Hans-Peter Schwarz, 1986. (Quelle: KAS/ACDP, Odehnal)

Schwarz, Hans-Peter

* 13.05.1934 Lörrach
Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Publizist, Professor, Dr. phil.

Biographischer Werdegang

Der Politikwissenschaftler, Zeithistoriker und Publizist Hans-Peter Schwarz hat mit Darstellungen über die Anfangsjahre der Bundesrepublik Deutschland und Biographien über Konrad Adenauer, Helmut Kohl und Axel Springer die Zeitgeschichtsschreibung maßgeblich geprägt.

Steter Forschungsdrang

Schwarz gehört zu den Ordinarien der alten Schule. Stetes Erkenntnisinteresse, die Leidenschaft, unbequemen Fragestellungen nachzugehen, Altbekanntes neu zu überdenken, bekannte Antworten im Lichte neuer Quellen und Fakten zu überprüfen – das ist sein Antrieb. Die jüngere Geschichte Deutschlands, ihre vielfältigen Entwicklungen in der Innen-, Außen- und Deutschlandpolitik haben ihn ebenso fasziniert wie die Entwicklungen in Europa, der Ost-West-Konflikt und die Fragen der internationalen Ordnung. Schwarz geht den Dingen auf den Grund und hofft, die Handlungsweisen politischer Persönlichkeiten in ihren jeweiligen Zeitumständen besser erklären zu können. Niemand anders in der deutschen Politik- und Zeitgeschichtsforschung hat so nachdrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen, Akteure in ihrer Konstellation mit all den auf sie einstürzenden Ereignissen und inneren Widersprüchen zu analysieren. Aus dieser Perspektive entstanden die voluminösen Werke über das Leben des Gründungskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, und dem Kanzler der deutschen Einheit und europäischen Integration, Helmut Kohl. Mit seiner Neigung, sich dem Leser mit verständlicher Sprache mitzuteilen und dabei teils journalistisch, teils feuilletonistisch Fragen der Zeit auf die spitze Feder zu nehmen, hat er Maßstäbe für die Vermittlung komplexer und komplizierter zeithistorischer Sachverhalte gesetzt.

Germanistik oder Journalistik?

Hans-Peter Schwarz kommt als Sohn eines Pädagogen in der kleinen Kreisstadt Lörrach im Markgräflerland auf die Welt. 1953 legt er am örtlichen humanistischen Hebel-Gymnasium die Reifeprüfung ab. An der Universität des Nachbarortes Basel, wo einst Jakob Burckhardt lehrte, beginnt er das Studium der Geschichte, Germanistik und Romanistik. Vorlesungen weithin berühmter Gelehrter wie Karl Barth, Karl Jaspers, Werner Kaegi oder Edgar Salin beeindrucken ihn, nicht minder der Germanist Walter Muschg. Nach einem Abstecher an die Pariser Sorbonne wechselt Schwarz zur Universität Freiburg im Breisgau und wird bald Assistent und Doktorand bei Arnold Bergstraesser, dem Doyen der Politischen Wissenschaft in der jungen Bundesrepublik. Dass Schwarz auch immer wieder soziologischen Fragestellungen nachgeht, hat er bei Heinrich Popitz gelernt. Mit gerade 23 Jahren wird er im Februar 1958 mit einer Dissertation über Ernst Jünger, den er als „Konservativen Anarchisten“ bezeichnet, zum Doktor der Philosophie promoviert. Angesichts seines Faibles für Literatur schwankt der Beamtensprössling zwischen dem Lehrerberuf, der existentielle Sicherheit bietet, und der Journalistik. Vorsichtshalber macht er 1960 das Staatsexamen in Germanistik und schließt als Bester des Studienjahrgangs ab.

Steile Wissenschaftskarriere

Nach der Hochzeit mit Annemie Keller 1961 – aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor – habilitiert Schwarz. Vor dem Hintergrund von Berlinkrise, Mauerbau und damals aktueller „Fischer-Kontroverse“ über die Kriegsschuldfrage Deutschlands 1914 untersucht er die Rolle der Alliierten bei der Teilung Deutschlands nach 1945 und die Vorstellungen deutscher Politiker über die Zukunft des Deutschen Reiches. Es geht ihm darum, das Ineinanderwirken von internationaler Konstellation, geistigen Strömungen und praktischer Politik systematisch zu erfassen. Dabei wirft er mit einiger Unbefangenheit Fragen auf, die vor ihm noch keiner zu stellen wagt. Ältere Wissenschaftler sind da noch viel zu sehr mit der Rechtfertigung ihrer Verfehlungen in der braunen Vergangenheit beschäftigt. Schwarz entwickelt bereits 1963 ziemlich klare Vorstellungen, wie man den Muff unter den Talaren der Spektabilitäten entlüften kann: Leistungsbereitschaft, hohe Anforderungen an die Studenten, disziplinierte Fachausbildung durch gestrafftes Studium, gemixt mit einem gewissen Elitebewusstsein. Kurzum: Bildung durch Aneignung großen Fachwissens, kombiniert mit außerfachlichen Aktivitäten, die auf den Beruf vorbereiten, lautet sein Rezept für die neu zu gründenden Fakultäten in Deutschland. Die Anregungen finden bei einem Preisausschreiben der Zeitung „Christ und Welt“ so viel Anklang, dass ihm dafür der erste Preis und der stolze Betrag von 4.000 DM zuerkannt werden. So arrivierte Wissenschaftler wie den Münsteraner Soziologen Helmut Schelsky und den in Erlangen tätigen Waldemar Besson verweist Schwarz bei dem Wettbewerb auf die Plätze.

Der erste Ruf

Noch bevor Schwarz seine Habilitationsschrift „Vom Reich zur Bundesrepublik“, das künftige Standardwerk zur Nachkriegsgeschichte, fertiggestellt hat, wird ihm bereits im gleichen Jahr ein Lehrstuhl an der Pädagogischen Hochschule in Osnabrück angeboten. Wissenschaftlicher Nachwuchs ist rar in Deutschland. Nach dem plötzlichen Tod Bergstraessers setzte Schwarz seine Habilitation bei Theodor Eschenburg in Tübingen fort. Mit 32 Jahren zählt er damals zu den jüngsten Professoren Deutschlands. In relativ kurzer Zeit wächst Schwarz ein Renommee zu, dessen sich andere Professoren erst gegen Ende ihres Arbeitslebens erfreuen dürfen. Wilhelm Hennis, den die Zunft Mitte der 1960er Jahre ebenfalls zu den Senkrechtstartern rechnet, ebnet Schwarz 1966 den Ruf an die Universität Hamburg, wo er den Lehrstuhl von Siegfried Landshut übernimmt. Auf seine Unterstützung und Förderung können fortan vor allem solche Studierenden zählen, die wissenschaftlichen Ehrgeiz mitbringen. Ihre politische Couleur spielt dabei keine Rolle.

Von Hamburg über Köln nach Bonn

Zum 1. Oktober 1973 wird Schwarz von Hamburg auf den Lehrstuhl von Ferdinand A. Hermes am Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft der Universität zu Köln berufen, den Anfang der 1950er Jahre der ehemalige Reichskanzler Heinrich A. Brüning innegehabt hat. Nach 14-jähriger Tätigkeit folgt Schwarz am 1. April 1987 dem Ruf auf den Lehrstuhl für Wissenschaft von der Politik und Zeitgeschichte des emeritierten Karl-Dietrich Bracher am Seminar für Politische Wissenschaft der Universität Bonn. Schwarz sitzt unmittelbar am Ort des politischen Geschehens in der damaligen Bundeshauptstadt, bis er 1999 selbst emeritiert wird. Am 20. September 1984 wird er Mitglied der Konrad-Adenauer-Stiftung und gehört seitdem auch dem Vorstand an. Mit seinen großen Kenntnissen außenpolitischer Zusammenhänge prägt Schwarz fortan die Arbeit des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik als Vorsitzender des Wissenschaftlichen Direktoriums. Zugleich ist er Mitglied der Kommission für Parlamentarismus und Fragen der politischen Parteien in Bonn und leitet den Wissenschaftlichen Beirat des Instituts für Zeitgeschichte in München. Neben Bracher tritt er 1978 in den Kreis der Herausgeber der renommierten „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ und gehört bis 2013 mit Rudolf Morsey zu den Herausgebern der Nachlassedition „Adenauer Rhöndorfer Ausgabe“. Das Auswärtige Amt beauftragte ihn 1987 mit der Funktion des Hauptherausgebers der „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“. Zugleich beruft ihn die Bundesministerin für innerdeutsche Beziehungen, Dorothee Wilms, in die Wissenschaftliche Leitung der Edition „Dokumente zur Deutschlandpolitik“.

Kärrnerarbeit bundesdeutscher Geschichtsschreibung

Schwarz ist ein Vertreter des historiographischen Verstehens, gepaart mit einem kritischen Blick dafür, Vordergründiges von den eigentlichen Antriebskräften zu unterscheiden. Mit den beiden gewichtigen Bänden zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, die Anfang der achtziger Jahre über die „Ära Adenauer“ erscheinen, leistet Schwarz Kärrnerarbeit bundesdeutscher Geschichtsschreibung. Die Gesamtsicht innen- und außenpolitischer Vorgänge, der wirtschaftlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderungen, eben die Erklärung des Wandels, den das westliche Deutschland von der brüchigen Welt der 1940er Jahre zu einem modernen Industriestaat durchgemacht hat, besticht. Vor allem lassen seine Modernitätsthese, mit der er Adenauers Politik der 1950er Jahre erklärt, Ausführungen zum Zeitgeist und über die außenpolitischen Denkschulen die Weichenstellungen jener Zeit in einem bislang weitgehend unbekannten Licht erscheinen.

Der Adenauer-Biograph

Mit seiner zweibändigen Lebensgeschichte über Konrad Adenauer belebt Schwarz außerdem erfolgreich ein in Deutschland kaum noch gepflegtes Genre: die historische Biographie. Antrieb ist für ihn zum einen das unklare Bild Adenauers vor 1945, aber auch die Herausforderung, einen großen Staatsmann in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen und für jedermann verständlich wiederzugeben. Es sei eine besondere Schwierigkeit, für einige Zeit ein schizophrenes Leben zu führen, Subjekt und Objekt zur gleichen Zeit zu sein, in der die Uhren verschieden gehen, schildert der Biograph nach vollbrachter Tat seine Beweggründe im „Frankfurter Allgemeine Magazin“. Mit Liebe zum Hauptdarsteller, aber nicht ohne Distanz und Einfühlungsvermögen, gespickt mit kraftvollen Urteilen und seiner großen literarischen Darstellungskunst zeichnet Schwarz das Lebensbild des Gründungskanzlers der Bundesrepublik in allen seinen schillernden Facetten. Die Stadt Münster erkennt ihm dafür 1988 den Historiker-Preis zu.

In das Chaos Ordnung bringen

In seinem Nachwort zum zweiten Band der „Ära Adenauer“ betont Schwarz, dass „es immer erst der Betrachter ist, der in das Chaos Ordnung zu bringen hat“. Wer um seine Neigung weiß, Politik in den Kategorien der Macht und der Mächtigen zu sehen, ist kaum erstaunt gewesen, wie sehr es ihn gereizt hat, „Das Gesicht des Jahrhunderts“ zu zeichnen. Er zieht Bilanz der „Monster, Retter und Mediokritäten“, die das ausgehende 20. Jahrhundert beherrscht haben: Wirklichen Gründergestalten, Zerstörern großer Imperien, zum Abdanken gezwungenen Monarchen, vermeintlichen Heilsbringern und Tunichtguten wird auf den Zahn gefühlt; es werden aber auch die Appeasement-, Entspannungs- und Verständigungspolitiker, die sich um wirklichen Frieden, Stabilität und durchgreifende Modernisierungen verdient gemacht haben, kritisch beäugt. Vergangenes, Zeitgeschichtliches und Gegenwärtiges in der Perspektive des Grundsätzlichen zu betrachten sieht Schwarz als seine Aufgabe an. Ein Blick auf das umfangreiche Œuvre seiner Veröffentlichung macht deutlich: Er ist nicht nur Politikwissenschaftler und Zeithistoriker, sondern ebenso Essayist und Kolumnist, der sein Metier beherrscht. Die Vermittlung seiner Erkenntnisse hat er nie ausschließlich auf das fachspezifische Schrifttum beschränkt. Zu den Aufgaben des Politikwissenschaftlers zählt für ihn in gleicher Weise die kritische Stellungnahme zum aktuellen Geschehen. Die Vielfalt der aktuellen Themen, denen er sich eine Zeit lang als Kolumnist in der „Welt“ widmet, belegen, dass er die Tagespolitik nie aus den Augen verliert.

Der Umgang mit „Riesen“

Persönlichkeiten, die polarisieren, deren Image zugleich glorifiziert und verteufelt wird, fordern Schwarz zu intensiver biographischer Arbeit heraus, um die wirklichen Züge ans Tageslicht zu bringen. Anders ist seine Bereitschaft, eine Biographie über die große Verlegerfigur Axel Springer zu schreiben, nicht erklärbar. Dieser gehörte zu „bewunderten Zeitungskönigen“, war „der Buhmann der Nation“ und für die 68er-Generation „die Hassfigur“ des Konservativen schlechthin. Springer brachte also alle Zutaten mit, die ausreichend Stoff für ein großes Lebensdrama bieten. Doch soll man eine politische Biografie zu Lebzeiten des Betroffenen schreiben? Bei einer Persönlichkeit vom Format Helmut Kohls ist Schwarz, den manche zu einer ersten umfassenden Biographie drängten, nur nach einigem Zögern dem Reiz erlegen. Er zeichnet eine von Empathie getragene, doch distanzierte, mit Süffisanz gespickte politische Lebensgeschichte. Dabei bringt er Kohls Statur und Lebensleistung auf den Punkt: „Der Riese“. In eingeschobenen Betrachtungen zur politischen und soziologischen Entwicklung Deutschlands liefert er zudem eine Kontextanalyse der Person. Helmut Kohl ist für ihn „eine Art Inkarnation starker Tendenzen in der pluralistischen deutschen Gesellschaft“, die dieser „vielfach übersteigert hat, während er Ideen, Kräfte und Personen, die er ablehnte, beiseite stieß oder erstickte“. Der Kanzler der deutschen Einheit, so lautet sein Resümee, habe auch das neue Europa gebaut und mit Blick auf den Euro „viel Gutes gewollt und auch viel Gutes bewirkt, wenngleich leider im Übermaß und zu vertrauensvoll“. Seine Biografie versteht Schwarz nur als „Zwischenbericht“ – auch weil noch nicht alle Quellen zugänglich sind. Gleichwohl hat er damit die erste profunde politische Darstellung über den Kanzler der deutschen Einheit vorgelegt, die ein Meilenstein für die Kohl-Forschung bedeutet.

Ein kritisch-distanzierter Geist

Als ein stets kritisch-distanzierter Geist, der mit seiner Analyse nicht um jeden Preis bei allen Zustimmung erheischen will, schätzt Schwarz Eigenschaften, die er selbst verkörpert: nämlich Organisationstalent, Zuverlässigkeit und Workaholismus, der ihn unaufhaltsam zum Lesen und Schreiben antreibt. Dabei orientiert er sich an Voltaire: „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“ Sein wissenschaftliches Werk zeugt davon.

Literaturhinweise

Peter R. Weilemann, Hanns Jürgen Küsters, Günter Buchstab (Hg.): Macht und Zeitkritik. Festschrift für Hans-Peter Schwarz zum 65. Geburtstag. Studien zur Politik, Band 34 (1999). Darin enthalten: Wissenschaftler aus Leidenschaft. Streifzüge eines Markgräflers über Hamburg und Köln nach Bonn von Hanns Jürgen Küsters, S. 807-819.

Hans-Peter Schwarz zum 70. Geburtstag. Beiträge des Symposiums am 13. Mai 2004 an der Universität Bonn, Bonner Akademische Reden 89 (2004).

Link

Symposion der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz (Veranstaltungsbeitrag)

Hanns Jürgen Küsters