Jean Monnet (Foto: Europäische Kommission)

Monnet, Jean

* 09.09.1888 in Cognac, Poitou-Charentes (Frankreich)
16.03.1979 Bazoches-sur-Guyonne, Dèpartement Yvelines bei Paris
Unternehmer, Wirtschaftsberater, Finanzier, Koordinator, rk.

Biographischer Werdegang

Jean Monnet stammt aus einer berühmten Kaufmannsdynastie (Cognac Monnet). Nach dem Schulabschluss arbeitet er zunächst in der elterlichen Weinhandlung und sammelt dann bei Aufenthalten in England und den USA, später auch in Polen und China, erste Auslandserfahrungen.

Im Ersten Weltkrieg arbeitet Monnet mit Briten und Amerikanern an der Einrichtung interalliierter Stellen mit dem Ziel, die Kriegsgüternachfrage zu koordinieren sowie das Transportwesen und damit die Versorgung der Truppen zu vereinfachen. 1920 übernimmt er im Alter von 32 Jahren das Amt des stellvertretenden Generalsekretärs des Völkerbundes und kehrt 1923, nach dem Tod seines Vaters, in das Familienunternehmen nach Frankreich zurück, um ihm zu neuer Blüte zu verhelfen. Zwischen 1932 und 1939 übernimmt Monnet dank seiner internationalen Erfahrungen verschiedene Beraterfunktionen im Ausland. Er geht als Beauftragter des Völkerbunds nach China und gestaltet dort das Eisenbahnnetz neu. In Rumänien und Polen hilft er bei der Umstrukturierung der Haushalte und erwirbt sich große Verdienste bei der Stabilisierung der Währungen. In San Francisco berät er bei der Gründung einer Bank.

Im Jahr 1934 heiratet Monnet die italienische Malerin Silvia de Bondini, aus der Ehe gehen zwei Töchter hervor. Ab Kriegsbeginn 1939 steht er an der Spitze eines alliierten Komitees, das die kriegswirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und Frankreich koordiniert. Daneben übernimmt er 1943 das Amt des Staatskommissars für Rüstung und Ernährung im französischen Befreiungskomitee in Algier.

Europäische Integration und Verständigung mit Deutschland

Nach dem Krieg ist Monnet in Frankreich Leiter des Planungsamtes, das ein umfassendes Modernisierungsprogramm für die französische Wirtschaft erarbeitet. Er entwickelt die Idee eines Zusammenschlusses der westeuropäischen Montanindustrie unter Einbeziehung des „Erbfeindes“ Deutschland und ist damit der erste Vertreter der alliierten Siegermächte, der dem besiegten Deutschland eine gleichberechtigte Rolle in einer supranationalen Zusammenarbeit anbietet. Die deutsch-französische Aussöhnung ist für Monnet wie auch für Bundeskanzler Konrad Adenauer die Voraussetzung für das Gelingen einer europäischen Integration und nützt auch eigenen nationalen Interessen. Durch seine guten Beziehungen zu US-Regierungskreisen trägt Monnet zur Annäherung der deutsch-amerikanischen Beziehungen bei.

Am 9. Mai 1950 verkündet der französische Außenminister Robert Schuman den so genannten „Schuman-Plan“, der vom geistigen Ursprung her eigentlich ein „Monnet-Plan“ ist. Immerhin wird Monnet Verhandlungsführer der Schuman-Plan-Konferenz, die zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) führt, die 1952 in Kraft tritt und Jean Monnet als Ersten Präsidenten der Hohen Behörde, des ausführenden Organs der EGKS, sieht. Die EGKS ist die erste europäische Gemeinschaft. Erstmals in der Geschichte der europäischen Integration gelingt die Umsetzung einer Einigungsidee in eine gemeinsame Institution. Als 1954 die Schaffung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) scheitert, verzichtet Monnet enttäuscht auf eine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt der Hohen Behörde. Er treibt die europäische Einigung aber weiter voran durch die Gründung eines „Aktionskomitees für die Vereinigten Staaten von Europa“ (1955) mit dem Ziel der politischen Union. Bis zu seinem Rückzug aus dem politischen Leben 1975 bleibt er dessen Vorsitzender.

Die „Methode Monnet“

Monnet verfolgt eine Integrationspolitik „der kleinen Schritte“, die schon im Schuman-Plan festgelegt ist. Die europäische Einigung soll ergebnisoffen und nur da vorangetrieben werden, wo eine Entwicklung gerade möglich ist. Die Methode Monnet folgt dem Konzept „des politischen Funktionalismus“, wonach Staaten dann zusammen wachsen, wenn einzelne Politikbereiche miteinander verbunden werden, verschmelzen und sich auf andere Bereiche übertragen („spill-over-effect“). Diese Theorie bleibt nicht unumstritten, in der Eurokrise gewinnt sie an Aktualität.

Auszeichnungen

Für sein europapolitisches Wirken werden Jean Monnet viele Ehrungen zuteil. Bereits in den 1950er Jahren macht das Time Magazine ihn zum „Mister Europe“, 1953 erhält er den Karlspreis der Stadt Aachen, 1959 das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 1963 die Freiheitsmedaille der USA durch Präsident John F. Kennedy. 1976 verleihen ihm die Staats- und Regierungschefs der EG-Länder den Titel „Ehrenbürger Europas“, den später nur noch Bundeskanzler Helmut Kohl erhält.

In Lausanne wird 1978 die Stiftung „Jean Monnet für Europa“ gegründet, die sich für die europäische Einigung einsetzt. Jean Monnet stirbt mit 91 Jahren am 16. März 1979 auf seinem Landsitz bei Paris. Seine sterblichen Überreste werden später auf Beschluss der französischen Nationalversammlung ins Pariser Pantheon überführt und dort in einem Ehrengrab bestattet.

Jean-Monnet-Lehrstuhl

Seit 1989 fördert die Europäische Union mit finanziellen Zuwendungen an Universitäten Lehrstühle, die sich intensiv mit der Europäischen Integration befassen. Die Auswahl trifft der Europäische Universitätsrat, der sich aus Rektoren und Europarechtsexperten europäischer Universitäten zusammensetzt. In Deutschland existieren Jean-Monnet-Lehrstühle insbesondere in den Bereichen Recht (Europarecht), Geschichte, Politik und Wirtschaft.

Literaturhinweise

Jean Monnet: Erinnerungen eines Europäers, München 1978 (Übersetzung der Autobiografie von 1976).
Eric Roussel: Jean Monnet 1888-1979, Paris 1996.
Wolfgang Wessels: Jean Monnet. Mensch und Methode, Wien 2000.
Franҫois Roth: L’invention de l’Europe. De l’Europe de Jean Monnet à l’Union européenne, Paris 2005.

Reinhard Schreiner