Rhöndorfer Ausgabe Online
An Dr. Josef Müller
, MünchenStBKAH 07.03
Lieber Herr Müller!
Ich weiß nicht sicher, ob man Ihnen Glück wünschen soll. Ich glaube aber, daß es richtig war, daß Sie in das Kabinett eintraten1. Dadurch wird m. E. von vorneherein manche Unstimmigkeit vermieden werden. Ich hoffe aber sehr, daß Sie durch die Übernahme des Postens als stellvertretender Ministerpräsident und als Justizminister der parteipolitischen Arbeit auch außerhalb Bayerns nicht entzogen werden. Das würde für unsere gemeinsame Sache ein großer Verlust sein.
Darf ich gleichzeitig eine persönliche Bitte an Sie richten? Vor einiger Zeit bat ich Sie, einem Wunsche von Fräulein Silverberg, Entbindungsheim Wartaweil, stattzugeben. Ich erhalte Ihre Mitteilung, dass Sie die Angelegenheit einem Freunde, der in diesen Dingen erfahren sei, weitergegeben hätten. Nunmehr hat Fräulein Silverberg mich gebeten, ihr zu ermöglichen, Sie zu sprechen. Ich komme diesem Wunsche von Fräulein Silverberg hiermit nach und bitte Sie sehr, trotz Ihrer starken Inanspruchnahme, Fräulein Silverberg kommen zu lassen. Fräulein Silverberg übt eine vorbildliche caritative Tätigkeit aus. Ihr Vater, Dr. Paul Silverberg, hat sich vor 1933 grosse Verdienste umd as Wirtschaftsleben erworben. Er ist dann von den Nazis vertrieben worden. Es besteht also durchaus Anlass, Fräulein Silverberg gut zu behandeln.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und bin mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Nach dem Ausscheiden der SPD-Minister aus der bisherigen bayerischen Koalitionsregierung hatte Hans Ehard unter Einbeziehung Müllers eine reine CSU-Regierung gebildet; vgl. Josef Müller, Bis zur letzten Konsequenz, S. 348-351.