Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

22. Februar 1948 (Rhöndorf)

An den Präsidenten des Wirtschaftsrats, Dr. Erich Köhler

, Frankfurt/Main

StBKAH 08.61


Sehr verehrter Herr Köhler!

Ich erhielt Ihren Brief vom 18. d. Mts. nebst der Abschrift des Briefes des Herrn Braun1. Da ich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nach Frankfurt kommen kann, schicke ich Ihnen meine Meinung durch Herrn Dr. Löns. Zwischen Herrn Braun und Herrn Wirth bestehen seit langer Zeit heftigste Gegensätze, zum Teil persönlicher und unsachlicher Art2. Ich würde mich durch die Animosität des Herrn Braun nicht beeinflussen lassen.

Dagegen bin auch ich der Auffassung, daß man Herrn Wirth nicht zum Vertreter bestellen kann, und zwar aus folgenden beiden Gründen:

1) Herr Wirth hat, wie in einem der Kriegsverbrecher-Prozesse durch den öffentlichen Ankläger festgestellt worden ist, während des Krieges an Krupp, Essen, einen Brief geschrieben3, in dem er Krupp zu der Verleihung einer Auszeichnung durch Hitler auf das wärmste beglückwünscht und gleichzeitig an die Zusammenarbeit mit Krupp während der Zeit der Reichskanzlerschaft Wirth erinnert, in der sie beide tätig gewesen seien, die Leistungen Deutschlands auf dem Gebiete der Waffentechnik hochzuhalten. Diesen Brief hat Krupp zu seinen Akten genommen. Er ist dann dadurch in die Hände der Amerikaner gekommen. Man kann m. E. es gegenüber den Alliierten nicht verantworten, daraufhin Herrn Wirth zum Vertreter für die Schweiz zu bestellen.

2) Wie ich zuverlässig weiß, schätzt man in maßgebenden Schweizer Kreisen, die seit Jahren Herrn Wirth kennen, seine geistigen und körperlichen Kräfte nicht mehr besonders hoch ein.

Ich bitte Sie, namentlich die letzte Mitteilung vertraulich zu behandeln, und bin mit ergebensten Grüßen
Ihr
(Adenauer)


  1. ^

    Das Anschreiben Köhlers ist in StBKAH nicht erhalten, da »nebst Anlage, Herrn Wirth betreffend«, Josef Löns übermittelt (Begleitschreiben ebenfalls vom 22.2.1948). Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Leben und Überleben im Exil – Am Beispiel von Heinrich Brüning, Ludwig Koos und Joseph Wirth, in: Paulus Gordan (Hg.), Um der Freiheit willen. Eine Festgabe von und für Johannes und Karin Schauff, Pfullingen 1983, S. 114.

  2. ^

    Hierzu ausführlich Hagen Schulze, Otto Braun, S. 821, 835.

  3. ^

    Zu diesem Schreiben Wirths vom 9.8.1940 Angaben bei Rudolf Morsey, Die Deutsche Zentrumspartei, S. 494.