Rhöndorfer Ausgabe Online
Aktennotiz über Gespräche und Ereignisse in Bremen
StBKAH 08.51, Durchschlag mit Begleitschreiben vom 22.9.1947 an Justizminister Dr. Gustav Heinemann, Düsseldorf, und Gustav Theill, Remscheid, mit Begleitschreiben vom 24.9.1947 an Oberpräsident a.D. Dr. Robert Lehr, Düsseldorf
Am 18. September 1947 habe ich in Bremen in einer großen Versammlung, schätzungsweise 4.000 Personen, gesprochen1. Die SPD hatte mehrere hundert ihrer Anhänger hinzugeschickt, und man versuchte, auf Kommando die Versammlung zu sprengen. Während der ersten Hälfte meiner Rede war infolgedessen die Versammlung sehr unruhig und tumultiös. Namentlich wurden außerordentlich viele Zwischenrufe gemacht. Der zweite Teil verlief ruhig. Trotzdem ich die christlichen Grundsätze der CDU nicht besonders stark herausgestellt habe und hinsichtlich der Schulfrage nur erklärt habe, daß wir auf dem Boden des Elternrechts stünden und daß die in der Verfassung von Bremen getroffene Ordnung ein Eingriff in die Gewissensfreiheit sei, wurden fast ununterbrochen die übelsten Zwischenrufe gegen die Kirche, gegen Religion, seitens der SPD gemacht. Ich habe noch nie in einer Versammlung einen solchen Kirchenhaß kennengelernt wie in Bremen. Die Mitglieder des Vorstandes des Landesverbandes Bremen bestätigten mir später die Richtigkeit dieser meiner Wahrnehmung und erklärten ebenfalls, daß die SPD dort von einem fanatischen Haß auch gegen die evangelische Kirche erfüllt sei. Der Geschäftsführer der CDU Bremen, Müller, erklärte mir, daß am Tage vorher der Spitzenkandidat der SPD, Präsident des Senats, Kaisen, in einer Wahlversammlung erklärt habe, die Jugend müsse bei ihrer Erziehung von dem religiösen Drill und den Zwangsvorstellungen der Kirche befreit werden. Sie müßten ein freidenkerisches Geschlecht auf den Schulen heranziehen. Ich habe diese Ausführungen des Herrn Kaisen in meiner Rede wiedergegeben. Es wurde darauf von einigen Sozialdemokraten behauptet, Herr Kaisen habe gesagt, sie müßten ein freidenkendes Geschlecht auf den Schulen heranziehen. Demgegenüber blieben Herr Müller und einige andere Herren des Vorstandes, die in der Versammlung Kaisen gewesen waren, auf das Bestimmteste dabei, daß Herr Kaisen gesagt habe, ein freidenkerisches Geschlecht.
Meines Erachtens machte es, da Herr Kaisen vorher von »christlichem Drill« und den »Zwangsvorstellungen der Kirche« gesprochen hatte, wenig Unterschied, ob er jetzt »freidenkend« oder »freidenkerisch« gesagt hat.
(Adenauer)
Wahlkampfveranstaltung vor den Bremer Bürgerschaftswahlen vom 12.10.1947 (aus denen die SPD mit 41,7% als Sieger hervorging; CDU 22,0%, Bremer Demokratische Volkspartei 13,9%, KPD 8,8 %).