Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

22. Oktober 1946 (Rhöndorf)

An Pia Gräfin Fürstenberg-Herdringen

, Herdringen bei Arnsberg/Westfalen

StBKAH 07.10


Sehr geehrte Gräfin1!

Ich erhielt Ihren Brief vom 9. d. Mts. mit seinen zahlreichen Beschimpfungen. Mit welchem Recht Sie meine Ausführungen als »frevelndes Urteil«, das nichts mit Christlichkeit zu tun habe, bezeichnen, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, woher Sie sich das Recht nehmen, meine Erklärung zum Falle Papen2 als »alle christlichen Gefühle tief verletzend« zu bezeichnen. Wenn ich Ihnen trotzdem auf Ihren Brief antworte, so tue ich das in Erinnerung an Ihren Vater, der, davon bin ich überzeugt, ein ganz anderes Urteil über Herrn von Papen haben würde als Sie und die meisten Ihrer Standesgenossen.

Den Wortlaut des Artikels der »Westfälischen Post« kenne ich nicht. Ich habe zum Nürnberger Urteil folgendes gesagt:

»Der Prozeß hat 10 Monate gedauert. Die Berichterstattung über ihn sowohl durch den Rundfunk wie durch die deutsche Presse war sehr schlecht. Wir sind daher nicht in der Lage, uns ein selbständiges Urteil über den Urteilsspruch zu bilden. Wir können nicht sagen, daß der eine zu leicht, der andere zu schwer bestraft worden sei. Wenn die Behauptung, daß Herr von Papen an der Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß beteiligt gewesen sein soll, richtig sein sollte, so wird er deswegen zur Verantwortung gezogen werden müssen. Im übrigen begrüße ich das Nürnberger Verfahren als einen völkerrechtlichen Fortschritt, allerdings unter einer Voraussetzung, und zwar unter der Voraussetzung, daß in Zukunft derartige Verfahren gegenüber allen Kriegsverbrechern angewendet werden und man sich nicht darauf beschränkt, einmal ein solches Verfahren an dem zerschlagenen Deutschland zu statuieren.«

Ich betone nochmals, daß ich die Ausführungen bezüglich Herrn von Papen rein konditionell gemacht habe. Ich glaube nicht, daß irgend ein rechtlich denkender Mensch etwas dagegen einwenden kann. Im übrigen möchte ich zum Fall von Papen folgendes sagen3.

Ich kenne Herrn von Papen seit mehr als 25 Jahren4. Seit 1933 habe ich ihn allerdings nicht mehr gesehen oder gesprochen5.

Ich glaube ihn und seinen Charakter sehr genau zu kennen. Mein Urteil lautet völlig anders als das Ihrige. Herr von Papen war immer ein äußerst ehrgeiziger Mensch, dem es vor allem darum ging, eine Rolle zu spielen. Prinzipielle Fragen haben bei ihm nie eine Rolle gespielt. Herr von Papen hat in den 20er Jahren versucht, mit Hilfe der christlichen Gewerkschaften im Zentrum etwas darzustellen. Es ist ihm damals nicht gelungen. Dann hat er sich dem rechten Flügel der Partei zugewendet. Herr von Papen durfte unter keinen Umständen sich von Hitler und seinen Leuten täuschen lassen. Er stand dem politischen Geschehen nahe. Er mußte das Vorleben dieser Leute kennen und hat es gekannt. Wenn er Ehre im Leibe gehabt hätte, hätte er nach dem 30. Juni 1934 ein für alle Male mit Hitler gebrochen. Ich habe ihm immer mildernde Umstände in meinem Urteil über ihn zugebilligt wegen seiner abnormen Beschränktheit. Leider haben sich manche von seinem verbindlichen Wesen und seinem frommen Gerede täuschen lassen.

Wenn Sie mit Ihrem Satz »Zu solcher Haltung gehört oft mehr Courage als dem feindlichen Beiseitestehen vor einer überwältigenden Übermacht« mich gemeint haben, so möchte ich mir versagen, darauf näher einzugehen.

Ich benutze diese Gelegenheit, um Ihnen zu sagen, wie tief empört ich – der ich den Wert der Tradition kenne und schätze – über die Haltung des größten Teiles Ihrer Standesgenossen während der nationalsozialistischen Zeit bin; sie sind unter Verleugnung ihrer Tradition aus einer völlig unbegründeten Abneigung gegen eine wirkliche Demokratie einem verbrecherischen Abenteu[r]er nachgelaufen und haben dadurch vor Gott eine schwere Schuld auf sich geladen.

Ich meine, Sie sollte der Tradition Ihres Vaters eingedenk sein und seinem Geiste entsprechend die vergangenen 12 Jahre überprüfen.

Ihr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Maria Pia Gräfin von Fürstenberg-Herdringen (1869-1959) hatte in ihrem Anschreiben öffentliche Äußerungen Adenauers über Franz von Papen (s. u.) kritisiert: »Nicht allein in unseren Kreisen … , sondern [bei] tausende[n] seiner hiesigen westfälischen Landsleute« hätten diese ›Diffamierungen‹ »Entrüstung, ja Empörung« ausgelöst.

  2. ^

    Veröffentlichung der Erklärung Adenauers in: ›Kölnische Rundschau‹ vom 4.10.1946, S. 2. Zu einer weiteren Presseverlautbarung wegen von Papen gab kurz darauf das in Umlauf gebrachte Gerücht Anlass, Adenauer werde den CDU-Zonenvorsitz an von Papen abtreten; vgl. den in der ›Kölnischen Rundschau‹ vom 11.10.1946, S. 2 erschienenen Leitartikel ›Tag der Entscheidung‹.

  3. ^

    Zum nachfolgenden weitgehend identische Aussagen in zwei weiteren in dieser Angelegenheit am 22.10.1946 geschriebenen Briefen:

    a) An Fritz Dalichow, Einbeck/Hannover, der am 10.10.1946 um Distanzierung von der erwähnten Pressemeldung gebeten hatte;

    b) an Johannes Mohrdieck, Ahrensburg/Holstein, der Adenauer am 11.10.1946 »zugleich im Namen mehrerer Gesinnungsfreunde« angeschrieben hatte, »die ihr Verbleiben in der Partei ebenfalls von dem Ausfall der … Antwort abhängig machen wollen.«

  4. ^

    Hierzu ergänzend Adenauer an Mohrdieck: »Ich kenne ihn seit dem Jahre 1917 und bin bis zum Jahre 1933 oft mit ihm zusammen gewesen.«

  5. ^

    Im Widerspruch zu dieser eigenen Bekundung Adenauers meint Ulrich Frank-Planitz (Konrad Adenauer, S. 53), eine »geheimgehaltene Begegnung. von Papen-Adenauer (in Chandolin); noch für 1938 nachweisen zu können.