Rhöndorfer Ausgabe Online
An Erzbischof Josef Kardinal Frings
, Köln-BayenthalStBKAH 07.14
Sehr verehrte Eminenz!
Anliegend überreiche ich Ihnen, mit der Bitte um baldige Rückgabe, Franz Mehring's1 »Deutsche Geschichte vom Ausgang des Mittelalters«. Dieses Buch ist von der Schulabteilung der Regierung in Düsseldorf den Rektoren der Volksschulen des Regierungsbezirks übersandt worden, zwecks Einreihung in die Schulbibliothek und um das Buch zugrunde zu legen im Geschichtsunterricht. Das Buch ist bisher nur flüchtig durchgesehen worden. Ich mache aber aufmerksam auf Seite 15 und Seite 29 sowie auf die Quellenangaben am Ende des Buches2.
Ich übersende Ihnen dieses Buch zum Beweise dafür, daß jede Verstärkung der Stellung der Sozialdemokratie für uns weltanschaulich untragbar ist. Die Volksschulangelegenheiten konnten bisher den Regierungspräsidenten nicht genommen werden, nachdem sie von dem Kabinett, dem die CDU nicht angehörte, den Regierungen übertragen waren.
Ich bitte Sie zu überlegen, welche Schritte Sie tun können, um wenigstens auf einen Teil der Zentrumsabgeordneten in dem von mir angeregten Sinne, sich von der Gefolgschaft der Sozialdemokratie loszusagen, einzuwirken. Die Herren können versichert sein, daß wir von der CDU alles tun werden, um zu einem ständigen guten Einvernehmen mit ihnen zu kommen.
Mit verehrungsvollen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Mehrings hier angesprochene Geschichtsdarstellung war 1946 vom Düsseldorfer Wende-Verlag neu aufgelegt worden (Bd. 1 der Buchreihe ›Erbe und Aufgabe. Zeitgemäße Geschichtsdarstellungen‹).
Zum bald darauf durch Kultusminister Heinrich Konen ausgesprochenen Verbot des Buches »für den Geschichtsunterricht aufgrund dessen materialistischer Geschichtsauffassung« vgl. Maria Halbritter, Schulreformpolitik, S.275, 355.
Auf S. 15 wird der Entstehungsprozess der »germanisch-romanischen Staaten« beleuchtet, auf S. 29 die »Zerrüttung der päpstlichen Kirche« im ausgehenden Mittelalter (»Ebenso überflüssig wie die Klöster wurde das Papsttum«); das ebenfalls inkriminierte Quellenverzeichnis umfasst unter anderem Werke von Karl Marx, Friedrich Engels und Karl Kautsky.