Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Eberhard Neuhaus
, Bad PyrmontStBKAH 07.16
Sehr geehrter Herr Neuhaus!
Auf Ihren Brief vom 5. d. Mts., hier eingegangen am 11.9., komme ich infolge mehrfacher Abwesenheit erst jetzt zurück1. Ich bitte, dem dortigen englischen Kommandanten, Herrn Oberst Hicky, folgendes zu sagen:
Man müsse die jetzige Einstellung der Deutschen zu den Engländern auch einmal vom Standpunkte der Deutschen aus betrachten. Die Engländer seien als Befreier hier allenthalben begrüßt worden im Hinblick auf die vorangegangenen Erklärungen des Londoner Rundfunks und die von den englischen Flugzeugen während des Krieges abgeworfenen Zettel. Um so schmerzlicher sei gerade in den Kreisen, die sich vom Nationalsozialismus freigehalten hätten, die Enttäuschung über das Verhalten maßgebender englischer Stellen. In weitesten Kreisen, namentlich auch den denkenden Kreisen der Bevölkerung, sehe man in dem bisherigen wirtschaftlichen Vorgehen der Engländer weit mehr als die Absicht, die Kriegsindustrie der Deutschen zu vernichten. Man erblicke darin vielmehr die Absicht, die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkt möglichst gering zu halten. Englische Zeitungen hätten das Gleiche wiederholt sehr offen geschrieben. Auch jetzt noch, trotz des neuen Industrieplans2, trotz der Entwicklung der ganzen Verhältnisse, die sich am besten in die Worte: Ost und West zusammenfassen lassen, wurden von zwei englischen Stellen, T-Force3 und Reparations-Deliveries-Restitutions4, und zwar angeblich in vielen tausenden Fällen, sogenannte Prototyp-Maschinen, d. h. Schlüsselmaschinen, aus den Betrieben herausgeholt. Dadurch wurden die betreffenden Werke entweder völlig konkurrenzunfähig gemacht oder jedenfalls in ihrer Tätigkeit auf Jahre hinaus gelähmt. In der Fabrik für Holzbearbeitungsmaschinen Schütte in Köln soll jetzt eine nie wieder zu ersetzende Maschine schweizerischen Ursprungs herausgeholt werden, durch die diese Fabrik auf das schwerste geschädigt würde. Neuerdings wolle man aus dem Elektrizitätswerk Münster die neueste Turbine wegholen.
Auf meine Anfrage im Zonenbeirat, ob diese Demontierungen von Einzelmaschinen, die nicht auf Kontrollratsbeschlüssen beruhten und die in der amerikanischen Zone nicht stattfänden, weitergingen, hat General Bishop geantwortet, daß er z. Zt. nicht in der Lage sei, eine Antwort geben zu können5. – Durch diese Vorgänge würde nach wie vor auf deutscher Seite großes Mißtrauen erweckt.
Ich hätte vor einigen Tagen General Robertson und Regional Commissioner Asbury gegenüber die gleichen Ausführungen gemacht6 und diese gebeten, alles zu tun, damit gerade diese Demontagen, die viel schlimmer für die deutsche Wirtschaft seien als die Demontagen ganzer Werke, aufgrund von Kontrollratsbeschlüssen aufhören möchten. Ich verkennte nicht, daß ein Teil der englischen Stellen durchaus wohlwollend und gerecht sei, aber eine völlige Wendung sei bisher noch nicht eingetreten. Als Führer einer großen Partei sei man verpflichtet, gegenüber der Öffentlichkeit auch solchen Strömungen innerhalb der Partei Ausdruck zu geben. Wenn man das nicht tue, schade man mehr als daß man nütze. Ich für meine Person sei absolut ein Freund der Bestrebungen für europäische Zusammenarbeit einschließlich der deutschen Wirtschaft unter Englands Führung. Mein dringendster Wunsch sei, daß die gesamte englische Bevölkerung ihre europäische Mission erkenne. Ich hätte das auch immer wieder öffentlich zum Ausdruck gebracht.
Ich hätte nachträglich gehört, daß gerade in Pyrmont die Behandlung der Deutschen durch die englische Militärregierung ganz vorbildlich sei und daß Oberst Hicky das Verdienst dieser Behandlung für sich in Anspruch nehmen könne. Ich hätte bei meinen Ausführungen den örtlichen englischen Stellen, insbesondere Herrn Oberst Hicky, in keiner Weise zu nahe treten wollen. Wenn der Eindruck entstanden sein sollte bei Herrn Hicky, daß dies der Fall sei, so würde ich das sehr bedauern.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)
Neuhaus hatte über eine Unterredung mit dem britischen Stadtkommandanten von Bad Pyrmont, Oberst Hicky, berichtet; dieser »kam auch auf Ihren CDU-Vortrag zu sprechen und kritisierte ihn sehr scharf. Gerade die CDU, meinte er, solle doch wissen, daß Deutschland nur im Anschluß an den Westen leben könne, aber über die Kritik, die Sie über die englische Besatzung und ihre Arbeit gefunden hätten, könne sich nur Rußland freuen.«
›Revidierter Plan für das Industrieniveau der britischen und amerikanischen Zone Deutschlands‹ vom 27.8.1947; Druck: Gustav Stolper, Die deutsche Wirklichkeit. Ein Beitrag zum künftigen Frieden Europas, Hamburg 1949, S. 362-368. Vgl. Akten zur Vorgeschichte Bd. 3, S. 487 und die ausführlichen Darlegungen in den Adenauer-Erinnerungen (1945-1953, S. 120-124).
T-Force, nach Dieter Scriverius (Die britische Demontagepolitik, S.97) ›Technical-Force‹. Eine andere Lesart geht aus Anm. 5 hervor.
Demontageabteilung der britischen Militärregierung; vgl. Dieter Scriverius, Die britische Demontagepolitik, S. 96.
Anfrage vom 25.8.1947: »Wird die Demontage von Einzelmaschinen durch Reparation Deliveries Restitution oder durch Target-Force in Zukunft unterbleiben?« (Original des Schreibens in: BT PA 1/50); vgl. hierzu die Ausführungen Adenauers sowie die Erwiderung von Henry Alexander Bishop am 9.9.1947 im Zonenbeirat (Druck: Akten zur Vorgeschichte Bd. 3, S. 435, 438).
Zu diesem Treffen mit Robertson und Asbury am 15.9.1947 (anlässlich eines Empfangs für Partei- und Gewerkschaftsverteter) veröffentlichte ›Die Welt‹ am 16.9.1947 (S. 3) ein Adenauer-Interview.