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Schuman, Robert

* 29.06.1886 Clausen (Luxemburg)
04.09.1963 Scy-Chazelles bei Metz
Jurist, Finanzminister, Ministerpräsident, Außenminister, Justizminister, Präsident des Europäischen Parlaments, Dr. iur., rk.

Übersicht

1904-1908Studium der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, politischen Philosophie, Theologie und Statistik in Bonn, München, Berlin und Straßburg
1910Promotion zum Dr. iur.
1912Zweites Staatsexamen
seit 1912Anwaltspraxis in Metz
1919-1940Abgeordneter der französischen Nationalversammlung
1940Unterstaatssekretär
1940-1942Verhaftung, Gefängnishaft und Internierung in Metz und Neustadt in der Pfalz
1942Flucht
1946-1947Finanzminister in den Kabinetten Bidault und Ramadier
22.11.1947-26.07.1948Ministerpräsident
1948-1953Außenminister in den Kabinetten Queille, Bidault, Queille, Pleven, Faure und Pinay
1950Vorstellung des Planes einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl
1955Justizminister
1958-1960Präsident der Parlamentarischen Versammlung der Europäischen Gemeinschaften in Straßburg

Familie und Ausbildung

Jean-Baptiste Nicolas Robert Schuman wird am 29. Juni 1886 in Clausen, einem Vorort von Luxemburg, in Lothringen geboren. Er bleibt Einzelkind. In der Familie wird das Fundament für sein späteres religiöses und politisches Leben gelegt. Ein fester Bestandteil seines Lebens ist von früh an der Besuch der Messe. Sein Vater, Jean-Pierre Schuman (1837-1900), stammt aus Frankreich, nach der teilweisen Annexion Lothringens durch das Deutsche Reich 1871 wird er zum Reichsdeutschen. Seine Mutter, Eugénie Duren (1864-1911), stammt aus Luxemburg. Nach dem frühen Tod ihres Mannes widmet sich die Mutter ganz der Ausbildung und Erziehung ihres Sohnes. Als sie 1911 durch einen Unfall zu Tode kommt, überlegt Schuman, Priester zu werden, schlägt dann jedoch den Weg des engagierten Laien in der Kirche ein. Er heiratet nie.

Ihn prägt der in Luxemburg übliche Unterricht in lëtzeburgischer, deutscher und französischer Sprache. Die mehrsprachige Ausbildung befähigt Robert Schuman, sich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich beruflich zu etablieren.

Als Schuman im Sommer 1903 die Reifeprüfung ablegt - das Examen de maturité -, stellt sich für ihn nicht nur das Problem der Berufswahl, sondern auch das seiner Zukunft im weitesten Sinne. Am 19. August 1903 ersucht er das Kaiserliche Gymnasium in Metz, ihn in die 13. Klasse aufzunehmen. Zur Begründung gibt er an: „Um mein Studium in Deutschland fortzusetzen". Dieses zusätzliche Schuljahr ist notwendig, um mit dem Abitur die Hochschulreife für das Studium der Rechtswissenschaft in Deutschland zu erlangen.

Studium

Im Sommer 1904 immatrikuliert er sich an der Universität Bonn. Dort studiert er nur ein Semester, geht dann für je ein Jahr nach Berlin und München und schreibt sich im Wintersemester 1906 in Straßburg ein. Er studiert Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, politische Philosophie, Theologie und Statistik. In Berlin und München hört er Nationalökonomie bei Adolf Wagner, Gustav Schmoller und Lujo von Brentano. Bei Ulrich von Wilamowitz-Möllendorf ist er für griechische Staatslehre, bei Georg von Hertling für Staatsphilosophie eingeschrieben. Am 28. Februar 1908 legt er in Straßburg den ersten Teil des Staatsexamens ab und beginnt seine Referendarzeit zunächst am Amtsgericht Illkirch-Grafenstaden, dann wechselt er zum Landgericht und zur Staatsanwaltschaft Straßburg. Weitere Stationen seiner Referendariatszeit sind zwei deutsche Anwaltskanzleien und das Bezirkspräsidium in Metz. Am 26. Februar 1910 legt er in Straßburg die mündliche Doktorprüfung ab und wird mit einer zivilrechtlichen Arbeit über „Streitbefangenheit und Rechtsnachfolge als Voraussetzungen der Paragraphen 265 und 266 der Zivilprozessordnung" zum Dr. iur. promoviert.

1910 tritt Schuman der Görres-Gesellschaft, 1912 dem „Volksverein für das katholische Deutschland" bei.

Unitas

1904 wird Schuman in Bonn Mitglied der katholischen Studentenverbindung Unitas-Salia. Der Wahlspruch des Unitas-Verbandes lautet „In necessaris unitas, in dubio libertas, in omnibus caritas": Im Notwendigen die Einheit, im Zweifel die Freiheit, in allem die Nächstenliebe. Die Unitas ist der älteste katholische Studentenverband. Sein Ziel: die studentische Jugend mit dem Gedanken des christlichen Dienens und der katholischen Soziallehre vertraut zu machen. Stärker als andere katholische Studentenverbände ist die Unitas am geistlich-religiösen Leben ihrer Mitglieder interessiert. Vom Gründer Ludger Potthoff, dem Leiter eines Waisenhauses in Dresden, bis hin zu Franz Hitze, Heinrich Pesch SJ, Josef Mausbach und Paul Jostock, zieht sich der Kreis der Verbandsmitglieder, die im deutschen Sozialkatholizismus bis in die Gegenwart eine repräsentative Rolle spielen. Robert Schuman steht in der Tradition des Verbands und hat davon wesentliche Anregungen empfangen. Seine Mitgliedschaft fällt in eine Zeit besonderer Vitalität der Unitas-Vereine. 1905 ist er in der Unitas-München aktiv, 1906 bei der Unitas-Arminia zu Berlin und bis zu seinem Studienabschluss bei der Unitas-Straßburg.

Berufliche und katholische Verbandstätigkeit

Im Juni 1912 wird Schuman in die Anwaltschaft von Metz aufgenommen. Sein Büro bezieht er am Kaiser-Wilhelm-Ring 5. Er ist in Lothringen einer der wenigen einheimischen Rechtsanwälte. Sein außerberuflicher Einsatz steht ganz im Dienste der katholischen Organisationen. Während seines Studienaufenthaltes in Deutschland lernt er über seine Freunde von der Unitas die Einrichtungen des sozialen deutschen Katholizismus kennen. 1912 hält er zwei Vorträge vor dem lothringischen Caritasverband. Themen sind die „Erziehung der verwahrlosten Jugend nach der Gesetzgebung von Elsass-Lothringen" und „Öffentliche Einrichtungen für die verwahrloste oder straffällig gewordene Jugend".

Schuman ist mitverantwortlich für die Vorbereitung und die Organisation des Katholikentags in Metz 1913. Er profiliert sich als verlässlicher kirchlicher Mitarbeiter und wird vom Metzer Bischof Willibrord Benzler OSB zum Vorsitzenden der katholischen Jugendverbände im Bistum Metz ernannt. Seine Begeisterung für den Hl. Benedikt von Nursia und dessen Leitspruch „Ora et labora" bilden den Maßstab für Schumans geistliches und weltliches Leben. Seine Bindung an das Benediktinische beruht auf dem engen Kontakt zum Metzer Bischof, dem ehemaligen Abt von Maria Laach, den Einkehrtagen in Maria Laach unter der geistlichen Leitung des späteren Abtes Ildefons Herwegen wie auch auf zahlreichen Aufenthalten in verschiedenen Benediktinerabteien: Clervaux in Luxemburg, St. Martin de Ligugé bei Poitiers und En-Calcat in Südfrankreich. In Maria Laach lernt er 1913 die aufkeimende liturgische Bewegung kennen. Dort begegnet er auch dem späteren deutschen Reichskanzler Heinrich Brüning.

Erster Weltkrieg und Einstieg in die Politik

Obwohl Schuman 1908 aus gesundheitlichen Gründen ausgemustert worden ist, bleibt er von der Mobilisierung im Ersten Weltkrieg nicht verschont. Im XIII. Armierungsbataillon setzt man ihn als Schreiber in einer Schreibstube ein. Im Juli 1915 wird er als Zivilbeamter ans Bezirkspräsidium Boulay detachiert. Hier hat er sich um die Verwaltung sequestrierter Güter zu kümmern, deren Besitzer zum Teil in Frankreich leben. Die Kriegszeit verbringt er auf diese Weise in Lothringen.

1919 nimmt er die französische Staatsbürgerschaft an und wird im Alter von 33 Jahren am 8. Dezember 1919 Abgeordneter für den Wahlkreis Diedenhofen (Thionville) in der französischen Nationalversammlung. Das politische Mandat sieht er als eine Aufgabe des Laienapostolats an. In der Dritten Französischen Republik (1920-1940) hat er keine Chance, mit einem eigenen politischen Konzept bekannt zu werden. Er engagiert sich für die Einführung des französischen Zivil-, Handels- und Schulrechts in Elsaß-Lothringen. Durch seine Arbeit in der Finanzkommission sammelt er Erfahrungen, die ihm in seinen politischen Ämtern nach 1945 von großem Nutzen sein werden.

Widerstand im Zweiten Weltkrieg

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ist Robert Schumann Unterstaatssekretär in der französischen Regierung. Während des Krieges ist er im französischen Widerstand aktiv und wird von der Gestapo gefangen genommen. Er entkommt nur knapp dem Konzentrationslager Dachau und flüchtet in die „freie" Zone Frankreichs, wo er beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht untertaucht. Insgesamt drei Jahre verbringt er im Untergrund.

Baumeister Europas

Nach der Befreiung Frankreichs kehrt Robert Schuman am 21. November 1944 nach Lothringen zurück, 1945 wird er als Abgeordneterdes neu gegründeten christlich-demokratischenMouvement républicain populaire(MRP) erneut in die Französische Nationalversammlung gewählt. Ein Jahr später wird er überraschend zum französischen Finanzminister ernannt. In diesem Amt gelingt es ihm, die Entwertung des Francs aufzuhalten. In einer von Streiks und politischen Unruhen gekennzeichneten Krisensituation amtiert er von November 1947 bis Juli 1948 als Ministerpräsident der Vierten Französischen Republik. Innenpolitische Schwierigkeiten zwingen ihn zum Rücktritt. In der nächsten Regierung unter André Marie übernimmt Schuman das Außenministerium, dieses Amt behält er über die folgenden neun Regierungswechsel hinweg. Von 1948 bis 1952 leitet er die französische Außenpolitik in neue Bahnen und gibt ihr ein europäisches Profil. Aus Betroffenheit über die Leiden der Menschen in Europa während des Zweiten Weltkriegs greift Robert Schuman als Außenminister die ursprünglich von Aristide Briand und Gustav Stresemann geschmiedeten Pläne zur europäischen Einigung wieder auf.

Für Schuman ist die nationale Zersplitterung Europas ein widersinniger Anachronismus. Er plädiert für die Schaffung einer europäischen Gemeinschaft von Nationen, die sich trotz ihrer Unterschiede zu gegenseitigem Schutz und konstruktiver Zusammenarbeit verpflichten. Die Einigung Europas ist für ihn kein von außen her auferlegter Zwang, sondern ergibt sich durch die wachsende Abhängigkeit der Staaten voneinander. Schuman wird zu einem zentralen Verhandlungsführer im Prozess der Europäischen Einigung. Er ist Mitunterzeichner der Satzung des Europarats am 5. Mai 1949 und des Nordatlantikvertrags vom 4. April 1949. Als Vertreter Frankreichs unterzeichnet er am 4. November 1950 die Europäische Menschenrechtskonvention. Seine Politik zielt auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Staaten des westlichen Bündnisses und auf die Einigung Europas. Als einer der Baumeister Europas geht Robert Schuman in die Geschichte ein.

Der Schuman-Plan

Schuman greift den von Jean Monnet, dem Leiter des französischen Kommissariats für Wirtschaftsplanung, und seinen Mitarbeitern entwickelten Plan zur Gründung einer supranationalen hohen Behörde auf. Am 9. Mai 1950 schlägt er in einer Rede im Salon de l'Horloge des Quai d'Orsay die Schaffung einer Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vor, deren Mitglieder ihre Kohle- und Stahlproduktion zusammenlegen sollten. Vor der Verlesung seines Vorschlags hat Schuman den US-Außenminister Dean Acheson und Bundeskanzler Konrad Adenauer informiert. Ein Kurier Schumans überbringt Adenauer den Vorschlag des französischen Außenministers. Adenauer begrüßt den Gedanken „als einen entscheidenden Schritt zu einer engen Verbindung Deutschlands mit Frankreich und damit zu einer neuen, auf der Grundlage friedlicher Zusammenarbeit aufgebauten Ordnung in Europa".

Um weiteren Kriegen vorzubeugen, einigen sich die Gründungsmitglieder der EGKS (Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Belgien und Luxemburg) im Vertrag von Paris am 18. April 1951 darauf, ihre Kohle- und Stahlproduktion zusammenzulegen. Auf diese Weise wollen sie auch die Jahrhunderte alte Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland beenden. Sie gehen davon aus, dass ein wirtschaftlicher Zusammenschluss eine allgemeine Erhöhung des Lebensstandards zur Folge haben wird. Mit der Gründung der EGKS ist ein wichtiger Schritt zur Vereinigung der Europäischen Nationen getan. Die Mitgliedschaft in der Gemeinschaft steht auch anderen Ländern offen. Die EGKS, auch Montanunion genannt, ist die erste einer Reihe supranationaler europäischer Institutionen, die schließlich zur heutigen Europäischen Union wird.

Auch der Plan des französischen Ministerpräsidenten René Pleven zur Gründung einer „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft" (EVG), den dieser am 24. Oktober 1950 vorlegt, ruht auf Vorschlägen Schumans. Für eine gemeinsame Armee der Mitgliedstaaten der EGKS ist die Zeit jedoch noch nicht reif. Die EVG scheitert, ebenso wie der Plan zur Gründung einer Europäischen Politischen Gemeinschaft, bei der Abstimmung am 30. August 1954 in der Französischen Nationalversammlung.

Rücktritt und letzte Lebensjahre

1952 setzten schärfere Angriffe gegen Schumans Außenpolitik von gaullistischer Seite ein. Umstritten ist vor allem seine kompromissbereite Haltung in der Saarfrage. Als das Kabinett Pinay im Dezember 1952 geschlossen zurücktritt, verzichtet auch Schuman auf sein Amt als Außenminister. 1955 wird er für knapp ein Jahr als Justizminister erneut in die französische Regierung berufen.

Im März 1958 wird Schuman einstimmig zum Präsidenten der Parlamentarischen Versammlung der Europäischen Gemeinschaften, dem späteren Europäischen Parlament, gewählt, 1960 wird er Ehrenpräsident. 1958 wird ihm der Internationale Karlspreis zu Aachen zuerkannt, verliehen in Anerkennung seiner großen Verdienste um erste praktische Grundlagen der europäischen Föderation. Die gemeinsame Zukunft Deutschlands und Frankreichs in Friede und Sicherheit hat Robert Schuman mitgestaltet.

Robert Schuman bereist Europa, um in zahllosen Vorträgen für die Einigung zu werben. Schweren Herzens muss er zusehen, wie General de Gaulle sich von seiner Politik und seinen Idealen abwendet.

Am 4. September 1963 stirbt Robert Schuman in Scy-Chazelles bei Metz nach längerem Leiden.

Ein Seligsprechungsprozess der katholischen Kirche für den französischen Staatsmann und „EU-Gründervater" Robert Schuman wurde 2004 auf Diözesanebene in Metz abgeschlossen und ist seitdem im Vatikan anhängig.

Markus Lingen