Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

11. November 1946 (Rhöndorf)

Bescheinigung für Direktor Hans Wolfgarten

, Köln-Nippes

StBKAH 07.12, ohne Begleitschreiben, mit ms. Briefkopf: »Mitglied des Zonenbeirats«


Herr Direktor Hans Wolfgarten1 war, als ich im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten aus meinem Amte als Oberbürgermeister der Stadt Köln entfernt wurde, der Leiter meines Vorzimmers. Herr Wolfgarten war in meinem Vorzimmer beschäftigt seit 1914. Er hat während der ganzen Zeit sich als besonders zuverlässig und treu erwiesen. Herr Wolfgarten ist nach meiner Entfernung aus der Stelle bis Dezember 1936 Leiter des Vorzimmers des nationalsozialistischen Oberbürgermeisters Riesen2 geblieben. Ich habe bedauert, daß Herr Wolfgarten bei der Art des Verhältnisses, in dem er zu mir gestanden hat, nicht bei meinem Ausscheiden um seine Versetzung nachgesucht hat. Ich nehme an, daß er das aus Furcht vor Entlassung aus seinem Beamtenverhältnis und sonstigen Repressalien überhaupt unterlassen hat. Ich weiß, daß damals mein Zimmer nach Geheimfächern und geheimen Aktenstücken durchsucht wurde, und ich könnte mir denken, daß Herr Wolfgarten befürchtet hat, daß, wenn er um seine Versetzung nachsuchte, in den Verdacht kommen würde, er habe Akten beseitigt.

Ich habe immer die Überzeugung gehabt und habe sie auch jetzt, daß Herr Wolfgarten innerlich zu mir gestanden hat. Er hat das u. a. dadurch bewiesen, daß er im März 1933, als die Nationalsozialisten das Rathaus besetzten, tatsächlich ein Aktenstück, das er unter besonderem Verschluß nach meinem Auftrag aufzubewahren hatte, nicht dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Riesen aushändigte, sondern heimlich meinem damals noch lebenden Bruder, Domkapitular Adenauer, überbracht hat, weil er fürchtete, daß die Nationalsozialisten mir, wenn sie den Inhalt dieses Aktenstückes kennten, noch größere Schwierigkeiten würden machen können. Dieses Verhalten des Herrn Wolfgarten zeigte damals einen Mut und eine Anhänglichkeit, die ich ihm hoch angerechnet habe. Wenn sein Vorgehen bekannt geworden wäre, wäre er nicht nur aus dem Amte entlassen, sondern auch wegen Beseitigung von amtlichen Urkunden schwer bestraft worden.

Ich bin der Auffassung, daß das Unterbleiben eines Versuchs, aus dieser Stellung versetzt zu werden, auf die gesamten damaligen Verhältnisse, insbesondere auf den Verdacht, den man gegen ihn hegte, zurückzuführen ist, aber keineswegs auf Hinneigung zum Nationalsozialismus. Ich habe wiederholt die Auffassung vertreten, daß Herr Wolfgarten für diese, in Anbetracht der ganzen damaligen Verhältnisse verzeihliche Unterlassungssünde mehr als genug gestraft ist, und seine Wiedereinstellung in den Dienst dringend befürwortet.

Ich bescheinige dies Herrn Wolfgarten zur Vorlage bei allen dafür infragekommenden Stellen.


  1. ^

    Hans Wolfgarten, vor und nach 1933 langjähriger Bürodirektor des Kölner Oberbürgermeisters. Die nachfolgend abgedruckte Bescheinigung ist Kernstück einer in StBKAH 07.03/07.12 erhaltenen umfangreichen Korrespondenz aus den Jahren 1946/47. Dieser liegen unter anderem bei: Schreiben Adenauers an Hermann Pünder vom 30.7.1946 und eine eigene Empfehlung Pünders für Wolfgarten vom 21.8.1946. Den Anschreiben Wolfgartens (26.8., 23.11. und 4.12.1946) sind Hinweise auf mehrere Gespräche mit Adenauer zu entnehmen; am 1.3.1946 schließlich unterrichtete er Adenauer vom Ergebnis des Entnazifizierungsverfahrens (»Wiedereinstellung beim städtischen Gesundheitsamt … sehr wesentlich Ihrer mehrfachen gütigen Verwendung zu meinen Gunsten zu verdanken …«); hierzu auch ein Schreiben Hermann Pünders vom 19.3.1947 [StBKAH 07.16]. –
    Zu den dienstlichen Beziehungen vor 1933, vgl. die Hinweise in: Hugo Stehkämper (Hg.), Konrad Adenauer, S. 215, 343, 714f., 725.

  2. ^

    Riesen (Wortführer der nationalsozialistischen Verleumdungskampagne gegen Adenauer) bemühte sich nach 1945 wiederholt um Unterstützung Adenauers in den gegen ihn eingeleiteten Entnazifizierungsverfahren; vgl. hierzu den abschlägigen Bescheid an Günter Riesen vom 31.5.1948 sowie die Angaben bei Rudolf Morsey, Adenauer und der Nationalsozialismus, S. 465-470, 481-483. Vgl. auch Paul Weymar, Adenauer, S. 154-156 (hier: Druck des von Adenauer selbst so bezeichneten ›Verbrecherbriefes‹ Riesens an Adenauer vom 21.3.1933, der nach siebenfachem Verbrecher-Vorwurf – »an dem Volk …, an der Stadt …, an unserer Religion … , an Ihren Untergebenen …, an Ihrer Familie und Frau …, an unserem Herrgott und allen Menschen, die mit Ihnen in Berührung gekommen sind« – in den Schlusssatz einmündet: »Sie sind der Angeklagte, ich bin Ihr Ankläger, und das Volk ist Ihr Richter; Neudruck: Historisches Archiv der Stadt Köln (Hg.), Widerstand und Verfolgung, S. 60 und in: Konrad Adenauer. Dokumente aus vier Epochen, S. 63).