Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

13. Oktober 1947 (Rhöndorf)

An Regional Commissioner William Asbury

, Düsseldorf

StBKAH 07.13


Entsprechend Ihrem auf Schloß Röttgen1 mir gegenüber ausgesprochenen Wunsch, ich solle mich in wichtigen Fragen unmittelbar an Sie wenden, erlaube ich mir, in zwei Angelegenheiten dies zu tun, und zwar in diesem Briefe und in einem weiteren Briefe, den ich beilege.

Am 11. und 12. Oktober d. Js. haben die Vorsitzenden der CDU und CSU der britischen und amerikanischen Zone in einer gemeinsamen Besprechung der CDU-Fraktion des Wirtschaftsrats in Frankfurt (Main) und der Direktoren der verschiedenen Ämter teilgenommen2. Es nahmen auch mehrere der CDU angehörige süddeutsche Minister an der Besprechung teil. Der Vortrag des Direktors Dr. Schlange-Schöningen und die sich daran anschließende Diskussion haben alle Teilnehmer mit der größten Sorge für die Nahrungsmittelversorgung während der nächsten Monate erfüllt3. Ich besonders hege ernste Besorgnisse wegen der Verhältnisse, die sich höchstwahrscheinlich schon bald im rheinisch-westfälischen Industriegebiet entwickeln werden. Die Versorgung der Bevölkerung, nicht der Bergarbeiter, mit Lebensmitteln, insbesondere mit Winterkartoffeln, ist derartig ungenügend, daß man mit schweren Komplikationen rechnen muß.

Ich kann kein endgültiges Urteil abgeben, ob die deutschen Behörden und Stellen in vollstem Maße alles das getan haben, was in ihren Kräften stand. Ich habe aber den Eindruck, daß das im allgemeinen geschehen ist. Die nicht vorauszusehende Dürre dieses Jahres und die daraus sich ergebende Fehlernte der Kartoffeln ist eben durch organisatorische Tätigkeit in keiner Weise wieder wettzumachen.

Ich bitte Sie, sehr verehrter Herr Asbury, doch persönlich der Entwicklung der Dinge im Industriegebiet in der nächsten Zeit Ihre größte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ich weiß, daß man versuchen wird, von kommunistischer Seite die schlechte Versorgung politisch in stärkster Weise auszunutzen. Ich bitte Sie insbesondere, mit aller Entschiedenheit dafür einzutreten, daß Kartoffeln aus dem Auslande eingeführt werden. Auch wenn die Menge, die eingeführt wird, nicht völlig ausreichen sollte, glaube ich, daß allein die Tatsache, daß dank der Intervention der britischen Regierung Kartoffeln aus dem Auslande eingeführt werden, psychologisch beruhigend wirken wird.

Ich bin überzeugt, daß Sie die Verhältnisse schon kennen. Es lag mir aber doch daran, in diesem persönlichen Schreiben zum Ausdruck zu bringen, daß ich mit größter Sorge für die nächsten Monate erfüllt bin.

Auf der Besprechung in Frankfurt (Main) ist die folgende Entschließung gefaßt worden:

»Die in Frankfurt (Main) anläßlich der Tagung der CDU-Fraktion des Wirtschaftsrats versammelten Parteivorsitzenden der CDU und CSU der britischen und amerikanischen Zone sehen sich gezwungen, folgendes zu erklären:

Vor Beginn des Winters müssen klar und eindeutig die Grenzen der Verantwortung deutscher Stellen gegenüber der drohenden Entwicklung festgelegt werden.

Die Durchführung eines wirtschaftlichen Programms für die beiden Zonen ist nur dann möglich, wenn die Bevölkerung ernährt werden kann. Der schlechte Ausfall der Kartoffelernte macht eine Einfuhr von Kartoffeln absolut notwendig.

Wenn keine Kartoffeln eingeführt werden, bricht im Winter die gesamte Versorgung der Bevölkerung und damit die gesamte industrielle Produktion zusammen. Die politischen Folgen werden unabsehbar sein; keine deutsche Stelle kann alsdann eine Verantwortung übernehmen.

gez. Dr. Adenauer, Köln
gez. Dr. Gereke, Hannover
gez. Fridolin Heurich, Karlsruhe
gez. Dr. Werner Hilpert, Frankfurt
gez. Dr. Josef Müller, München

Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Zu diesem Treffen mit Robertson und Asbury am 15.9.1947 (anlässlich eines Empfangs für Partei- und Gewerkschaftsvertreter) veröffentlichte ›Die Welt‹ am 16.9.1947 (S. 3) ein Adenauer-Interview. – Ein weiterer Empfang auf Schloß Röttgen/Köln führte am 26.10.1947 Adenauer mit Lord Pakenham und Sir Sholto Douglas zusammen (vgl. ›Die Welt‹ vom 28.10.1947, S. 3). Ein im Anschluss daran Adenauer übermitteltes »general statement ... which constitutes an answer to the main points raised by you« (Asbury-Schreiben vom 29.10.1947) ist in StBKAH nicht erhalten; gleiches gilt für eine direkte Antwort Asburys auf das hier abgedruckte Schreiben wie auch für den im nachfolgenden erwähnten zweiten Adenauer-Brief an Asbury.

  2. ^

    Vgl. Anm. 1 im Schreiben an Josef Müller vom 4.10.1947.

  3. ^

    Vgl. Hans Schlange-Schöningen (Hg.), Im Schatten des Hungers, S. 168-170.