Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

10. Februar 1948 (Rhöndorf)

An Ministerialrat Johannes Schlüter

, Rhöndorf

StBKAH 07.24


Sehr geehrter Herr Schlüter!

Auf Ihr gefl. Schreiben vom 14.Januar d. Js.1 komme ich infolge häufiger Abwesenheit erst jetzt zurück. Die darin zum Ausdruck gebrachten Beanstandungen und Befürchtungen sind durchaus zutreffend. Ich darf im Folgenden zu den einzelnen Punkten Ihres Schreibens Stellungnehmen:

Zu 1):
Ich hoffe, daß es infolge des Ausscheidens der kommunistischen Minister2 aus dem Kabinett unseren Vertretern im Kabinett in Zukunft möglich sein wird, den Personalpolitik treibenden Ministern der SPD größeren Widerstand zu leisten.

Zu 2):
Die Ministerien von Nordrhein-Westfalen sind technisch in keiner Weise auf der Höhe, besitzen kein geeignetes Personal. Es wird der von Ihnen gerügte Übelstand erst sehr allmählich beseitigt werden können.

Zu 3):
Aus den Vorgängen der letzten Wochen werden Sie ersehen haben, daß von deutscher Seite die größten Anstrengungen gemacht werden, eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung zu erreichen. Ich für meine Person glaube, daß mit Rücksicht auf die großen außenpolitischen Spannungen Lebensmittel stark gehortet werden. Ich hoffe, daß, wenn diese Vorratsanhäufungen einen gewissen Stand erreicht haben und die Welternten nicht unter normal sind, doch eine Erleichterung in der Lebensmittelhaltung eintreten wird.

Zu 4):
Die Engländer sind sich darüber klar, daß die jetzigen Steuern unmöglich sind. Sie beruhen aber auf einem von den vier Mächten gefaßten Kontrollratsbeschluß und können nur durch gemeinschaftlichen Beschlu wieder geändert werden.

Auch die absolut notwendige Geldreform, die nur durch die Alliierten erfolgen kann, hängt mit den außenpolitischen Spannungen der Angelsachsen mit Rußland zusammen. Soviel ich die Dinge beurteilen kann, macht man noch einen letzten Versuch, den Bruch mit Rußland zu vermeiden. Wann man diesen Versuch endgültig als gescheitert ansehen wird, kann ich nicht sagen. Leider ist es ja so, daß wir auf alle diese wesentlichsten Angelegenheiten gar keinen Einfluß ausüben können. Ich bedauere sehr, Ihnen keine günstigeren Auskünfte geben zu können, und bin mit freundlichen Grüßen

Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Die hierin vom Adenauer-Nachbar Schlüter vorgetragenen Fragen bzw. Klagen aus »Kreisen des guten Bürgertums und des Handels und der Industrie« werden wegen der Eindeutigkeit der Antworten nicht wiedergegeben bzw. regestiert. – Zu diesem Schreiben vgl. Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 20.

  2. ^

    Zum Ausscheiden von Wiederaufbauminister Hugo Paul (Nachfolger: August Halbfell, ab April 1948: Ernst Gnoß) und Verkehrsminister Heinz Renner (Nachfolger: Erik Nölting, ab April 1948: Karl Arnold) aus dem nordrhein-westfälischen Kabinett am 7.2.1948 vgl. Walter Först, Geschichte, S. 363-373 und Detlev Hüwel, Karl Arnold, S. 123f.

    Über »[d]iese gegen meinen Willen notwendig gewordene Entscheidung« informierte Arnold Adenauer am 13.2.1948 anhand abschriftlich beigefügter Entlassungsschreiben an Paul und Renner (StBKAH 08.63).