Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

14. April 1948 (Köln)

An General W. Henry Alexander Bishop

, Düsseldorf

StBKAH 07.17, ohne Ortsangabe beim Datum, nach Aktenzeichen »Dr. A./Ne.« im Zonensekretariat Köln ausgefertigt


Sehr geehrter Herr General1!

Herr Désiré Lamalle aus Belgien ist der Vizepräsident der Nouvelles Equipes Internationales2. Bis vor kurzem war er Generalsekretär der Parti Social Chrétien3 in Belgien und ist nunmehr Vorsitzender des Centre d'études dieser Partei. Auf der Luxemburger Konferenz der Nouvelles Equipes Internationales war Herr Lamalle Berichterstatter zur wirtschaftlichen Lage Deutschlands. In einer öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Vorsitzenden der englischen Delegation, Tracey Philipps, beklagte er sich sehr darüber, daß es ihm nicht möglich gewesen sei, die britische Einreiseerlaubnis für die britische Zone zu erhalten, weil er sich hier informieren wollte, obwohl das belgische Auswärtige Amt ihn unterstützt habe. Seit einigen Wochen bemüht sich Herr Lamalle wieder vergeblich, die Einreiseerlaubnis zu erhalten. In Paris hat neulich eine Sitzung des Exekutivkomitees der NEI stattgefunden. Die CDU wurde in die NEI aufgenommen, und ich wurde beauftragt, die deutsche Zweiggruppe zu gründen. Herr Lamalle soll mit mir darüber sprechen. Außerdem will er im Auftrage des PSC die CDU der britischen Zone näher kennenlernen. Wir hatten uns an den Intelligence-Service hier in Köln gewandt. Herr Lamalle teilt uns mit, daß er bis jetzt noch kein Einreisepermit erhalten hat. Ich wäre Ihnen deshalb sehr verbunden, Herr General, wenn Sie veranlassen würden, daß der englische Permit-Offizier in Brüssel die nötigen Anweisungen erhält.

Dasselbe gilt für Herrn Hein Müller, Brüssel, 18 Rue Frédéric Pelletier. Er ist der Bruder des Landtagsabgeordneten Dr. Karl Müller und floh vor den Nationalsozialisten vor Jahren nach Belgien. Dort ist er Leiter des bureau d'aide pour les réfugiés. Außerdem betreibt er zusammen mit der caritas catholica, der Christlichen Nothilfe und den Quäkern den Versand von Liebesgaben nach Deutschland. Er hat in sehr schöner Weise den Studenten der Universität in Bonn und des Priesterseminars helfen können. Außerdem ist er unser belgischer Vertrauensmann, der die ständige Fühlung mit unseren Freunden [von der] Parti Social Chrétien hält. Seine karitative Tätigkeit erfordert häufige Reisen nach Deutschland. Es ist ihm in den letzten Monaten jedoch nicht möglich gewesen, von dem britischen Permit-Offizier in Brüssel die Einreiseerlaubnis zu bekommen. Deshalb konnte er z. B. nicht an dem internationalen Kongreß der Pax Christi in Kevelaer4 trotz Einladung teilnehmen. Da die französischen Behörden ihm die Einreiseerlaubnis in der großzügigsten Weise erteilen, muß er jeweils in die französische Zone fahren statt in seine Heimat. Da er politischer Emigrant ist, dünkt ihn dies etwas bitter. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Herr Müller ein Visum für drei Monate erhält, welches ihn berechtigt, beliebig oft in die britische Zone zu fahren.

Denselben Schwierigkeiten begegnet Herr Gerd Bernstein aus Louvain. Er ist Sekretär der jetzt in Anvers gegründeten belgisch-deutschen Handelskammer. Unsere dortigen Freunde haben mich gebeten, dafür zu sorgen, daß er ebenfalls ein Visum für drei Monate erhält. Er hat zwar ein solches, aber es berechtigt ihn nur zu einer einmaligen Reise. Dies genügt nicht, da die Gründung der deutsch-belgischen Handelskammer im Rheinland häufigere Reisen erfordert.

Ich bedaure sehr, Sie mit diesen Dingen behelligen zu müssen. Nach den bisherigen Erfahrungen scheint jedoch Ihre Autorität notwendig zu sein, um die Angelegenheiten zu regeln.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
(Adenauer)


  1. ^

    Zum nachfolgenden Schreiben an Bishop ist weiterführendes Material (etwa Korrespondenz mit den erwähnten Lamalle, Müller und Bernstein oder auch ein Bescheid Bishops) in StBKAH nicht erhalten; vgl. das Schreiben an W. Henry Alexander Bishop vom 18.8.1948.

  2. ^

    Vgl. Anm. 2 im Schreiben an Wilhelm Böhler vom 7.1.1948 und Anm. 1 im Schreiben an Heinrich Müller vom 3.2.1948.

  3. ^

    Zur 1945 gegründeten Christlich-Sozialen Partei Belgiens vgl. Walter Lipgens, Die Anfänge, S. 256-258, 560-562 und die übersichtlichen Angaben in: Frank Wende (Hg.), Lexikon zur Geschichte der Parteien, S. 17f.

  4. ^

    Zu diesem Kongress der 1944 in Frankreich entstandenen internationalen katholischen Friedensbewegung konnten keine näheren Angaben ermittelt werden.