Röder, Franz Josef

* 22.07.1909 in Merzig
26.06.1979 in Saarbrücken
Romanist, Ministerpräsident, Dr. phil., rk.

Übersicht

1928Abitur in St. Wendel
1928-1932Studium der Romanistik und Geographie an den Universitäten Freiburg/Br., Innsbruck und Münster
1932Promotion an der Universität Münster
1937Eheschließung mit Magdalene Spieß (1917-2005)
1937-1945Auslandsschuldienst in den Niederlanden
1945Dolmetscher bei der Generaldirektion der deutschen Eisenbahnen in Speyer
1948Wiederanstellung als Lehrer in Neunkirchen
1951-1957Schulleiter des Realgymnasiums in Dillingen
1955Saarabstimmung
1955MdL Saarland
1957MdB
1957-1967Minister für Kultus, Unterricht und Volksbildung
1959nach dem Tod von Ministerpräsident Egon Reinert wird Röder zu seinem Nachfolger gewählt
1959Vereinigung von CDU und CVP; nach Reinerts Tod wird Röder auch Parteivorsitzender der CDU an der Saar (bis 1973)
1959wirtschaftlicher Anschluss der Saar an die Bundesrepublik Deutschland
1959-1960Präsident des Bundesrats
1961-1970Koalition von CDU und DPS/FDP
1962Grubenunglück in Luisenthal
1967Kohleanpassungsgesetz
1969Einführung der „Gemeinsamen Schule”
1969-1970Präsident des Bundesrats
1970-1977CDU-Alleinregierung
1974Abschluss der Verwaltungs- und Gebietsreform
1976Annahme der Verträge mit Polen im Bundesrat
1977Koalitionsregierung mit der FDP
1977-1978Stahlkrise
25.06.1979Ankündigung, aus der Politik auszuscheiden

Studium und Auslandsschuldienst
in Den Haag (1928-1945)

Aus einer Zentrumsfamilie stammend, entschied sich Franz Josef Röder nach dem Abitur 1928 für ein Studium der Romanistik und Geographie. Finanziell unterstützt vom älteren Bruder, einem Geistlichen, konnte Röder seine Eltern 1932 mit einer abgeschlossenen Promotion über französische Fürstenspiegel überraschen. Der Vater, ein Schulrat, verlor aufgrund der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus seine Stelle. Franz Josef Röder wurde wegen seiner Nähe zum politischen Katholizismus im ersten Anlauf bei einer Stellenbewerbung im deutschen Auslandsschuldienst abgelehnt, bekam dann aber 1937 eine Anstellung am deutschen Realgymnasium in Den Haag. Das damit verbundene Einkommen ermöglichte die Hochzeit mit seiner ehemaligen Schülerin, Magdalena Spieß. Die Atmosphäre in der deutschen Gemeinde in Den Haag war - obwohl es natürlich auch hier eifrige Parteigenossen gab - wesentlich freier als im Reich. Nach den Zeugnissen damaliger Bekannter, u. a. der späteren Familienministerin Aenne Brauksiepe, war Röder in seiner niederländischen Zeit dem resistenten katholischen Milieu zuzurechnen. Die Versuche politischer Gegner nach dem Krieg, eine NS-Belastung in jenen Jahren nachzuweisen, blieben ohne Ergebnis. Da Röder schwer herzkrank war, blieb ihm ein Dienst an der Waffe erspart; er erlebte das Kriegsende mit seinen nach Deutschland evakuierten Schülern.

Dolmetscher und Schulleiter (1945-1955)

1945 kehrte Röder zunächst nicht in das französisch besetzte Saarland zurück, sondern wurde für einige Jahre Chefdolmetscher bei der Generaldirektion der deutschen Eisenbahnen in Speyer. 1948 trat er eine Stelle als Lehrer in Neunkirchen an. Politisch klar im Katholizismus verortet, verschloss sich Röder dem Werben der Christlichen Volkspartei (CVP) des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann. Diesem schwebte ein innenpolitisch autonomes Saarland unter dem sicherheitspolitischen Protektorat Frankreichs vor, das die Keimzelle eines neuen Europa darstellen sollte. Röder begrüßte die Sozial- und die Schulpolitik der Regierung Hoffmann, die klar katholischen Vorstellungen entsprach, lehnte aber die Loslösungsbestrebungen von Deutschland ab, obwohl er als Romanist Zeit seines Lebens deutlich frankophil war. Diese Haltung war dem damaligen Kultusminister Erwin Müller bekannt, der Röder trotzdem 1951 zum jüngsten Oberstudiendirektor des Saarlands und Direktor des Realgymnasiums in Dillingen ernannte. In der illegalen CDU des Saarlandes engagierte Röder sich nicht offen, vermutlich mit Rücksicht auf seine dienstliche Stellung. Dies war auch gar nicht nötig, da sein vor Ort sehr einflussreicher Vater hier die Fäden zog und dafür sorgte, dass Röder bei der Legalisierung der CDU im Saarland 1955 im Vorfeld der Saarabstimmung gleich eine führende Position in der Partei einnehmen konnte.

Politischer Aufstieg (1955-1959)

Die Bevölkerung der Saar entschied sich in der Abstimmung 1955 mit großer Mehrheit gegen die von Adenauer und Hoffmann favorisierte Autonomie im europäischen Rahmen und für eine schnelle Angliederung an die Bundesrepublik Deutschland. Hoffmann trat daraufhin zurück und machte den Weg für Neuwahlen frei. Ein wenig glückliches Agieren der CDU-Spitze im Saarland und die durchaus verständlichen Aversionen innerhalb der CDU gegen die Mitglieder der ehemaligen Regierungspartei CVP führten dazu, dass es nicht zu einem schnellen Zusammenschluss von CVP und CDU kam. Röder wurde in den saarländischen Landtag gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehören sollte.

Innerhalb der Fraktion erarbeitete sich Röder sehr schnell den Ruf eines fairen Verhandlungspartners. Dass er ein politischer „Newcomer" war, erwies sich für ihn in der aufgeladenen Atmosphäre zwischen den beiden verfeindeten christlich-demokratischen Schwesterparteien als vorteilhaft, da er als Vertreter der „Bonner Gruppe" eine vermittelnde Position zwischen CDU und CVP einnehmen konnte. Nachdem die Führungsfigur der saarländischen Christdemokraten, Hubert Ney, durch seine Unversöhnlichkeit gegenüber der CVP politisch gescheitert war, bekam Röder von der Fraktion den Auftrag zur Regierungsbildung. Trotz seines Verhandlungsgeschicks konnte er aber keine Mehrheit sichern. Egon Reinert wurde deshalb zu Neys Nachfolger gewählt, in dessen Kabinett Röder als Kultusminister eintrat, ein Ressort, dem er bis 1965 vorstand. Nachdem Reinert 1959 überraschend den Folgen eines Verkehrsunfalls erlegen war, konnte Röder die Nachfolge für sich entscheiden und gleichzeitig die unter Reinert begonnene Aussöhnung mit der CVP fortsetzen, die in der Vereinigung beider Parteien mündete.

Die Saar zwischen Modernisierungsdefizit
und Strukturschwäche
der Montanindustrie (1959-1970)

Die 1955 beschlossene Wiederangliederung des Saarlandes an das Bundesgebiet sah eine zweijährige Übergangszeit vor, um die von französischen Beamten dirigistisch verwaltete Wirtschaft nicht sofort der vollen Wucht des Wirtschaftswunders auszusetzen. Trotzdem brachte die „kleine Wiedervereinigung" 1959 schon viele Probleme mit sich, die nach 1990 in den neuen Bundesländern ebenfalls zu beobachten waren: Die Versuche bundesdeutscher Industriebetriebe, sich Marktanteile im Saarland zu sichern, brachten die Öffentlichkeit auf, die Währungsdisparitäten führten zu preislichen Verzerrungen, und der Zusammenbruch unrentabler Betriebe zog eine erhöhte Arbeitslosigkeit nach sich. Zudem musste der gut ausgebaute Sozialstaat an der Saar auf bundesdeutsche Verhältnisse zurückgeführt werden, was in etlichen Fällen zu schmerzhaften Kürzungen führte. Röder versuchte die Folgen dadurch abzufedern, dass er in Bonn in größerem Umfang Subventionen für sein Bundesland einwarb. Er schaffte es auch, sich als Vermittler der Interessen der saarländischen Montanindustrie zu positionieren. Den großen Bergarbeiterstreik 1961 konnte er beenden, indem er im Bundeskabinett mit Adenauers Unterstützung die notwendigen Bundeszuschüsse für eine Lohnerhöhung von 8% durchsetzte.

Röders Verhältnis zu Adenauer gestaltete sich nach anfänglicher Zurückhaltung schnell vertrauensvoll, wozu seine demonstrative Loyalität, aber wohl auch sein Desinteresse an einer Rolle auf Bundesebene beitrug. Auch zu Erhard ergab sich ein Vertrauensverhältnis, ebenso zu Kiesinger. Bei letzterem setzte Röder 1969 den Ausbau der Wasserstrassen an der Saar allerdings nur mit der Androhung seines Rücktritts durch.

Das Saarland in den 1970er Jahren

Trotz der geschilderten Anpassungsprobleme verdoppelte sich in den 1960er Jahren das saarländische Bruttosozialprodukt, was wohl zusammen mit der schon etwas antiquierten, aber passenden Rolle Röders als Landesvater ein Hauptgrund dafür war, dass die CDU ab 1970 über die absolute Mehrheit der Mandate verfügen konnte. Röder hatte freilich auch darauf geachtet, durch eine vorsichtige Politik gegenüber ehemaligen CVP-Mitgliedern und eine Würdigung Hoffmanns die Spaltung der Christdemokraten weitest möglich beizulegen. Durch eine umfassende Gebietsreform 1973/74, die die Zahl der Gemeinden von 345 auf 50 reduzierte, versuchte Röder die Verwaltung zu modernisieren. In der ihm persönlich sehr am Herzen liegenden Frage der Konfessionsschule musste er 1970 der Gemeinschaftsschule zustimmen. Auf bundespolitischer Ebene stimmte Röder trotz deutlicher Bedenken 1976 im Bundesrat dem Vertrag mit Polen zu. Dazu beigetragen hatte auch, dass nach den Landtagswahlen 1975 die CDU eine von der FDP tolerierte Minderheitsregierung stellte, die dann 1977 in einer reguläre Koalition mündete. Die unübersichtliche politische Lage machte Röders Verbleiben im Amt nötig: sein designierter „Kronprinz" Werner Schäfer warf das Handtuch, und den Rückzug aus der Politik kündigte Röder erst am Tag vor seinem Tod an. Sein überraschender Tod durch Herzinfarkt am 26. Juni 1979 führte dazu, dass Werner Zeyer ihm schneller als geplant im Amt folgte.

Im persönlichen Umgang zeigte Röder Humor, bewahrte jedoch nach Aussagen von Mitarbeitern immer die Distanz eines Schuldirektors. Eher altmodisch, um nicht zu sagen altväterlich im Auftreten, gelang es ihm, die verfeindeten Flügel der christdemokratischen Bewegung an der Saar miteinander auszusöhnen und die CDU in den zwei Jahrzehnten seiner Regierungszeit an der Macht zu halten. Ambitionen aus Rheinland-Pfalz, die auf eine Angliederung der Saar zielten, zuletzt vom dortigen jungen Ministerpräsidenten Helmut Kohl ventiliert, wehrte Röder stets ab. Trotz aller Schwierigkeiten entwickelte sich das Saarland industriell weiter und festigte, ohne Bedrohung durch französische Begehrlichkeiten, seine Identität. Gemeinsam mit Johannes Hoffmann ist Franz Josef Röder deshalb einer der Begründer des Saarlandes.

Stefan Marx/Wolfgang Tischner