Rhöndorfer Ausgabe Online
An Maria Meyer-Sevenich
, Stadtfeld bei Wunstorf/HannoverStBKAH 07.23
Sehr geehrte Frau Meyer-Sevenich1!
Infolge mehrfacher Abwesenheit komme ich erst heute dazu, Ihren Brief vom 4. d. Mts., der übrigens mit einiger Verspätung eintraf, zu beantworten.
1) Ich habe niemanden erklärt, daß Sie gesagt hätten, Sie sähen sich zu dem Entschluß gezwungen, Ihren Austritt aus der CDU zu erklären, wenn die von der SPD und der Militär-Regierung gewünschte kleine Koalition SPD-CDU, gegebenenfalls Zentrum, nicht zustande käme2.
2) Sie haben mir gesagt, daß Sie einer Regierungsbildung ohne SPD nicht zustimmen könnten. Für Sie komme nur eine Regierungskoalition SPD-CDU infrage. Wenn die Fraktion der CDU sich nicht auf diesen Standpunkt stellte, würden Sie öffentlich dagegen Stellung nehmen und für eine Koalition mit der SPD eintreten. Ihnen würden sich noch 6 bis 7 andere Mitglieder der Fraktion, darunter Herr Dr. Gereke, anschließen.
3) Als ich Sie auf die Rückwirkung dieser Politik auf Frankfurt/Main hinwies, erklärte Ihr Mann, selbstverständlich werde die Ausschaltung der DP auf die Mehrheitsbildung in Frankfurt/M. einwirken, das sei auch von ihnen beabsichtigt.
4) Im Laufe des Gesprächs habe ich Ihren Mann gefragt, was er jetzt tue. Ich ging dabei davon aus, daß in einer Zeit wie der heutigen, in der alle tüchtigen Arbeitskräfte gebraucht würden, Ihr Mann nicht ohne Tätigkeit sein könne. Ihr Mann und Sie haben mir dann von der Arbeit gesprochen, mit der Sie beide beschäftigt seien, und Ihr Mann hat bei dieser Gelegenheit gesagt, Herr Strickrodt habe ihm die Stelle eines Staatssekretärs angeboten. Er habe diese abgelehnt, weil er frei bleiben wolle. Herr Strickrodt habe darauf gesagt, daß er ihm die Stelle offenhalte.
5) Über die Verhältnisse in Niedersachsen möchte ich mich nicht ausführlich äußern. Ich stelle aber fest, daß die bisherige Koalitions-Regierung in Niedersachsen von der SPD absichtlich verlassen worden ist, offenbar im Hinblick auf Frankfurt/M. Soviel ich mich zu erinnern glaube, stimmten Sie dieser Auffassung zu.
6) Sie haben erklärt, daß Sie eine Koalition mit der SPD in Frankfurt/M.für die allein mögliche Politik hielten. Ich habe Ihnen erwidert, daß beim Zusammentritt des ersten Wirtschaftsrats den Sozialdemokraten eine Koalition angeboten worden sei, daß diese aber die Übertragung des Wirtschaftsdirektoriums als eine für sie unabdingbare Bedingung bezeichnet hätten. Daran sei die Koalition gescheitert, die SPD habe dann mehrfach öffentlich erklärt, daß sie keine Koalition wolle. Sie erwiderten darauf, daß Sie aus bestimmtester Quelle wüßten, daß die SPD nunmehr zu einer Koalition bereit sei. Ich habe meine Zweifel geäußert. Die neuerliche Erklärung des sozialdemokratischen Parteivorstandes, der eine Koalition mit der CDU in Frankfurt/M. ablehnt, ist der Beweis dafür, daß meine Antwort richtig war.
7) Es ist nicht richtig, daß ich mit Ihnen über die personelle Seite der Frankfurter Politik in allen Teilen übereingestimmt habe. Das war nur bezüglich einzelner Vorgänge der Fall.
Insgesamt lassen Sie mich Ihnen folgendes sagen:
Ich bedauere ganz außerordentlich Ihre Haltung gegenüber der Mehrheit der Fraktion. Auch wenn man keinen Fraktionszwang hat, so ist es doch eine selbstverständliche Pflicht, daß die Minderheit einer Fraktion sich in entscheidenden Fragen dem Willen der Mehrheit fügt. Jede politische Betätigung ist sonst unmöglich. In der Landtagsfraktion der CDU Nordrhein-Westfalen hatten wir unlängst ebenfalls eine sehr schwere Kontroverse. Aber auch hier hat schließlich bei der Minderheit die Erkenntnis, daß in wichtigen und entscheidenden Fragen eine Partei zusammenstehen muß, wenn sie sich nicht selbst aufgibt, gesiegt. Es ist mein herzlicher Wunsch, daß Sie die Ihnen verliehenen Gaben dazu benutzen möchten, die Einigkeit der Partei zu stärken, auch dann, wenn der Weg, den die Partei in einem einzelnen Falle geht, nicht völlig mit Ihrer Meinung übereinstimmt.
Mit freundlichen Grüßen an Sie und Ihren Mann
Ihr
(Adenauer)
Adenauer wendet sich mit diesem Schreiben erstmals an Maria Sevenich nach ihrer Heirat mit Werner Meyer. – Zu ihrem (in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht dargestellten) zunehmenden Dissens mit Adenauer und der CDU, der Anfang Mai 1948 zum Parteiaustritt und 1949 zum Eintritt in die SPD führte, vgl. ›Der Spiegel‹ Nr. 20 (1948), S. 3; vgl. auch das Schreiben an Günther Gereke und Adolf Cillien vom 17.4.1948 sowie die Schreiben an Maria Meyer-Sevenich vom 2.5.1948 und vom 15.5.1948.
Nach dem Auseinanderbrechen der niedersächsischen Allparteienkoalition im März 1948 wurde – unter dem alten und neuen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf – zum 9.6.1948 eine neue Regierung aus Vertretern von SPD, CDU und Zentrum (ohne den bisherigen Koalitionspartner DP) gebildet. In der entscheidenden Phase der Regierungsverhandlungen stand Adenauer in regelmäßigem brieflichen Kontakt mit seinen maßgebenden niedersächsischen Parteifreunden (Adolf Cillien, Günther Gereke, Carl Schönfeld und Anton Storch) wie auch mit Hans-Christoph Seebohm (DP/NLP); hierfür zahlreiche weitere Belege in StBKAH 07.23/08.51. Vgl. auch das Schreiben an Günther Gereke vom 12.6.1948.