Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

21. Oktober 1946 (Rhöndorf)

An Lore Lehmann-Marx

, Pullach bei München

StBKAH 07.02


Liebe Lore!

Nun ist es schon Oktober geworden, ehe ich zur Beantwortung Deines Briefes vom 4. Juli d.Js. komme1. Du weißt ja, daß ich die Leitung der CDU für die britische Zone übernommen habe, und das hat mir außerordentlich viele Arbeit gebracht. Nun ist eine kleine Ruhepause eingetreten. Ich benutze sie, um meine Privatkorrespondenz zu erledigen. Wie ist die Bibliotheksangelegenheit geordnet worden? Wie geht es Dir, wie Robert?

Gussie ist vor 14 Tagen sehr schwer an Lungenentzündung erkrankt. Der Arzt hatte sie aufgegeben. Sie ist aber dann doch durch Penicillin gerettet worden. Sie ist jetzt außer Gefahr, liegt aber noch zu Bett.

Ich bin leider sehr wenig zu Hause und muß viel reisen. Ich habe das nie gerne getan und tue es heute noch weniger gerne. Unseren Kindern geht es soweit gut. Lola ist mit ihren beiden Kindern noch bei uns und wird auch wohl noch für einige Zeit bei uns bleiben. Paul und Lotte studieren. Libet ist in einem Pensionat und bereitet sich auf das Abiturienten-Examen vor.

Ich war vor 2 Monaten 1 Tag in Berlin. Ich hatte wenig Zeit, aber war doch tief beeindruckt von dem Zustand der Stadt zwischen Brandenburgertor und Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die Vororte sind ja erheblich weniger beschädigt.

Lasse bald etwas von Dir hören und sei herzlich gegrüßt von Gussie und mir
Dein


  1. ^

    Lore Lehmann-Marx, Tochter von Walter Lehmann, hatte sich wegen des Ibero-Amerikanischen Instituts an Adenauer gewandt und über ihre Bemühungen informiert, die Institutsbibliothek und den Nachlass ihres Vaters dem Museum für Völkerkunde/München zu übereignen.

    Hierzu ist umfangreiche Korrespondenz zwischen Boelitz (1929 Begründer, bis 1934 Leiter des Ibero-Amerikanischen Instituts) und Adenauer aus dem Frühjahr/Sommer 1946 erhalten. Unter anderem enhält ein von Boelitz am 4.9.1946 – in Abschrift – übermitteltes Empfehlungsschreiben Adolf Grimmes vom 8.4.1946 detaillierte gründungsgeschichtliche Angaben zum Ibero-Amerikanischen Institut.
    Über die Hintergründe der 1946 geführten Diskussion (Ablehnung Boelitz' als Lizenzträger der ›Westfalenpost‹) informiert Peter Hüttenberger, Nordrhein-Westfalen, S. 148f.; zur Einschätzung des Instituts durch die Besatzungsmacht (als sog. ›betreute Organisation‹ des nationalsozialistischen Regimes) vgl. Irmgard Lange (Bearb.), Entnazifizierung, S. 88.