Rhöndorfer Ausgabe Online
An Paul Silverberg
, LuganoStBKAH 07.03
Lieber Herr Silverberg!
Gestern kam ein Paket aus der Schweiz hier an. Es enthielt: kondensierte Milch, Kaffee, Zucker und Honig. Der Absender des Paketes war nicht genannt. Es war nicht mit der Post gesandt worden, sondern über den Caritasverband. Ich gehe wohl nicht fehl mit der Annahme, daß wir das Paket Ihnen verdanken. Nehmen Sie meiner Frau und meinen herzlichsten Dank dafür entgegen1.
Wir sind z. Zt. politisch auf Hochtouren. Am 30. März werden in den Ländern der britischen Zone Landtagswahlen stattfinden, die Abgeordneten werden für 3 Jahre gewählt. Diese Landtage werden für das zukünftige Geschick Deutschland's von entscheidender Bedeutung sein. Dazu kommt, daß von der Sozialdemokratie jetzt die Frage der Sozialisierung des Bergbaues und der Schlüsselindustrien heftig betrieben wird. Gerade diese Frage stellt die innere Festigkeit der CDU auf eine nicht leichte Probe. Ich kann aber jetzt schon sagen, daß sie diese Probe glänzend bestehen wird und daß wir zu einer völlig übereinstimmenden Stellungnahme in der gesamten Partei der britischen Zone kommen werden2.
Die Not steigt fast von Tag zu Tag. Der ziemlich strenge Winter und der Mangel an Hausbrand trägt das Seinige dazu bei, um die Menschen noch anfälliger und apathischer zu machen. Es ist vielleicht für die ganze Lage bezeichnend, daß z. B. auch ich seit einiger Zeit an Hungerödem durch Eiweißmangel leide. Unendlich viele haben es noch sehr viel schlechter als ich und leiden dementsprechend mehr. Unser Arzt hat mir dringend empfohlen, Käse als vollwertigsten Eiweißträger mir zu verschaffen. Das ist aber hier in Deutschland ausgeschlossen. Wenn Sie bei Ihren etwa von Ihnen geplanten zukünftigen Sendungen kleine Käse, wie man sie in der Schweiz hat, einige beifügen lassen könnten, so wäre ich Ihnen dafür sehr dankbar.
Meine Frau und ich grüßen Sie immer herzlichst
Ihr
(Adenauer)
Ein Anschreiben Silverbergs ist aus diesem Zeitraum nicht erhalten; über einen gemeinsamen Bekannten, J. Berndgen, Bonn, ließ er kurz darauf mitteilen, daß er infolge schwerer Erkrankung »seine Briefschulden nur nach und nach tilgen kann« (Schreiben Berndgens vom 21.2.1947 in StBKAH 07.01).
Vgl. Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 106.