Rhöndorfer Ausgabe Online
An den Direktor der Verwaltung für Wirtschaft Dr. Johannes Semler
, Frankfurt/MainStBKAH 08.61
Sehr geehrter Herr Semler!
Ich bitte Sie, den Artikel von Röpke (Genf) in der letzten Nummer des »Rheinischen Merkurs« zu lesen1. Dieser Artikel enthält eine so scharfe Kritik gegen den von Ihnen an einer der maßgebendsten Stelle des Wirtschaftsamtes beschäftigten Herrn Dr. Keiser, daß die Angelegenheit bei der Bedeutung Röpke's einer sehr sorgfältigen Nachprüfung bedarf. Sie werden mit mir darin übereinstimmen, daß es keinen Sinn hätte, wenn die CDU im Gegensatz zur SPD die Verantwortung im Wirtschaftsrat übernehmen und gleichzeitig auf dem wichtigsten Gebiete, dem der Planung, einem Manne entscheidenden Einfluß einräumen würde, der die Ansichten der Sozialdemokratie auf diesem Gebiete absolut bejaht. Ich habe Herrn Pferdmenges gestern ausführlich unterrichtet und ihn gebeten, mit Ihnen zu sprechen. Die Angriffe Röpke's haben bereits begonnen, ihre Wirkung bei unseren Leuten zu tun. Ich wäre Ihnen daher für eine baldige Stellungnahme sehr dankbar2.
Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)
›Abkehr, nicht Fortsetzung‹ in: ›Rheinischer Merkur‹ vom 13.12.1947, S. 1f. Röpke setzt sich hierin kritisch mit dem in der ›Neuen Zürcher Zeitung‹ erschienenen Aufsatz ›Die Strukturkrise der deutschen Wirtschaft‹ von Günther Keiser auseinander; vgl. Rudolf Morsey, Personal- und Beamtenpolitik, S. 195.
Eine schriftliche Stellungnahme Semlers ist nicht erhalten, jedoch geht aus einem Schreiben an Hugo Scharnberg vom 7.1.1948 hervor: »Auch Herr Semler äußerte Besorgnis, meint aber, Herrn Keiser jetzt nicht entbehren zu können« (StBKAH 07.24). Hinweise auf einen Besuch Semlers in Rhöndorf, der Gelegenheit zu einer diesbezüglichen Aussprache gab, in einem Schreiben an Albert C. Schweizer vom 16.2.1948.