22. Februar 1946

Brief an Wilhelm Heile, Syke

Wilhelm Heile (1881-1969), 1919-1924 MdR (DDP), 1945/46 Mitbegründer und erster Präsident der FDP in der britischen Zone, 1946 stellvertretender Ministerpräsident des Landes Hannover, 1946-1951 MdL in Niedersachsen (ab 1947 für die Niedersächsische Landespartei bzw. die aus ihr hervorgegangene DP), 1948/49 Mitglied des Parlamentarischen Rates.

 

Sehr geehrter Herr Heile!

 

Vom Oberpräsidium in Düsseldorf aus ließ ich Ihnen in der vergangenen Woche telefonieren, dass ich Ihnen zu einer Besprechung in Opladen in der mit dem 18. Februar beginnenden Woche gern zur Verfügung stünde. Da ich in der Zwischenzeit nichts von Ihnen gehört habe, nehme ich an, dass Sie verhindert waren. Ich möchte Ihnen aber meine Dispositionen für die nächste Zeit mitteilen, um so doch eine baldige Zusammenkunft zu ermöglichen. Vom 26.2. bis 1.3. habe ich Tagung des Zonenausschusses in Neheim-Hüsten. In der folgenden Woche bin ich am 4., 5., 6., 8. und 9.3. besetzt. Ich kann noch verfügen über den 7.3. Ich würde mich freuen, wenn wir bald zusammen­kommen würden. Ich hoffe, dass mein ausführlicher Brief vom 14.2. inzwischen bei Ihnen eingegangen ist. In der Anlage sende ich Ihnen zur ganz vertraulichen Kennt­nisnahme Durchschlag einer Rede, die ich in kürzerer Form Anfang März über den Hamburger Sender halten werde. Ich bitte, diese Rede, die zurzeit der brit. Zensur vorliegt, absolut vertraulich zu behandeln. Sie beruht nicht etwa auf einem Beschluss der Partei, weil keine Zeit mehr dazu war, ihre Zustimmung herbeizuführen. Die Brit. Militärregierung verlangte plötzlich die Abhaltung einer programmatischen Rede Anfang März und Einrei­chung des Textes 14 Tage vorher für die Zensur. Aber ich zweifle nicht, dass diese Rede in allen wesentlichen Punk­ten die Ansicht der maßgebenden Kreise unserer Partei wiedergibt. Sie ersehen aus dieser Rede, wo wir stehen und unsere Absichten. Ich hoffe, dass sie in allen wesentli­chen Punkten Ihren Beifall findet. Weil auch nach meiner Meinung - das ist ja auch die Ihrige, das für die Zukunft die Scheidung zwischen Anhängern einer materialisti­schen Weltanschauung und den Gegnern der materialistischen Weltanschauung absolut nötig ist, und es weiter nötig ist, alle Gegner der materialistischen Welt­anschauung zu sammeln, lege ich so großen Wert darauf, dass wir uns zusammenschließen. Ich darf Ihnen ver­sichern, dass die Freiheit des Einzelnen auch für uns ein Moment von größter Bedeutung ist, dass jede Uniformierung und Unterdrückung uns völlig fern liegt. Es ist ganz selbstverständlich, dass auch diejenigen uns als Mitglieder willkommen sind, die ohne eine bestimmte konfessionelle Bindung allgemein auf dem Boden der christlichen Weltanschauung und der christlichen Ethik stehen und deren politisches Handeln sich von hier aus bestimmt.

 

Mit ergebenen Grüßen

Adenauer

 

Quelle: Konrad Adenauer: Briefe über Deutschland 1945-1955. Eingeleitet und ausgewählt von Hans Peter Mensing aus der Rhöndorfer Ausgabe der Briefe. München 1999, S. 38-40.