Rhöndorfer Ausgabe Online
An die Außenstelle Düsseldorf der Deutschen Nachrichtenagentur
StBKAH 07.13, ohne Anrede
Nachstehend beantworte ich Ihre Fragen vom 24. d.Mts.1:
Zu a):
In der Schweiz habe ich zahlreiche Unterhaltungen mit Persönlichkeiten, die im politischen oder wirtschaftlichen Leben der Schweiz eine Rolle spielen, gehabt2. Mit ausländischen Persönlichkeiten bin ich nicht zusammengetroffen3.
Zu b), c) und d):
Trotz der überaus freundlichen Aufnahme, die ich überall, auch bei sehr einfachen Leuten gefunden habe, und trotz vielfach zu Tage tretender Sympathie für Deutschland hat man in der Schweiz verhältnismäßig wenig Interesse für Deutschland. Zur Zeit ist Deutschland wegen seiner wirtschaftlichen und politischen Lethargie uninteressant. Die Schweizer Presse ist über die Zustände in Deutschland sicher z. T. wenig orientiert. Man macht sich in der Schweiz keine Gedanken darüber, ob die amerikanische oder die englische Politik gegenüber Deutschland die bessere ist, von der französischen und sowjetischen spricht man nicht.
Zu e):
Die wirtschaftliche Lethargie Deutschlands macht sich auch in der Schweiz bemerkbar. Zahlreiche früheren Spezialitäten Deutschlands werden jetzt in der Schweiz hergestellt, so daß der Ausfall Deutschlands nicht so stark in die Erscheinung tritt. Das Schweizer Volk insgesamt steht, wie ich schon gesagt habe, den Deutschen freundlich gegenüber. Führende Persönlichkeiten sind sich darüber klar, daß das Geschick der Schweiz auch in sehr starkem Maße von der Zukunft Deutschlands abhängig ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(Adenauer)
Auf die Wiedergabe oder Regestierung des Fragenkatalogs wird wegen der Eindeutigkeit der Antworten verzichtet.
Derartige Spekulationen waren im Sommer 1947 verschiedentlich Gegenstand von Presseveröffentlichungen (hierzu Adenauer-Dementis in: ›Kölnische Rundschau‹ vom 6.6.1947, S. 2 [Treffen mit de Gaulle]; ›Kölnische Rundschau‹ vom 9.8.1947, S. 2 [Treffen mit Heinrich Brüning im Auftrag des Vatikans]).
Hierzu ist in StBKAH 08.59 zusätzlich erhalten: Aktennotiz Adenauers vom 19.8.1947 über eine Vorstandssitzung der CDU/CSU-Arbeitsgemeinschaft am 24.7.1947 in Frankfurt/Main: »... habe ich ... im Hinblick auf einen Artikel, der im ›St. Galler Volksblatt‹ über meine Reise nach der Schweiz erschienen ist, der aus Berlin datiert war und die Behauptung enthielt, daß ich mit dem Bruder des Generals de Gaulle, der Generalkonsul in Genf sei, zusammentreffe, Herrn Jakob Kaiser gefragt, ob er mir zweckdienliche Angaben machen könne, um den Urheber dieser Mitteilung ausfindig zu machen. Herr Kaiser zeigte kein Erstaunen über diese Frage, sondern sagte nur, er sei dazu nicht in der Lage. Ich bin der Überzeugung, daß Herr Lemmer auch Urheber dieser Mitteilung ist«.