Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

15. März 1947

An Mr. Boultwood, Associated Press

StBKAH 07.13, ohne Anrede


Die CDU erhofft von den kommenden Landtagswahlen eine weitere Konsolidierung der deutschen Selbstregierung in den Ländern. Sie hofft, daß den Deutschen in der britischen Zone möglichst bald die Voraussetzung für eine demokratische Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten gegeben wird, wenn die bisher von der britischen Militärregierung ernannten Abgeordneten durch gewählte abgelöst sind. Bisher gehören die wichtigsten Fragen noch nicht zur Zuständigkeit der Länder. Die bizonalen Ämter entbehren jeder parlamentarischen Kontrolle.

Wir wünschen, daß der Wahlkampf grundsätzlich und nicht persönlich geführt wird. Der letzte Wahlkampf zeigte leider wenig schöne Erscheinungen. Es geht um die Frage, ob die Deutschen sich endgültig einer freiheitlicheren Lebensauffassung, auch in der Politik, zuwenden oder ob sie sich doktrinären, mehr theoretischen als praktischen, die Vorherrschaft des Staates oder einer Klasse betonenden Vorstellungen verschreiben. Es gilt, sowohl den ausbeuterischen Kapitalismus als auch den ältlich, bürokratisch gewordenen Sozialismus durch die neue Gesellschaftsordnung eines christlichen Realismus zu ersetzen. Die schöpferische Initiative des Einzelnen muß im Wirtschaftsleben gewahrt bleiben. Die kommenden Debatten um die Verfassung werden ebenfalls ihre Schatten im Wahlkampf vorauswerfen. Das Elternrecht, die Freiheit der Erziehung, die Freiheit der Kirchen werden eine Rolle spielen. Die Deutschen haben seit den letzten Wahlen bittere Monate voller Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit hinter sich, so daß ein Absinken der Wahlbeteiligung an sich nicht erstaunlich wäre.

Hochachtungsvoll
(Adenauer)