Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

17. Februar 1947 (Rhöndorf)

An Dr. Otto Elsaesser, Europa-Verlag

, Freiburg/Breisgau

StBKAH 07.13


Sehr geehrter Herr Elsaesser!

Auf das gefl. Schreiben vom 18.1. d. Js., betr. Neutralisierung Deutschlands1, gestatte ich mir, folgendes zu erwidern:

Schon in meiner ersten öffentlichen Rede als Vorsitzender der CDU der britischen Zone im März v. Js. bin ich mit Entschiedenheit für den Gedanken der »Vereinigten Staaten von Europa« eingetreten2. Ich habe in den Jahren 1924/25 mich bei der damaligen Reichsregierung sehr entschieden dafür eingesetzt, daß nur eine wirtschaftliche Verflechtung Deutschlands mit seinen Nachbarstaaten, insbesondere auch mit Frankreich, auf die Dauer Europa Frieden bringen werde3. Damals habe ich gegenüber der Reichsregierung auch ausgeführt, daß das Ziel der deutschen Politik die Herbeiführung einer Zollunion mit Frankreich sein müsse.

Ich bitte Sie, daraus zu ersehen, daß ich jede Förderung des Friedens in Europa aus ganzer Seele bejahe. Ob bei der augenblicklichen außenpolitischen Situation die Frage der Neutralisierung Deutschlands anzuschneiden richtig ist, ist mir noch nicht völlig klar. Ich habe in einer öffentlichen Rede vor einigen Monaten den Gedanken ausgesprochen, er hat aber nirgendwo einen Widerhall gefunden4. Man darf nicht übersehen, daß ein neutraler Staat seine eigene Neutralität evtl. mit Waffengewalt verteidigen muß. Wenn seine Neutralität lediglich garantiert wird von anderen Staaten, wenn er selbst nicht in die Lage versetzt wird, für seine Neutralität einzutreten, handelt es sich nicht um eine echte Neutralisierung. Ich glaube aber nicht, daß bei den Alliierten z. Zt. der Gedanke, Deutschland die Macht zu geben, seine Neutralität zu verteidigen, irgendwie Aussicht auf Erfolg hat. Ich könnte das auch verstehen. Man würde bei den Alliierten die Befürchtung hegen, daß Deutschland noch nicht genügend Beweise einer wirklichen Friedensliebe gegeben habe, um ihm die Unabhängigkeit, die in der Neutralisierung liegt, geben zu können. Als Ziel der deutschen Politik würde ich eine derartige vollkommene Neutralisierung durchaus begrüßen. Wenn das Ziel auch nicht sofort erreichbar ist, so soll man es doch nicht aufgeben und die deutsche Bevölkerung über Sinn und Inhalt einer solchen Neutralisierung aufklären5.

Mit ausgezeichneter Hochachtung
(Adenauer)


  1. ^

    Elsaesser hatte Adenauer gebeten, »Ihre ausführliche Stellungnahme zu unserem demnächst erscheinenden Band einzusenden, in welchem wir die Frage der ständigen Neutralisierung Deutschlands nach dem Muster der Schweiz zur öffentlichen Diskussion stellen.« – Eine derartige Buchveröffentlichung konnte nicht nachgewiesen werden.

  2. ^

    Vgl. die europapolitischen Aussagen in der Kölner Universitätsrede vom 24.3.1946; Druck: Adenauer-Reden, S. 105.

  3. ^

    Vgl. hierzu Karl Dietrich Erdmann, Adenauer in der Rheinlandpolitik, S. 171- 175, 351-359 (Dok. 29a-30 über Verhandlungen in Berlin am 9. und 10.1.1924) und Günter Abramowski (Bearb.), Die Kabinette Marx I und II Bd. 1, in: Karl Dietrich Erdmann / Hans Booms (Hg.), Akten der Reichskanzlei: Weimarer Republik, Boppard/Rhein 1973, S. 211-215; vgl. auch  Marie-Luise Recker, Adenauer und die englische Besatzungsmacht, S. 119 f.

  4. ^

    Hierzu, unter Verwendung dieses Briefes, Hans-Peter Schwarz, Adenauer und Europa, S. 505. – Schwarz stellt zugleich die Verbindung zwischen diesem Brief und einer am 17.12.1946 vor dem CDU-Zonenausschuss in Lippstadt vorgetragenen außenpolitischen Konstellationsanalyse Adenauers her. Beeinflusst »von den jeweiligen Gegebenheiten des Systems« (Hans-Peter Schwarz, Adenauer und Europa, S. 505), hatte er hier – vor der Moskauer Außenministerkonferenz vom 10.3. - 24. 4.1947 – auf die Ungewissheit der westlichen Verhandlungsposition und eine sich abzeichnende deutschlandpolitische »Schwenkung« der Sowjetunion hingewiesen; vgl. Helmuth Pütz (Bearb.), Konrad Adenauer, S. 252.

  5. ^

    Eine Rede mit dieser Akzentsetzung konnte nicht nachgewiesen werden.