Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

13. Januar 1947 (Rhöndorf)

An Jakob Kaiser

, Berlin

StBKAH 08.56


Sehr geehrter Herr Kaiser!

Vor einigen Tagen war Herr Vockel bei mir1. Es hat eine lange Aussprache zwischen ihm und mir stattgefunden. Er wird Sie darüber unterrichten. Ich hoffe sehr, daß nunmehr doch in absehbarer Zeit eine Aussprache zwischen Ihnen und mir stattfinden wird. Nach der Besprechung mit Herrn Vockel bin ich der Ansicht, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und mir keineswegs bedeutend sind2. – Gestern erhielt ich die letzte Nummer des »Rheinischen Merkur«. In ihm war ein Artikel, der sich in ausführlicher Weise mit Ihnen und mir beschäftigte3.  Ich bedauere das Erscheinen dieses Artikels. Es liegt mir daran, Ihnen zu erklären, daß ich ihm völlig fernstehe und daß ich den Verfasser des Artikels nicht weiß.

Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)

P.S.: Nachträglich erhalte ich Kenntnis von Ihrem Artikel »Deutscher Weg 1947« in Nr. 1 der »Neue Zeit«4. Teile dieses Artikels halte ich für sehr inopportun. Ich fürchte, daß, wenn Ihre dort ausgesprochenen Meinungen hier im Westen weiter bekannt werden, allerdings Unzuträglichkeiten entstehen werden.

Ihr sehr ergebener


  1. ^

    Gespräch mit Heinrich Vockel am 8.1.1947; vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 121f.

  2. ^

    Zur Deutung dieser Briefpassage durch zwei DDR-Historiker (im Sinne völliger Einigkeit Adenauers und Kaisers bei der »Bekämpfung jeder fortschrittlichen antifaschistisch-demokratischen Entwicklung und der bedingungslosen Bejahung des Imperialismus«) vgl. Percy Stulz/Siegfried Thomas; Zur Entstehung und Entwicklung der CDU in Westdeutschland 1945-1949, in: ZfG Jg. 7 (1959), S. 105.

  3. ^

    »›Es gibt keine Reichsleitung der CDU!‹ Zum Führungsanspruch der CDU der Ostzone gegenüber dem Westen und Süden«, in: ›Rheinischer Merkur‹ vom 11.1.1947, S. 1f.; vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 121f.

  4. ^

    Nähere Angaben zu Kaisers Neujahrsartikel wie auch zur Reaktion Adenauers bei Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 122f.