Anton Storch (Quelle: KAS/ACDP)

Storch, Anton

* 01.04.1892 in Fulda
26.11.1975 in Fulda
Tischler, christlicher Gewerkschafter, Bundesminister, rk.

Übersicht

Besuch der Domschule
1906-1910Tischlerlehre
1910-1914Geselle auf Wanderschaft
1914-1918Kriegsdienst bei einem Artillerieregiment
1919Eintritt in die Zentrumspartei
1920-1933Angestellter des Zentralverbandes Christlicher Holzarbeiter
1920-1921Unterbezirksleiter in Koblenz
1921-1933Bezirksleiter in Hannover
1927Hochzeit mit Katharina Milzow
1931-1933Vorsitzender des Dachverbandes der Christlichen Gewerkschaften in der Provinz Hannover
1933aus politischen Gründen fristlos entlassen
1933-1939Versicherungsvertreter
1939-1945dienstverpflichtet bei der Feuerschutzpolizei in Hannover
1945Mitbegründer der Gewerkschaftsbewegung und der CDU in Hannover
1945Angestellter der Allgemeinen Gewerkschaft in Hannover
1946-1948Leiter der sozialpolitischen Abteilung des DGB in der Britischen Zone
1947-1949Mitglied des Frankfurter Wirtschaftsrates
1948-1949Direktor der Verwaltung für Arbeit
1949-1965MdB
1949-1957Bundesminister für Arbeit
1954Großkreuz des Bundesverdienstkreuzes
1956Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik
1958-1965MdEP
1966Schlichter im Tarifkonflikt der Metallindustrie in NRW
1966-1970Präsident der Gemeinschaft katholischer Männer

Biographischer Werdegang

Der heute weitgehend vergessene Anton Storch gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg zu den „Männern der ersten Stunde“. In Hannover war er 1945 sowohl an der Gründung der CDU als auch des DGB beteiligt. Als erster Bundesminister für Arbeit von 1949 bis 1957 hat er die soziale Neuordnung der Bundesrepublik Deutschland entscheidend mitgeprägt.

Herkunft und Ausbildung

Anton Valentin Storch stammte aus der Bischofsstadt Fulda. Das katholische Milieu der Stadt hat ihn zeitlebens geprägt. Als Sohn eines Arbeiters wurde er dort am 1. April 1892 geboren. Nach dem Tod der Mutter 1901 wuchs Storch im Waisenhaus auf, da sich der Vater nicht um die 6 Kinder kümmern konnte. Durch einen Arbeitsunfall wurde der Vater kurz darauf arbeitsunfähig und starb bereits 1904. Storch besuchte die Domschule in Fulda und begann 1906 eine Ausbildung zum Tischler. Nach der Gesellenprüfung 1910 ging er auf Wanderschaft, die ihn nach Belgien, Frankreich und in die Schweiz führte. Er wurde Mitglied der Kolpingfamilie und des christlichen Holzarbeiterverbandes. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendete seine Wanderjahre. Von 1914 bis 1918 leistete er Kriegsdienst bei einem Artillerieregiment. Während zwei seiner Brüder fielen, überstand Storch, der nach eigener Aussage kein „besonders guter Soldat“ war, den Krieg unbeschadet. Als Mitglied eines Soldatenrates sammelte er bei Kriegsende erste politische Erfahrungen.

Aufstieg in der christlichen Gewerkschaftsbewegung

Nach dem Krieg zog Storch nach Ahlen in Westfalen, wo er eine Anstellung gefunden hatte und trat dort 1919 in die Zentrumspartei ein. Außerdem wurde er von seinen Kollegen zum Vorsitzenden der örtlichen Zahlstelle des Holzarbeiterverbandes gewählt. 1920 übertrug ihm der Verband das Amt des Unterbezirksleiters in Koblenz. Bis 1933 blieb Storch hauptamtlicher Angestellter des Holzarbeiterverbandes. Schon 1921 übernahm er die Bezirksleitung in Hannover. Die Stadt in Niedersachsen wurde für die nächsten Jahre zu seiner Heimat. 1927 heiratete er dort Katharina Milzow. Aus der glücklichen Ehe ging ein Sohn hervor, der jedoch mit 14 Jahren bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. 1931 wurde Storch noch zum Vorsitzenden des Dachverbandes der Christlichen Gewerkschaften in der Provinz Hannover gewählt.

Nationalsozialismus

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 beendete Storchs Gewerkschaftskarriere. Der überzeugte Christ lehnte das NS-Regime von Beginn an ab. Nach der Zwangseingliederung der Christlichen Gewerkschaften in die nationalsozialistische Deutsche Arbeitsfront (DAF) im Juni 1933 wurde er fristlos entlassen. Storch setzte sich dagegen zur Wehr und verklagte die DAF auf Einhaltung der Kündigungsfrist und Rückzahlung seiner Beiträge zur Altersversorgung. Nach zwei Niederlagen entschied das Leipziger Reicharbeitsgericht schließlich zu seinen Gunsten. Da die neuen Machthaber verhinderten, dass Storch eine angemessene Anstellung fand, schlug er sich bis 1939 als selbständiger Versicherungsvertreter durch. Bei Kriegsausbruch wurde er bei der Feuerschutzpolizei in Hannover dienstverpflichtet.

Während der NS-Zeit hielt Anton Storch Kontakt zu Kollegen aus dem Zentrum und der Gewerkschaftsbewegung wie Bernhard Pfad und Hans Wellmann. Dieser Zirkel leistete zwar keinen aktiven Widerstand, stand aber in Kontakt zu anderen Oppositionsgruppen in Hannover und diskutierte über den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Ende des NS-Regimes. Mehrfach wurde Storch wegen „staatsfeindlicher Reden“ denunziert, konnte aber jedes Mal einer Verhaftung entgehen.

Mitgründer der CDU und des DGB

Sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beteiligte sich Storch am Neuaufbau der Gewerkschaftsbewegung in Hannover. Dabei plädierte er von Anfang an für die Einheitsgewerkschaft und gegen die früheren Richtungsgewerkschaften. Auch in politischer Hinsicht entschied sich der überzeugte Demokrat gegen die Wiedergründung des Zentrums und für eine neue überkonfessionelle Partei. Zusammen mit Bernhard Pfad, Hans Wellmann und Wilhelm Naegel  gründete er im Oktober 1945 die CDU in Hannover. Bereits im März 1946 wurde er in den Vorstand der CDU in der Britischen Zone gewählt. Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung der sozialpolitischen Abteilung des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Britischen Zone. Als Fachmann für Sozialversicherungsfragen nahm Storch auch an den Tagungen des Zonenbeirats teil.

Wirtschafsrat und Deutscher Bundestag

Als im Juni 1947 in Frankfurt a.M. der Wirtschaftsrat für die vereinigte britische und amerikanische Besatzungszone eingerichtet wurde, gehörte Anton Storch zu den 52 Abgeordneten, die von den Landtagen gewählt worden waren. Er war auf eigenen Wunsch von seinen niedersächsischen Parteifreunden für diese Aufgabe nominiert worden. Nachdem der Wirtschaftsrat 1948 auch die Zuständigkeit für das Arbeits- und Sozialrecht erhalten hatte, wurde Storch am 20. August 1948 zum Direktor der Verwaltung für Arbeit gewählt. Allerdings verdankte er seine Wahl der Unterstützung der SPD, da FDP und DP dem Gewerkschafter Storch ihre Unterstützung verweigerten. Als Direktor setzte sich Storch u.a. für eine ausreichende Finanzierung der Sozialversicherungen, für eine Erhöhung der Renten, für die Wiedereinführung der Tarifautonomie und ein Ende der Demontagen ein. Die wirtschaftspolitischen Vorstellungen des neuen Direktors der Verwaltung für Wirtschaft, Ludwig Erhard, wurden von ihm – im Gegensatz zu vielen seiner Parteifreunde – uneingeschränkt befürwortet.

Bei der Wahl zum 1. Deutschen Bundestag im August 1949 wurde Anton Storch, der als guter Redner bekannt war, als Kandidat des Wahlkreises Osnabrück-Stadt und -Land gewählt. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Bundestag 1965 konnte er den Wahlkreis verteidigen.

Bundesminister für Arbeit

Nach anfänglichem Zögern holte Bundeskanzler Konrad Adenauer den früheren Direktor der Verwaltung für Arbeit und profilierten Arbeitervertreter Storch als Bundesminister für Arbeit in sein Kabinett. Am  20. September 1949 wurde Storch in Bonn vereidigt. Seine Wahl erfolgte wiederum gegen den Widerstand der Koalitionsparteien FDP und DP, die zum Ausgleich auf die Ernennung eines arbeitgeberfreundlichen Staatssekretärs drängten.

Als Bundesarbeitsminister konnte Storch in den folgenden Jahren nicht nur seine in Frankfurt begonnene Arbeit fortsetzen, sondern den Wiederaufbau der Sozialpolitik in der Bundesrepublik Deutschland entscheidend prägen. Zu seinen ersten Maßnahmen gehörten die Einführung der Tarifautonomie in der gesamten Bundesrepublik und der Abschluss eines Kriegsopferversorgungsgesetzes. Nach heftigen Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften konnte 1951 das Gesetz über die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie verabschiedet werden. Ein Jahr später folgte das Betriebsverfassungsgesetz. In die zweite Amtszeit von Storch fiel die Errichtung der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in Nürnberg und die Gründung des Bundesarbeits- und des Bundessozialgerichtes in Kassel 1954. Auch der erste Vertrag zur Anwerbung von italienischen Gastarbeitern von 1956 trägt seine Unterschrift. Trotz verschiedentlicher Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaften unterhielt Storch zu diesen stets enge Kontakte, insbesondere zum DGB und seinem Vorsitzenden Willi Richter.

Seinen größten Erfolg hatte Storch mit der Rentenreform von 1957. Es gelang ihm, das von seinem Ministerium erarbeitete Konzept der dynamischen Rente gegen alle Widerstände – insbesondere von Bundesfinanzminister Fritz Schäffer – durchzusetzen, wodurch das Rentenniveau an die allgemeine  Lohnentwicklung gekoppelt wurde. Trotz der Rentenreform, die nicht unwesentlich zum großen Wahlerfolg der CDU bei der Bundestagswahl 1957 beitrug, waren Storchs Tage als Minister jedoch gezählt. Bereits 1956 hatte Adenauer, der mit seinem Arbeitsminister zunehmend unzufrieden war, das Ministerium Theodor Blank angeboten. Nach der Wahl musste Storch schließlich die Leitung des Ministeriums, in das er häufig mit dem Fahrrad gefahren war, an Blank abgeben.

Letzte Jahre

Bis 1965 blieb Anton Storch noch Mitglied des Deutschen Bundestages und arbeitete im Ausschuss für Arbeit mit.  Außerdem gehörte er von 1958 bis 1965 dem Europäischen Parlament an. Dort leitete er ab 1962 den Sozialpolitischen Ausschuss.

Nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik zog sich Storch in seine Heimatstadt Fulda zurück. Als Schlichter im Tarifkonflikt in der nordrhein-westfälischen Metallindustrie machte er 1966 nochmals Schlagzeilen. Auf Wunsch des Bischofs vom Fulda übernahm er von 1966 bis 1970 auch den Vorsitz der Gemeinschaft katholischer Männer. Der „Vater der dynamischen Rente“ starb nach langer schwerer Krankheit am 26. November 1975 in seiner Heimatstadt. Er wurde mit einem Staatsbegräbnis geehrt.

Literaturhinweise

Anton Storch: Lebenserinnerungen, in: Deutscher Bundestag (Hg.): Abgeordnete des Deutschen Bundestages: Aufzeichnungen und Erinnerungen, Bd. 2, Boppard 1983, S. 313-344.

Theresia Bauer: Anton Valentin Storch (1982-1975). Bundesarbeitsminister, in: Günter Buchstab/Brigitte Kaff/Hans-Otto Kleinmann (Hg.): Christliche Demokraten gegen Hitler. Aus Verfolgung und Widerstand zur Union, Freiburg/Basel/Wien 2004, S. 492-500.

Volker Szmula: Anton Valentin Storch, in: Udo Kempf/Hans-Georg Merz (Hg.): Kanzler und Minister 1949-1998. Biografisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen, Wiesbaden 2001, S. 684-689.

Hans Günter Hockers: Anton Storch (1892-1975), in: Jürgen Aretz/Rudolf Morsey/Anton Rauscher (Hg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern, Bd. 4, Mainz 1980, S. 250-280.

Andreas Grau