Rhöndorfer Ausgabe Online
An Otto Zander
, SoestStBKAH 07.25, ohne Ortsangabe beim Datum, nach Diktatzeichen »Dr. A./Ne.« im Zonensekretariat Köln ausgefertigt
Sehr geehrter Herr Zander!
Ihr Schreiben vom 7.2.1948 habe ich Herrn Dr. Friedrich Holzapfel, Herford, Göbenstraße 14, zugeleitet1. Herr Dr. Holzapfel ist stellvertretender Vorsitzender der CDU in der britischen Zone und vor allem, was für Ihre Absichten besonders wichtig ist, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Zweizonenwirtschaftsrat in Frankfurt. Als Evangelischer hat er mir häufig von dem Wirken in Bethel2 berichtet, und ich bin überzeugt, daß er lebhaften Anteil an den von Ihnen geschilderten Dingen nimmt. Außerdem wohnt er in der Nähe, so daß alle Voraussetzungen gegeben sind, daß er sich mit der Angelegenheit befaßt.
Wenn Sie übrigens als ehemaliger HJ-Führer meinen, daß man dem unchristlichen Zeitalter des Nationalsozialismus alle Ungeheuerlichkeiten vorwerfen könne, daß man aber in jener Zeit nicht zugesehen haben würde, wie es einer Frau von Bodelschwingh jetzt gehe, so glaube ich doch, daß Sie in Ihrem Eifer entschieden zu weit gehen. Lassen Sie sich bitte von Frau von Bodelschwingh einmal erzählen, wie schwer es für Bethel gewesen ist, die geistig Erkrankten vor der Tötung zu bewahren3. Im übrigen hat man zu ganz anderen Dingen stillschweigend zugesehen. Ich gehöre auch zu den Menschen, die dies am eigenen Leib erfahren haben.
Hohachtungsvoll
(Adenauer)
Zu diesem Vorgang ist Hintergrundmaterial nur noch teilweise erhalten, da Adenauer neben dem Anschreiben Zanders auch eine diesbezügliche Darstellung des Sekretärs der Frau von Bodelschwingh an Friedrich Holzapfel weiterleitete (Begleitschreiben vom 12.3.1948). Zu Zander selbst ist nur dessen Antwort auf dieses Adenauer-Schreiben erhalten, mit der er am 19.3.1948 Adenauer dankte, »daß Sie meinem Eifer einen kleinen Dämpfer aufsetzen, von Ihren Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus aus gesehen, auch berechtigt. Freilich habe ich in Verbindung mit der Jugend in jener Zeit nicht nur die dunklen Seiten seines Wirkens erlebt…«.
Heil- und Pflegeanstalt der evangelischen Inneren Mission in Bethel (bei Bielefeld), 1872 eingerichtet durch den Theologen Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910), später ausgebaut und geleitet von seinem Sohn gleichen Vornamens (1877-1946) bzw. dessen Neffen gleichen Vornamens (1902-1977). Letzterer nahm am 2.4.1948 in einem – Adenauer in Abschrift übermittelten – Schreiben an Holzapfel zu den (nicht näher spezifizierten) Vorwürfen Zanders Stellung: »meine Tante … bestens versorgt … Herr Zander … ist inzwischen nach Berlin entschwunden. Sein Brief zeigt, wessen die entthronten Mitarbeiter der Goebbelsschen Propaganda fähig sind.«
Hierzu vgl. Ernst Klee, ›Euthanasie‹ im NS-Staat. Die ›Vernichtung lebensunwerten Lebens‹, Frankfurt/Main 1983, S. 200-206, 216-219, 255-258, 320-326, 421-424.