Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

17. Juli 1947 (Rhöndorf)

An Dr. Paul Silverberg

, Lugano

StBKAH 07.03


Lieber Herr Silverberg!

Als ich gestern nach hier zurückkahm, fand ich Ihre Bücher »Bismarck«1 und »Irrweg und Umkehr«2 hier vor. Auch liegt Nachricht über das Eintreffen eines Paketes Type H 1 (Absender Dr. Silverberg) sowie eines Colis Suisse F 01586 vor. Ich nehme an, daß das Letztere auch von Ihnen herrührt. Ich danke Ihnen für alles recht Ich danke Ihnen für alles recht herzlich!

Meine Frau und ich denken an die leider nur kurzen Stunden bei Ihnen mit besonderer Freude zurück3. Ich hoffe, daß Sie sich entschlossen haben, nach St. Moritz zu gehen und daß Sie auch Ihr Golfspiel wieder aufnehmen.

Hier sind sehr niederdrückende Verhältnisse4. Die Lebensmittellage ist katastrophal! Die Menschen haben hier eine Zeit lang nur 1.000 gr Brot, keine Kartoffeln, kein Gemüse, kein Fleisch, kein Fett, keine Nährmittel, gehabt. Wie ich heute von einer sehr informierten Honnefer Ärztin hörte, ist das Durchschnittsgewicht der Frauen in ihrer Sprechstunde 40 Kilo. Sie sagte mir auch, daß jetzt namentlich die Kinder so hinfällig würden und daß die Tuberkulose reißende Fortschritte nähme. Alles ist hier entweder völlig apathisch oder in höchstem Maße pessimistisch.

Es wird Sie sicher interessieren, daß auch hier in Rhöndorf jetzt junge Männer aus der Ostzone angekommen sind, die die russischen Militär-Gestellungsanweisungen bei sich trugen und die sich nur durch die Flucht dem Militärdienst entzogen haben5.

Wenn man aus einem Lande mit so geordneten Verhältnissen kommt, wie es die Schweiz ist, dann wirken die ganzen Verhältnisse hier doppelt erschütternd.

Die Arbeit stürzt mit Macht über mich herein. Es ist sehr unangenehme Arbeit. Schwierigkeiten überall. Ich bin sehr dankbar, daß ich die Gelegenheit gehabt habe, in der Schweiz körperlich und seelisch neue Kraft zu gewinnen.

Seien Sie von meiner Frau und mir recht herzlich gegrüßt

Ihr
(Adenauer)


  1. ^

    Bereits am 19.11.1945 hatte Silverberg seinem ersten in StBKAH erhaltenen Nachkriegsbrief an Adenauer die dreibändige Bismarck-Biographie von Erich Eyck beigefügt: »Sie werden die 1500 Seiten mit demselben Interesse lesen, wie ich es tat« (StBKAH 14.04).

  2. ^

    1946 in Basel erschienene Buchveröffentlichung von Constantin Silens, nach dem Untertitel ›Betrachtungen über das Schicksal Deutschlands‹; Silens, i.e. Carl Müller-Graaf (geb. 1903, Diplomat; 1949-1953 Abteilungsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, 1953-1956 Gesandter, 1956-1961 Botschafter in Wien).

  3. ^

    Aufenthalt in Lugano – laut Taschenkalender – am 8./9.7.1947.

  4. ^

    Zum nachfolgenden vgl. Hans Schlange-Schöningen (Hg.), Im Schatten des Hungers, S. 138-142.

  5. ^

    Eines dieser Schicksale gab am 14.9.1947 Anlass zu einem Adenauer-Schreiben an Günther Gereke: »…ein W[.] P[.] aus Eisenach…[habe] vor den Russen flüchten müssen…sagt weiter, daß er bei unserer Zeitung dort eine Anstellung bekommen könne, wenn er in Hannover oder Umgegend eine Schlafstelle erhalte, so daß er sich polizeilich anmelden könne…Zu mir ist er als Vorsitzende[m] der Zone gereist, offenbar in einer ziemlichen Ratlosigkeit« (StBKAH 07.16).