Bundeskanzler Adenauer wechselnd gedeckt und bloß gestellt, analog zu dessen unterschiedlichen Bestrebungen in der Politik gegenüber der Sowjetunion in diesen Jahren.

Krolls eigensinniges Engagement gipfelte in einem unautorisierten Treffen mit Chruschtschow am 9. November 1961, in dem er einen eigenen Plan zur Lösung der Krise vorlegte, und schließlich in indiskreten Mitteilungen des Botschafters an Journalisten in Bonn am 13. Februar 1962. Selbst der Bundesminister für besondere Aufgaben, Heinrich Krone, und vor allem der Staatssekretär im Bundeskanzleramt, Hans Globke, die den Diplomaten stets unterstützt hatten, konnten nicht mehr verhindern, dass die Leitung des Auswärtigen Amts um den neuen Bundesaußenminister Gerhard Schröder und dessen Staatssekretär Karl Carstens jetzt die Abberufung des Moskauer Botschafters durchsetzte. Im September 1962 verließ Kroll Moskau endgültig. Während seiner anschließenden Tätigkeit als Berater der Bundesregierung für Ostfragen bis zu seiner Pensionierung im Mai 1963 konnte er keine Wirkung mehr entfalten. Zwar sprach Kroll im Frühjahr 1963 mit dem sowjetischen Botschafter in Bonn, Andrej Smirnow, über das von Adenauer am 6. Juni 1962 unterbreitete Angebot der Festschreibung des deutschlandpolitischen Status quo für zehn Jahre. Aber diese Wiederbelebung des sogenannte Burgfriedensangebots führte nur zu Spekulationen in der Presse und nicht zu handfesten Ergebnissen.

1965 ließ der pensionierte Diplomat sich noch in einem niedersächsischen Wahlkreis für die Bundestagswahl aufstellen, doch musste er seine Kandidatur vor allem aufgrund gesundheitlicher Probleme zurückziehen. Dafür widmete er sich in den nächsten Jahren der Abfassung seiner Memoiren, die sich nach ihrem Erscheinen 1967 monatelang auf der Bestsellerliste hielten. Doch das konnte Hans Kroll nicht mehr miterleben, er verstarb kurz vor der Veröffentlichung seiner Erinnerungen am 8. August 1967.

Literaturhinweise

Kroll, Hans: Lebenserinnerungen eines Botschafters. Berlin 1967. - Fuchs, Konrad: Hans Kroll (1898-1967). In: Schlesische Lebensbilder. Achter Band: Schlesier des 14. bis 20. Jahrhunderts, hg. von Arno Herzig. Neustadt an der Aisch 2004, S. 277-283; Kühlem, Kordula: „Burgfrieden": Die Bedeutung und Verwendung des Begriffs zwischen Bonn und Moskau 1958-1963, in: HPM 16 (2009), S. 37-55; Dies.: Hans Kroll (1898-1967). Eine diplomatische Karriere im 20. Jahrhundert (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte, Band 53). Düsseldorf 2008; Pape, Matthias: Hans Kroll, in: Ostdeutsche Gedenktage 1998. Persönlichkeiten und Historische Ereignisse. Bonn 1997, S. 141-145.

Link

Amtsantritt Hans Krolls als Botschafter in Moskau am 8. Mai 1958

Kordula Kühlem