Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Friedrich Holzapfel
, HerfordStBKAH 08.51
Lieber Herr Holzapfel!
Am 13. April habe ich einer Tagung des sogenannten Ellwanger Kreises in Bad Brückenau beigewohnt1. Dieser Ellwanger Kreis interessiert sich, wie Sie wissen, hauptsächlich für Verfassungsfragen. Zu meinem Erstaunen wurden den Anwesenden auch Vorschläge vorgelegt für den Erlaß eines Übergangs-Statuts. Ich lege Ihnen einen Durchschlag bei. In diesem Übergangs-Statut werden die Rechte des Wirtschaftsrats zu Gunsten der Stellung des Länderrats wesentlich eingeschränkt. Da unsere Fraktion im Wirtschaftsrat nicht zu diesen Vorschlägen gehört worden ist, habe ich darauf bestanden, daß eine Beratung unterbliebe, und erklärt, daß ich andernfalls die Versammlung verlassen würde.
Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie die Fraktion veranlassen würden, möglichst bald zu diesen Fragen Stellung zu nehmen.
In dem Ellwanger Kreis drängten die Herren Ministerpräsident Ehard, Staatssekretär Strauss2, Dr. Semler und Dr. Kogon3 außerordentlich darauf, daß sofort eine Beschlußfassung in diesem Sinne erfolgen würde. Diese Beschlußfassung sollte dann den Landesparteien übermittelt werden. Wenn dieser Ellwanger Kreis auch keine offizielle Parteieinrichtung ist, so würde eine Entschließung seinerseits immerhin die Öffentlichkeit und auch größere Kreise unserer Partei beeindrucken. Es erscheint mir daher richtig, daß die Fraktion in der Angelegenheit etwas tut. Federführend ist Staatsminister Dr. Anton Pfeiffer, München, Prinzregentenstraße 7.
Bitte, teilen Sie mir mit, ob und was Sie veranlaßt haben.
Mit vielen Grüßen
Ihr
(Adenauer)
Zu der hier angesprochenen Tagung des Ellwanger Kreises Wolfgang Benz, Föderalistische Politik, S. 815 f.; ders. (Hg.), »Bewegt von der Hoffnung aller Deutschen«, S. 333-347; Peter Bucher (Bearb.), Der Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee, S. XLIV f.; Peter Jakob Kock, Bayerns Weg in die Bundesrepublik, S. 268-272 sowie, unter Hinweis auf dieses Schreiben, Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 24, 115 f. Vgl. die Schreiben an Eugen Budde vom 3.5.1948 und an Rolf Seutter van Loetzen vom 5.7.1948.
Vgl. die zahlreichen Hinweise auf seinen wesentlichen Beitrag zur Verfassungsdiskussion der Nachkriegs-CDU bei Richard Ley, Föderalismus-Diskussion und Wolfgang Benz, Föderalistische Politik, S. 790, 801. Zur Frankfurter Tätigkeit vgl. Walter Vogel, Westdeutschland T. II, S. 28 f., 141-143; T. III, S. 528, 531 sowie, zur anschließenden Entwicklung, die eigene Darstellung Strauss' der ›Personalpolitik in den Bundesministerien zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland‹, in: Konrad Adenauer und seine Zeit Bd. 1, S. 275-282.
Zur (partei-)politischen Orientierung Kogons nach dem Kriege vgl. Hans Georg Wieck, Christliche und freie Demokraten, S. 36, 52, 55 f.; vgl. auch Wolfgang Benz, Föderalistische Politik, S. 789, 791, 802 f., 813 f.